Hallen-Enduro in Barcelona (Archivversion)

Badetag

Ein Bad gefällig? Wenn Offroader in der Menge baden möchten, gehen sie in die Halle. Nach Motocrossern und Trial-Piloten treten nun auch die Enduro-Cracks unterm Dach an. Fehlt nur noch die Indoor-Dakar.

Brüllend laute Pressluft-Fanfaren übertönen fanatisch geschwungene Holzrätschen. Immer wieder zerreißt ungedämpftes, infernalisches Zweitakt-Geknatter ausgebeinter Motorsägen die Luft. Die meisten der 10 000 Fans stehen auf ihren Sitzen. Johlen, applaudieren, gestikulieren. Normale Verhältnisse – zumindest hier in Spanien. Denn die Aficionados, wie die Freaks hier genannt werden, sind bekannt dafür, ihre Begeisterung zu zeigen. Ob Grand Prix, Supercross oder Indoor-Trial, wenn´s um das Thema Motorradsport geht, sieht man südlich der Pyrenäen rot. Nur: Der überbordende südländische Enthusiasmus, den die Herren Rossi, McGrath oder Lampkin bei ihren Auftritten auf der Iberischen Halbinsel gerne und genüsslich goutieren, lässt die meisten der 30 Offroader in der Arena eher verlegen dreinschauen. Rummel ist man nicht gewohnt im Endurometier. Ein Dach über dem Kopf ebenso wenig. Und beides zusammen schon gar nicht. Doch gerade diese Mischung macht´s. Die Fans, das Ambiente des Palau Sant Jordi, der für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona gebauten Halle, und die Tatsache, dass es nur dieses gibt – das einzige Hallen-Enduro der Welt. Hallen-Enduro. Der Widersinn in sich. Einen Sport, der sich mit Weite, Natur und Einsamkeit bescheidet, in betonierter weltstädtischer Enge ins Rampenlicht zu zwingen. Doch es funktioniert. Weil man versteht, dass Indoor-Enduro mehr ist als Supercross für Arme. Und weil man sich des Geists und der Stärken der Disziplin bewusst ist. In der Tat, die knapp 400 Meter lange Piste hätte den Charakter dieses Sports nicht besser komprimieren können. »I just love this race - ich liebe dieses Rennen hier«, gibt Juha Salminen, vierfacher Enduro-Weltmeister, im typisch finnisch akzentuierten Englisch zu. Obwohl gerade dem Skandinavier ein Supercross unter Enduro-Kollegen zupass gekommen wäre. Schließlich gilt der KTM-Werkspilot aus dem hohen Norden als Multitalent in Sachen Motorradsport. Mit Erfahrungen im Trial und erst kürzlich ergatterten Motocross-WM-Punkten hat sich der Vollprofi in der gesamten Offroad-Szene gehörigen Respekt verschafft. Mit zwei Siegen bei den drei bislang in Barcelona ausgetragenen Indoor-Enduros sowieso. Doch Cross-Meriten zählen beim überdachten Geländespiel nur auf den ersten 50 Metern was. Dann, wenn sechs Mann gleichzeitig vom Startgatter auf die erste Kurve zurasen und es gilt, dem im Fahrerlager noch so netten Nachbarn freundlich, aber bestimmt den Weg abzuschneiden. Der Rest bleibt Enduro. Wo statt höher, schneller und weiter vor allem eines zählt: durchkommen. Allein die mit gut halbmeter großen Steinbrocken gespickte Felspassage hätte Herrn McGrath verzweifeln lassen. Keine Runde, in der die scharfkantigen Brocken nicht bösartig irgendein Vorderrad aus der Spur schlugen und Ross samt Reiter fällten.Oder die anschließende Auffahrt. Nur ein paar Zentimeter von den Fans getrennt die Treppe hochrumpeln. Supersteil und auf den ungeschützten Betonstufen ebenso superschlüpfrig. Oben die 180-Grad-Kehre, danach dasselbe bergab. Allein die Einfahrt über ein schmales Brett