Hetzjagden auf Motorradfahrer––––– (Archivversion)

Durch diese hohle Gasse ...–––––

... muß er kommen. Das ist der Abschuß: Schillernde Figuren wüten im Verkehr. Kühlen ihr Mütchen an Motorradfahrern.

Sonntag, früh am Morgen, A5 zwischen Darmstadt und Frankfurt. Die Autobahn - leer. Wie sich«s Rainer Dörge aus Siegburg für seine Ducati 916 erträumt. Vollgas. 240 km/h. Weit vorn, rechts, ein Punkt. Der schnell Gestalt annimmt. Sich als fescher Daimler entpuppt. Und ohne zu blinken - grundlos, seine Bahn ist frei - links rüber drängt. Dörge steigt in die Eisen, geht auf Schlingerkurs. Könnte sein, daß Stern-Fahrer pennt. Tut er aber nicht. »Der Mercedes-Pilot zog direkt neben mich, zu drei Vierteln auf der linken Spur, grinste mir blöd entgegen.« Es ist paradox. Seit Jahren sinken die Unfallzahlen, sterben weniger Menschen auf Deutschlands Straßen. Pro Milliarde gefahrener Kilometer 82 Tote anno 1970, deren 14 waren«s 1997. Dennoch, auch das belegen Zahlen, klagen Verkehrsteilnehmer mehr denn je über wachsende Aggression. Ein scheinbarer Widerspruch. Weil »jede Gesellschaft«, so orakelte der österreichische Romancier Heimito von Doderer, »bekanntlich von der Minderheit der Anwesenden in ihrem Niveau am meisten bestimmt wird«. Ein richtiges Arschloch genügt also, um überall dicke Luft zu fabrizieren. Wie der besternte Amokfahrer, der mit dem Leben des Ducatisto sein sadistisches Spielchen trieb. Was er, vermutlich, für völlig normal hielt. Der Mensch fährt, wie er lebt. »Die Konkurrenz im Beruf nimmt zu, Ellbogenmentalität macht sich breit, der Sozialstaat wird abgebaut.« Für Jochen Lau, Diplompädagoge in Diensten des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, spiegeln sich gesellschaftliche Verhältnisse auf den Straßen wider. Worunter Motorradfahrer mitunter arg leiden. Weil sich ihre Gefährte den Hierarchien rundum beblechter Karossen schnöde entziehen. »Schwere Motorräder ... werden oft als Provokation empfunden«, schreibt Verhaltensforscher Dr. Gerd Rüppell. »Sie sind eben schneller beim Start und in Staus als jeder noch so teure Sportwagen. Und wenn ein Chopper-Fahrer, lässig zurückgelehnt, mit an das Genitalpräsentieren bei Primaten erinnernden gespreizten Beinen an einer Kolonne vorüberzieht, läßt das nur wenige Autofahrer kalt. Viele werden aggressiv.« Zumal wenn zwei Rot sehen. Anläßlich Ampelkonfrontation - dem alltäglichen Show-down. »Gib ihnen dieses befriedigende Gefühl der Überlegenheit«, rät Bandit-Fahrer Udo Stenzel aus Lichtenau. »Im Laufe der Jahre entwickelst du eh ein Gefühl für aggressiv reagierende Kleingeister.« Fahren lassen, meint, mit der Erfahrung von einer halben Million Kilometern in 25 Motorradjahren, auch Jörg Czeschla aus Mörlenbach. »Bei angestrengt lauernden Seitenblicken aus der neben mir an der Ampel kauernden Vierradflunder nehme ich beide Füße von den Rasten, lege die Hände in den Schoß und den ersten Gang frühestens dann ein, wenn der Potenzbedürftige bereits rollt.« Jörg Krause aus Tübingen schlängelte sich vor bei Rot, wa einem BMW-Fahrer übel aufstieß. »Der drohte mir, eine in die Fresse zu schlagen, packte mich an meiner Jacke. Beim nächsten Halt stieg er dann aus, wollte mich vom Motorrad treten«. Ein japanisches Sportcoupé drängte Andreas Ruta auf seiner XT 500 in der Essener Innenstadt gegen einen Blumenkübel aus Beton. Vor den Augen einer Zivilstreife der Polizei. Zwei Jahre Führerscheinentzug. Und Zwangsvisite beim Psychologen. Idiotentest. Verhaltensforscher Rüppell nennt solche Rabauken »Automännlein«. Die er - idealtypisch - so charakterisiert: »junge Männer, Schnauzbarttyp, oft mit wenig Bildung«, die es nötig haben, ihre »Rangordnungsstelle zu verbessern und auf sich aufmerksam zu machen«. Auch mittels Playboy-Hasen an der Scheibe. »In ihrem eigenen mobilen Revier fühlen sie sich sicher und haben weniger Hemmungen, wie Disco-Vergewaltigungen beweisen«, spinnt Rüppell seinen Faden munter weiter. Wenn Frau einem derart Verklemmten zu nahe kommt, sollte sie jedenfalls alle Sinne beieinander haben. »Der Sierra-Fahrer konnte wohl nicht verkraften, daß ihn Moped-Fahrerinnen