Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion)

Heiße Phase

Mick Doohan stürzte und gab wegen seiner durchgeschmorten Sitzbank auf. Brünn-Sieger Max Biaggi macht dem Weltmeister nun auch in der WM-Wertung die Hölle heiß.

Im Windschatten von Max Biaggi drehte Ralf Waldmann eine Superrunde und stürmte dadurch mit seiner Modenas KR 3 in die erste Startreihe. »Unglaublich«, schmunzelte Waldi, gab die Komplimente aber sofort an seinen »alten Kampfgefährten« weiter. »Ohne Max wäre das tausendprozentig unmöglich gewesen. Er schaute sich um, ich signalisierte ihm, Gas zu geben und hängte mich an sein Hinterrad. Dafür werde ich ihn zu Hause in Monaco zum Abendessen einladen!« Der Plan, im 500er Rennen genauso vorzugehen, fiel allerdings kläglich ins Wasser. Nachdem sein Roberts-Team auf den Einsatz des neuen Motors verzichtet hatte (siehe »Hinter den GP-Kulissen«, Seite 166), ruckelte nun plötzlich auch das bewährte alte Modell unlustig vor sich hin. Waldi fiel beim Losfahren fast ans Ende des Felds zurück, war nach einer Runde erst 18. und kam auch dann nur träge vorwärts. »Der Motor lief zäh, aus den Kurven fehlte Beschleunigung. Auch die Schaltautomatik funktionierte nicht. Erst als ich die Zündung zu Rennmitte mit dem Killschalter aus- und wieder einschaltete, wurde es etwas besser«, berichtete der Modenas-Pilot. Waldmann gelang es, die Lücke zu Eskil Suter zu schließen und die MuZ 500 auf Platz 14 zu verdrängen, er scheiterte aber mit einem Schlußangriff auf Nobuatsu Aoki und mußte sich mit dem undankbaren 13. Platz abfinden. Ebenso herb war der Rückschlag für Mick Doohan. »Hier in Brünn hatten wir schon immer zuwenig Vorderradgrip. Unsere fortdauernden Probleme mit der Gabelfederung machen alles noch schlimmer. Das Untersteuern ist unglaublich«, schilderte der Weltmeister nach dem zweiten Platz im ersten Training. Am Samstag legte er zahllose Boxenstopps ein, schob sich allmählich an die Bestzeit Max Biaggis heran und entriß ihm die Pole Position in letzter Sekunde. Doch Doohans Sturmlauf auf die Spitze im Rennen endete schon in der ersten Runde. Ohne jede Feindeinwirkung rutschte ihm in einer Rechtskehre das Vorderrad weg. Doohan stellte die havarierte Repsol-Honda wieder senkrecht und hetzte dem Feld mit grimmigem Durchhaltewillen hinterher. Den ersten Nachzügler stellte er in Runde neun; in Runde zwölf war er an 19. Stelle und hatte WM-Punkte in Reichweite. Doch dann wurde der amtierende Champion wieder langsamer und verschwand in der Box. »Ein Auspuff war gebrochen und sengte ein Loch in die Sitzbank. Als der Sitz vollends kollabierte, blieb mir keine andere Wahl«, brummte Doohan, der sich bei seinem aufopferungsvollen Einsatz auch noch das Gesäß verbrannt hatte. Jetzte macht ihm der große Rivale Max Biaggi fünf Rennen vor Saisonschluß auch in der WM-Wertung die Hölle heiß. Der Römer legte einen lupenreinen Start-Ziel-Sieg hin, stürmte wieder an die Tabellenspitze und demonstrierte frappierende Kaltblütigkeit. Denn anders als bei seinem ersten Sieg zum Saisonauftakt in Japan war Max keineswegs unbehelligt. Alex Barros, Alex Crivillé und Tadayuki Okada bewachten ihn auf Schritt und Tritt und lauerten im Windschatten auf die Chance, beim ersten kleinen Fehler Biaggis in die Lücke zu stechen. Doch Max zog seine Radien mit stoischer Gelassenheit, wobei er trotz seiner runden, unspektakulären Fahrweise so unangreifbar schnell war, daß seine Verfolger nicht einmal ein Rad neben die rote Marlboro-Honda brachten. Den heikelsten Moment des Rennens erlebte Biaggi, als er bereits gewonnen hatte: An der