ist diffizil. Anlauf Fehlanzeige. Wer strauchelt, kann gleich umdrehen. Wenn er denn könnte. Denn zwischen die Strohballen passt gerade mal ein Motorrad. So muss er von den Helfern wieder in Fahrt geschoben werden.Danach wird´s keneswegs besser. Ein Haufen Baumstämme liegen quer. Schlimmer noch, ein separat liegender Stamm zerstört einen Meter vor dem hölzernen Aufstieg den Schwung. Dito beim nächsten Holzhaufen 50 Meter weiter. Dann das Highlight aller Hindernisse, die 30 Meter lange Wasserdurchfahrt. Mit 30 Zentimeter Pegelstand gar nicht mal so tief. Aber dennoch gemein. Unter der Brühe verborgene, umherkullernde Steine attackieren die Balance per Überraschungsangriff. Und die zunächst harmlos ausschauenden Kiesel nach der Ausfahrt bleiben auch nur zu Beginn zahm. Jeder aus dem Bassin herausgeschleppte Wassertropfen macht sie glitschiger. Jede Runde wird die Glibberspur um ein paar Zentimeter länger. Zum Schluss zieht sie sich bis zu der Steinauffahrt nach der nächsten Kehre. Dann weicht das Wasser, das seitlich bei jeder Durchfahrt aus dem Bassin herausspritzt, auch die Zwischenräume der längs liegenden Baumstämme auf. Das Einzige, was danach noch trocken bleibt, ist die Tiefsandpassage kurz vor der Ziellinie. Und gerade die sehen die Enduro-Cracks auch nicht viel öfter als bei ihren Großraum-Touren in der Outdoor-Saison. Lediglich drei Runden dauert jeder Lauf über das hochkomprimierte Enduro-Terrain. Statt in sechs Stunden schaffen´s Herr Salminen und Co. in knapp fünf Minuten. Wenn alles läuft. Doch das tut´s nicht immer. Mit ein paar Zeitstrafpunkten wie sonst im Jahr ist´s unterm Dach nicht getan. Zwei Chancen besitzt jeder, um ins Finale zu kommen. Wer patzt, fliegt raus. Eines der Zugeständnisse an das Show-Bussiness. Was die freundlichen Herren aus den Wäldern dennoch kaum anficht. Man gibt ohnehin so viel wie immer: nämlich alles. Weil man´s gewohnt ist - und auch weil man´s muss. Denn sie sind allesamt da, die Größen des Metiers. Herr Salminen sowieso, die mit sieben WM-Titeln gekrönte Enduro-Ikone Kari Tiainen mit Landsmann und aktuellem 250er-Weltmeister Samuli Aro, Überflieger und zweifacher Titelträger Stefan Merriman aus Australien, Vizechampion David Knight aus England und natürlich die gesamte spanische Enduro-Noblesse mit Dakar-Kämpfer Joan Roma als Frontman.In der Tat stellte die schön brav mit eingeschaltetem Licht und Nummernschild antretende Enduro-Truppe mit ihren Auftritten so manches Supercross locker in den Schatten. Kein Platz war sicher, keine Situation hatte Bestand. Der ungewohnte Rennstress nagte an den Nerven der Stars der Materie. Ein unachtsamer Gasstoß hier, ein zu hastig angegangenes Steilstück da – ruck zuck versenkten sich sogar selbst die Edel-Offroader vorübergehend in den Fluten oder strauchelten an den Auffahrten. Interessant genug jedenfalls, dass kein Einziger der Aficionados auch nur einen einzigen Nac Nac oder Blockpass vermisste. Und ehrlich sowie sportlich anspruchsvoll genug, um letztlich in der Enduro-Welt aus der Retorte ebenfalls die Besten ganz oben stehen zu haben. Schließlich setzte sich auf dem Weg über die gesonderten Finalläufe für Zwei- beziehungsweise Viertakter im gemeinsamen Superfinale wieder einmal der Herr aller Offroad-Ringe die Krone auf – Juha Salminen.
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