Harley-Szene Kuba (Archivversion)

Vamos a la playa

In Schönheit zu stranden ist normal auf Kuba. Doch für die Harley-Freunde dortselbst beginnt die Freiheit erst auf topfebenem Asphalt.

Immer wenn ich nach Havanna fliege, schleppe ich von den 20 Kilo Freigepäck 15 Kilo Harley-Teile in meinem Koffer.« Marco Schmidt ist Wahlkubaner, fand jenseits des großen Teiches nicht nur zu Alisia und in den Hafen der Ehe, sondern auch zwei Flatheads: Baujahr 1947, starrer Rahmen, Handschaltung und Fußkupplung. Mit Ersatzteilen muß er sich in seiner alten Heimat versorgen. Und nicht nur sich selbst.Die Harlistas da drüben wollen auch was abkriegen. Sergio, der Meisterschrauber, schätzt den Bestand auf 70 bis 80 Harley. Keine jünger als Baujahr 1960, denn da griff das US-Embargo, von den Yankees gibt es seitdem keine popelige Schraube mehr. Aber das fördert die Kreativität. Sergio nennt es »kreolische Produktion«, wenn er in seinem schattigen Schuppen Originalteile aus Prinzip immer erst mal herausschraubt. Die werden dann irgendwie nachgefertigt, das Original einbehalten. Als Muster für weitere Anfertigungen. Wenn das nicht klappt, muß auch mal ein Bremszylinder aus Zschopau für die betagten Big Twins herhalten. Der Rest läuft über Vitamin B. »Verchromungen«, überlegt Marco, der seine Flatheads gerade von Sergio überholen läßt, »da weiß ich wirklich nicht, wo die das machen. Die Teile verschwinden wohl irgendwo im medizinischen Bereich, weil in Kuba an jeder Ecke fünf Ärzte stehen.« Die just aus diesem Grund auch liebend gern fachfremdem Tun frönen.Als Ausländer dürfte Marco eigentlich kein Motorrad besitzen. »Hier läuft alles über Strohmänner.« In seinem Fall eine »Strohfrau«. Alisia, Medizinerin von Beruf, natürlich, hatte anfangs freilich noch arg die Nase gerümpft, als er sich im Dezember 1994 in eine Harley verguckte: »Bist du verrückt? So ´ne alte Kiste?«Bevor der Dollar in Kuba wieder legal gehandelt wurde, konnte man so einen Eisenhaufen für ein paar tausend Pesos erstehen. Die Ami-Bikes rangierten im Status von Bauernmotorrädern. Aber dann kamen die Touristen. Seitdem wird keine Harley mehr unter 4000 Dollar gehandelt. Sowas wie TÜV gibt’s für Motorräder nicht, und Helmpflicht verträgt sich eh nie und nimmer mit karibischer Leichtigkeit.Obwohl Zweiräder nicht exportiert werden dürfen, nimmt der Bestand auf wundersame Weise rapide ab. Welche Kanäle nach Europa führen, weiß Marco freilich nicht. Für eine schnieke Indian, die noch wie am Schnürchen lief, wollte er mal 6500 Dollar auf den Tisch des stolzen Besitzers blättern. Doch dessen Antwort irritierte ihn ein wenig: »Der Timmermann aus Potsdam (ein Indian-Spezialist, die Redaktion) war auch schon hier. Meine Scout kriegte aber auch er nicht.«Wer ein amerikanisches Bike besitzt, gibt es nicht wieder her. Und die zwanzig Mann vom Harley-Davidson-Club Cuba schon gar nicht, die sich jeden Samstag auf der havannischen Uferpromenade Malecon treffen. Da werden dann die Ausfahrten abgesprochen, die oft genug in Varadero enden. Denn dorthin führt der einzige kubanische Highway, flach und eben. Bestens geeignet für ungefederte Ausritte. Für zwei Pesos Mautgebühr. Nur Touristen müssen zwei Dollar hinlegen. Die valutafixierte Marktwirtschaft macht sich allmählich bemerkbar, und die Regierung fährt schon längst keinen radikalsozialistischen Kurs mehr. Das haben die Harlistas natürlich spitzgekriegt. Sergio soll kürzlich in Milwaukee gewesen sein. Er möchte seinen Club von der Harley-Davidson Owners Group autorisieren lassen. Worauf er da wohl spekuliert? Marco vermutet das Naheliegendste: »Wahrscheinlich will er eines Tages die Generalvertretung übernehmen.“
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