Hinter den GP-Kulissen: Suzuki (Archivversion)

Ziel verfehlt

Die Jagd auf den 500er Titel wurde für das Suzuki-Team zum Rohrkrepierer: Vizeweltmeister Daryl Beattie ist verletzt, andere Siegfahrer gibt es nicht.

Daryl Beatties schwerer Trainingssturz beim Frankreich-Grand Prix war schon deshalb ein Alptraum, weil der Suzuki-Star nicht zu Grand Prix-Arzt Claudio Costa, sondern ins Streckenspital und von dort direkt in die Klinik von Toulon verschleppt wurde. Hinter verschlossenen Türen wurden eine schwere Gehirnerschütterung, eine Brustkorbprellung mit Blut in der Lunge und ein gebrochener linker Unterarm verarztet, ohne Dr. Costa auch nur als Berater zu akzeptieren. Beattie wurde mit Sauerstoff beatmet und fürchtete schwere innere Verletzungen, weil ihm keiner eine Diagnose stellen wollte. Niemand sprach englisch, statt den verlangten Schmerzmitteln wurde ihm eine Urinflasche gereicht.Erst zwei Wochen später entdeckte IRTA-Arzt und Neurochirurg Dr. Peter Richards eine Schädelfraktur, und damit ist die ohnehin verkorkste Saison Beatties womöglich ganz gelaufen. Denn der Vizeweltmeister hatte schon beim Sturz zum Saisonauftakt in Malaysia eine Gehirnerschütterung und Störungen des Gleichgewichtssinns davongetragen. Die nächsten Stürze in Jerez und Frankreich nach seinem Comeback in Japan waren so untypisch für den sattelfesten Australier, daß Garry Taylor Zusammenhänge mit dem Malaysia-Crash vermutete. Am schockierendsten war die Erfahrung für Beattie selbst. »Nach dem Malaysia-Sturz konnte ich kaum Treppen steigen. Mir war ständig schwindelig, selbst im Bett. Alle Reaktionen, auch das Sprechen, kamen mit seltsamer Verzögerung. Ich wunderte und schämte mich über mich selbst«, erzählte der Australier.Doch es sollte noch schlimmer kommen. »Beim Frankreich-Sturz war ich erstmals in meiner Karriere bewußtlos. Noch zwei Wochen später fühlte ich mich, als sei ich von einer Brücke gesprungen.«Erst ganz allmählich konnte Beattie wieder mit leichtem Training anfangen, doch für ein Comeback gibt es derzeit noch kein Datum. »Als ich meine schwere Handgelenkverletzung hatte, sagten mir die Ärzte 18 Monate Heilungszeit voraus. Ich war über 30, sah meine Ära zu Ende gehen und ließ kurzerhand drei Knochen herausoperieren - ein schwerer Fehler«, sagt Beatties Freund und einstiger Teamkollege Kevin Schwantz. »Doch Daryl ist erst 25 und hat noch sechs oder mehr gute Saisons vor sich. Ich rate ihm, völlig fit zu werden, noch einen zusätzlichen Monat verstreichen zu lassen und dann erst in den Sattel zurückzukehren.«Das kann unter Umständen bis zum Saisonende im Oktober dauern. Bis dahin muß Lucky Strike-Suzuki mit Scott Russell und Terry Rymer vorliebnehmen, war mit den beiden bis auf kleine Achtungserfolge Russells bislang jedoch schlecht beraten. »Der Hauptfahrer schlug sich den Kopf an, die Nummer zwei taucht auf, wann er Lust hat, und der Ersatzfahrer ist nicht voll bei der Sache, weil er seinen Hauptjob in einer anderen Serie hat. Was soll dabei herauskommen?« brachte es Yamaha-Teamchef Wayne Rainey auf den Punkt. Scott Russell ist an guten Tagen für Top-Ergebnisse gut, hat es aber nicht sonderlich mit der Arbeitsdisziplin. Insgesamt vier Test- und Renneinsätzen blieb er unentschuldigt fern, weil er private Vergnügungen und private Sorgen im Kopf hatte. Derzeit gibt es niemanden, der die Suzuki zu einem überall konkurrenzfähigen Motorrad wie etwa Mick Doohans Werks-Honda weiterentwickeln könnte. Auf manchen Strecken funktioniert die RGV 500 lammfromm, auf anderen ist sie störrisch wie ein Esel.Zum Teil war das auch schon bei Kevin Schwantz der Fall, der sich jetzt als Autorennfahrer versucht. »In einem Auto bist du eingesperrt, festgezurrt und weitgehend auf eine Linie angewiesen. Was mir am Motorradsport gefiel, war die Möglichkeit, durch Gewichtsverlagerung, durch eine andere Sitzposition, durch andere Linien und einen anderen Fahrstil während eines Rennens Vorteile zu suchen«, beschreibt Schwantz, der wegen dieses Ausnahmetalents zum Weltstar wurde.Genau so einer fehlt derzeit im Suzuki-Team. »Ich mache den Job seit 20 Jahren, aber das ist das schlechteste Jahr von allen«, seufzt Garry Taylor. Derzeit verhandelt er mit Max Biaggi, weil er 1997 dringend wieder einen Supermann braucht.Doch die größten Hoffnungen ruhen nach wie vor auf Daryl Beattie, der auch für 1997 einen Vertrag besitzt.
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