überholt hatten«, berichtet Babette von den Women on Wheels, der nach einem Schrauberwochenende zusammen mit zwei Freundinnen Gruseliges widerfuhr. Der Typ drängte, passierte in Haaresbreite, versuchte die Gruppe zu sprengen. Und immer wieder: Stinkefinger raus.»Eigentlich sollten wir diesen Typ anzeigen«, meinten die drei, als der Horror ein Ende hatte. »Dafür sprach, daß jemand, der sich so gemeingefährlich verhält, eigentlich nicht ungestraft wegkommen darf. Dagegen sprach, daß er dann eventuell an unsere Adressen käme. Und wir hatten überhaupt keine Lust, diesen unberechenbaren Mann irgendwann vor unserer Haustür vorzufinden.« Oft genug bleibt das dumpf-brutale Gebaren solcher Rowdies ohne jedwede Sanktion. Was sie in ihrem Verhalten nur bestätigt. »Der Straßenverkehr ist einer der letzten Freiräume unserer Gesellschaft«, behauptet Pädagoge Lau. Den Reglementierungen und Konventionen zum Trotz, denen das mobile Miteinander wie jedes andere soziale System um den Preis seines Funktionierens unterworfen ist. In Beruf oder Privatem gebeutelte Kreaturen haben also die Chance, ihre Frustrationen auf Asphalt zu kompensieren. Auch ihre sexuellen. Gern auf Kosten der Biker. Denn: »Das Motorrad ist ein Altersmoratorium nach außen hin«, fabuliert Lau. Soll heißen: Der Biker erscheint stets jugendlich, dynamisch, wagemutig, dem Abenteuer zugeneigt. Als so ‘ne Art Marlboro-Mann auf zwei Rädern, dem alle Frauenherzen subito zuschwärmen. Und sollte dem, wider Erwarten, nicht so sein, sorgen Rennkombi, Fransenjacke oder Schwarzvisier für optimale Mimikry. Für unsichere Menschen, denen die vier Räder weniger der Fortbewegung denn als Selbstdarstellung dienen, eine ständige Bedrohung des eigenen Ichs. Die es mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln zu besiegen gilt. Daß dieser Straßenkampf, vom Placebo des Sich-selbst-Anlügens mal abgesehen, der Libido gar abträglich ist, haben unlängst Wissenschaftler der Universität von Exeter nachgewiesen. Rücksichtslose Autofahrer sind die schlechteren Liebhaber, stellten die Briten nach intensivsten Forschungen klar. Und Verkehrspsychologen der TU Dresden eruierten, daß Frauen auf dem Beifahrersitz die Unfallgefahr um die Hälfte senken. Der Mann fühlt sich dann beobachtet, verhält sich normgerechter. Aber, und da mag das Pärchen noch so glücklich sein: Verkehr nervt ungemein. Vor allem auf dem Weg zur Arbeit und retour. Da sitzen eh die meisten allein in ihren Kisten. In immer mehr Autos, die sich gegenseitig im Weg stehen. Streß wiederum provoziert aggressives Verhalten. Das sich auflädt, weil Auto- und Motorradfahrer sich isoliert in oder auf ihren Gefährten bewegen. Verbale Kommunikation - ansonsten das übliche Mittel, Streit zu beenden - findet, wenn überhaupt, nur unter erschwerten Bedingungen statt. Um sein Gesicht in diesem Wettstreit ums Fortkommen nicht zu verlieren, mutiert das Vehikel zum Mittel der Auseinandersetzung. Im schlimmsten Fall zur Waffe. In einer Großstadt wie Stuttgart ereignen sich die meisten der von Autos provozierten Motorradunfälle bis acht Uhr am Morgen und nachmittags von 16 bis 18 Uhr, also während der Rush-hours. »Dann geht’s zu wie im Nahkampf«, konstatiert Lau. Obwohl ein harter Kern von Rowdies den Ton angibt, resultieren nur die wenigsten Karambolagen aus provokantem Fahren. Denn viele Automobilisten unterschätzen noch immer das Potential eines Bikes. Sie wissen’s einfach nicht besser. Dumm nur, daß für ihre Ignoranz der Motorradfahrer zahlt. Manchmal mit seinem Leben. Noch dümmer, wenn er bewußt abgeschossen wird. Es gibt freilich nicht nur den Klassenkampf von oben, er wird auch von unten geführt. Von Motorradfahrern gegen die etablierte automobile Gesellschaft, in der sich Rangunterschiede banalerweise in Deutschmark und daraus resultierenden Beschleunigungswerten quantifizieren lassen. Das Motorrad bringt eine andere Qualität in diese Welt. Daß Geld nicht alles ist. Und das kommt einem Affront, einer Rebellion gleich. Deshalb sollte der Biker immer damit rechnen, daß das System zurückschlägt.
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