schwarzweiß karierten Flagge zog er mit einem derart übermütigen Wheelie vorbei, daß er bei Tempo 200 fast nach hinten übergekippt wäre und sich nur noch mit einem reflexartigen Tritt auf die Hinterradbremse retten konnte. Alles andere aber hatte er voll unter Kontrolle - selbst seine Titelchancen, die er nach dem Sachsenring-Grand Prix noch weit von sich gewiesen hatte. »Die lange Sommerpause wurde von vielen Fahrern kritisiert. Für mich war sie ein fundamentaler Vorteil«, verriet Biaggi. »Wir konnten in aller Ruhe testen, ohne Druck, ohne Nervosität, und haben gewaltige Fortschritte gemacht. Wir kennen das Motorrad jetzt besser und wissen, wie wir in Problemsituationen vorgehen müssen. Bislang sind wir zum Beispiel nach jeder mißlungenen Änderung zum vorhergegangenen Set-Up zurückgekehrt. Jetzt wissen wir, wo wir eingreifen müssen, um uns solche Umwege zu ersparen.« Selbst der Weltmeister ist kein Angstgegner mehr für Biaggi. »Als meine Box »Doohan k.o.« signalisierte, dachte ich: armer Mick«, kommentierte er die Schlüsselszene des Rennens. Einiges in der Psyche Biaggis spricht dafür, daß die Bemerkung durchaus ehrlich gemeint war - denn Supermax hält sich für gut genug, auch ohne die Havarien seiner Gegner bestehen zu können. Das macht ihn gefährlicher als Alex Crivillé, der sich zu lange als Meisterschüler sah und Jahre seiner Halbliterkarriere mit dem Warten auf Doohans Fehler verbrachte. In Brünn trumpfte der Spanier erst im Endspurt groß auf. Crivillé überholte Okada und Barros, radierte in der letzten Runde noch die neue Rekordzeit in den Asphalt, hatte sein Schlußfeuerwerk aber zu spät gezündet - Max Biaggi flitzte sieben Zehntelsekunden vor ihm über die Linie. Und hielt dabei ein Fahrerfeld in Schach, das dank der vier rennfreien Wochenenden bis auf MuZ-Pilot Doriano Romboni wieder in der ursprünglichen, vollständigen Besetzung antrat. Was die verletzten Gladiatoren dazu treibt, immer wieder zu den Löwen in die Arena zu steigen, beschrieb Jean-Michel Bayle, der seit seinem Vorsaison-Sturz auf der ölverschmierten Shah Alam-Piste in Malaysia an Schwindelanfällen und Kopfschmerzen laborierte. »Alles hinzuschmeißen und Frührentner zu werden, wäre der leichte Weg gewesen. Doch Genesung bedeutet für mich, wieder das tun zu können, was ich vor meiner Verletzung getan habe. Deshalb habe ich so fleißig auf mein Comeback hingearbeitet«, erklärte der Franzose. In Brünn brauste er auf den dritten Trainingsplatz, hatte im Rennen aber doch noch Konzentrationsstörungen und fiel abgekämpft auf den achten Platz zurück. Hatte Bayle seit dem Saisonfinale 1997 kein Rennen mehr bestritten, so trat Carlos Checa schon sieben Wochen nach seinem Horrorsturz in England wieder an. »Rücktritt? Genausogut könntest du mich für den Rest meines Lebens in ein Zimmer sperren«, formulierte der unerschrockene Spanier. 18 Minuten vor Ende des Abschlußtrainings wurde er bei einem Highsider abermals von seiner MoviStar-Honda gewirbelt und trudelte wie in einem Sylvester Stallone-Film vor einem wild lodernden Flammenmeer über den Asphalt. Doch so verheerend der Sturz auch aussah, diesmal kam Checa ungeschoren davon und fuhr tags darauf vor Bayles Nase auf Rang sieben. Sein Teamkollege John Kocinski, der schon im Training hoffnungslos hinterherächzte und von Eskil Suter im Rennen trotz Schaltproblemen an der MuZ 500 auf Platz 15 verwiesen wurde, war von der Feuerfront um Checas Maschine nachhaltig beeindruckt. »Am liebsten würde ich auch meine Maschine verbrennen«, flüsterte der Amerikaner.
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