Güllepumpen-Treffen in Vechta (Archivversion)

Schiet drupp!

Jährlich kommen hunderte Honda-CX-Fahrer mit teils abenteuerlichen Umbauten nach Vechta, um der Güllepumpe zu huldigen. Und das, obwohl sich der Rest der Motorradwelt über sie lustig macht. »Drauf geschissen!« sagen die Fans.

Den Weg nach Vechta zum weltweit größten Honda-CX-Treffen könnte jedermann per Routenplaner im Internet leichthin finden. Gerüchten zufolge war es jedoch ein Pater des ortsansässigen Dominikanerklosters, der einst die perfekte Streckenbeschreibung in die niedersächsische Kreisstadt lieferte: »Fahren Sie auf der A1 zwischen Bremen und Osnabrück, und wenn es anfängt zu stinken, nehmen Sie bitte die nächste Autobahnausfahrt.«Es riecht in Südoldenburg. So heißt die Gegend rund um Vechta, und das Land ist reich gesegnet mit einem ganz speziellen Rohstoff: Gülle. Und weil’s davon so viel gibt, loben und preisen die dortigen Landbewohner den Herrn für Hühnerkacke, Schweineschiet und Rinderkot. Stellen an fast jeder Weggabelung Jesuskreuze auf, gehen sonntags artig in die Kirche, wie es sich für gute Katholiken gehört. Und bauen horizontweit Futtermais an sowie riesengroße Ställe auf für rund 15 Millionen Hühner, mehr als eine Million Schweine und ganze Legionen sonstigen Viehzeugs. Erwirtschaften so Massen an Tierprodukten. Und Massen an Tierabfallprodukten: Drei Milliarden Liter Flüssigmist fallen jährlich an, die als Düngemittel auf den Feldern verteilt werden – und das geht prima mit einer Güllepumpe.Vielleicht versteht jetzt auch ein Außenstehender, warum ausgerechnet in dieser für Motorradfahrer reizlosen Gegend – keine Kurven, keine Berg-panoramen, wenige Sehenswürdigkeiten – jedes Jahr rund 350 Biker zusammenkommen. Vorausgesetzt, der Außenstehende hat irgendwann einmal den Kult-Comic »Werner Eiskalt« von Rötger Feldmann zu Gesicht bekommen. Dort hilft Hauptfigur Werner Brösel dem Bauern Horst, eine defekte Pumpe am Güllefass instand zu setzen, indem er eine Honda CX 500 beziehungsweise deren Aggregat umfunktioniert und zufrieden feststellt: »beste Güllepumpe auffe Welt«.Die CX-Fahrer hatten in den Achtzigern nach dieser publikumswirksamen Taufe nicht mehr viel zu lachen. Der wenig schmeichelnde Name gab den ohnehin schon mit einem Spießer-Image belegten Besitzern den Rest: Viele hängten ihren Schuberth-Golfballdesign-Helm an den Nagel oder sattelten um auf ein anderes Motorrad. Wer sich von diesen Frotzeleien nicht ins Bockshorn oder auf den Gebrauchtmarkt jagen ließ, tat gut daran, denn die zuverlässigen Honda-Twins versagten ihren treuen Besitzer nie den Dienst. Von 1977 bis 1985 wurden in Deutschland knapp 44000 Güllepumpen verkauft. Über 14000 rollen noch durchs Land – vom Urmodell CX 500 über den Softchopper CX 500 C bis zum Reisedampfer GL 650 Silver Wing. Alle gelten als besonders robust. Die CX stand seinerzeit deshalb auch bei Fahrschulen hoch im Kurs. Schwer einzuschätzen, bei wie vielen Motorradfahrern der erste Körperkontakt mit einem motorisierten Einspurfahrzeug auf einer CX zustande kam. Aber es müssen tausende, etliche tausende gewesen sein. Und wahrscheinlich noch mehr, die niemals zugeben würden, dass sie den Zweizylinder eigentlich gar nicht so übel finden.Die Güllepumpen-Fans, die sich in Vechta treffen, haben allerdings keine Probleme, ihre Zuneigung zur viel geächteten Japanerin offen zur Schau zu stellen. Patches, Sticker und andere Devotionalien allerorts. »Schieb deine Gülle mal da rüber«, »Ich hab’ noch ’ne blaue Gülle bei mir zu Hause rumstehen«, »Einmal Gülle, immer Gülle« – die Vokabel »Gülle« wird an diesem Juni-Wochendende fast schon inflationär gebraucht. Dabei haben die wenigsten der Angereisten eine Ahnung, was Gülle eigentlich genau ist. Wer will darüber auch schon alle Details erfahren?Matze und ein paar CX-Freunde aus dem Süden wollen’s wissen und gehen mit ihren V2-Güllepumpen auf Erkundungstour auf maisfeldergesäumten Kleinststräßchen im nahe gelegenen Moor. Die anderen Teilnehmer aus allen Teilen der Republik und Europas spulen derweil von den Organisatoren ausgearbeitete Touren ab. »Kennen wir schon, sind ja schon zum vierten Mal hier, und die Landschaft haut einen nicht vom Hocker«, erklären die Süddeutschen ihren Verzicht auf das angebotene Tagesprogramm.Irgendwo im platten Nichts finden sie, wonach sie gesucht haben: Hühnerställe, ein überdimensionales Holzreservoir und eine Leiter davor. Matze erklimmt das offene Megafass. Erst verschlägt es ihm die Sprache, dann den Atem. Wieder gefasst, kommentiert er: »Scheiße! Das ist ja gewaltig. Und es blubbert.« Klar blubbert es, Gülle besteht schließlich aus gegorenen Fäkalien. Unten am Gärtank ist ein beindicker Schlauch montiert, dessen Funktion zunächst unklar ist. Tobias, der mit seiner CX 500 die halbe Welt bereist hat und den kaum noch etwas beeindrucken kann, macht sich an einem der Hebel an dem Schlauch zu schaffen. Unvermittelt spritzen ein paar Liter Jauche aus dem Schlauch. Volles Rohr auf das Hinterrad von Jonnys Honda. Schadenfrohes Gelächter. Jonny nimmt’s gelassen: »Passt schon: Gülle trifft auf Güllepumpe. Doch stell’ dir mal vor, das Motorrad in diesem Topf zu versenken. Würde wahrscheinlich völlig zersetzt werden.« Matze: »Pass du lieber auf, dass sich dein Hinterrad nicht zersetzt.« Noch mehr Gelächter. Eigentlicher Höhepunkt des Treffens sollte ein Gruppenfoto mit allen Motorrädern werden – außer den artfremden, die auf dem Quarantäneparkplatz außerhalb verbannt sind. Es geht um einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Die Fäkal-Anekdote der süddeutschen CX-Freunde sorgte dann aber abends am Lagerfeuer für deutlich größere Spannung. Anscheinend hat Vechta doch mehr Sehenswürdigkeiten zu bieten als vermutet – wenn man eine Güllepumpe fährt.
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