Hinter den GP-Kulissen (Archivversion)

Die acht Leben einer Katze

Nach jedem Grand Prix-Lauf kreisen Pleitegeier über Erv Kanemotos 500er Honda-Rennstall. Doch der Teamchef von US-Star John Kocinski wehrt sich mit unerschütterlichem Optimismus gegen den drohenden Untergang.

Tagsüber arbeitet Erv Kanemoto an seinen Honda-Motorrädern, hilft dem um die Hälfte unterbesetzten Team bei Boxenstopps und Reifenwechseln, und spätabends eilt er immer noch zwischen Box und seinem kleinen Büro im Truck hin und her, um nach den besten Membranen und der optimalen Getriebeabstufung zu suchen. Bei allem Streß geht es ihm immer noch gut, weil sein Fahrer John Kocinski an der Spitze mitfährt und mit Achtungserfolgen wie dem zweiten Platz in Frankreich und dem achten in Italien Furore macht. Nachts jedoch kommen die wirklichen Sorgen, denn dann kämpft Erv Kanemoto nicht um Hundertstelsekunden, sondern ums Überleben seines 500er Teams - am Telefon, am Faxgerät und mit immer neuen Notfallplänen, um den drohenden finanziellen Zusammenbruch zu verhindern.Streng wirtschaftlich betrachtet, war das Kanemoto-Team schon vor Saisonbeginn bankrott. »Als Teamchef bewies ich sieben Leben wie eine Katze. Doch irgendwann sind auch die zu Ende. Falls sich zum Monatsende kein Sponsor findet, höre ich auf«, sagte er damals. Das war Mitte Februar bei Tests in Jerez. Jetzt, Mitte Juni und mitten in der Saison, wartet er immer noch auf den rettenden Anruf eines neuen Geldgebers, doch aufgehört hat er nicht. Statt dessen strapaziert er zwei Bankkredite und ein achtes Leben nach dem Prinzip Hoffnung. »Wir schieben die Stunde Null permanent weiter hinaus. Es wäre ein Wunder, wenn sich für diese Saison noch ein Sponsor auftun würde, aber wenn wir irgendwie bis zum Saisonende durchkommen, haben wir vielleicht im nächsten Jahr eine Chance«, analysiert Kanemoto die Lage. Der Amerikaner, der schon Superstars wie Freddie Spencer betreute, blickt tiefer in Fahrerseelen als jeder andere Teamchef, und die Versuchung, das geniale Talent des manchmal wunderlichen John Kocinski ans Tageslicht zu bringen, ist stärker als alle wirtschaftliche Vernunft. »Wir haben die Möglichkeit, sehr gut zu sein. John hat das Potential für Grand Prix-Siege, und das ist für mich das Wichtigste. Die größte Schwierigkeit ist, ihn zu verstehen und ihm zu helfen, doch das ist gleichzeitig auch die interessanteste Herausforderung.« Denn Kocinski ist kein abgebrühter, technisch denkender Analytiker, sondern ein Naturtalent, das zwar außerirdisch schnell fahren kann, bei Abstimmungsproblemen aber auch genauso schnell die Orientierung verliert. Kanemoto lotet das beste Set-Up für Kocinski aus, feilt aber gleichzeitig auch an dessen Fahrstil. Denn für Kocinskis Fahrweise mit relativ sanftem Bremsen und viel Speed und Vorderradlast beim Einbiegen in die Kurve müßte ein völlig neues Fahrwerk auf den kleinen Amerikaner maßgeschneidert werden. Die gängige Honda NSR 500, für Stabilität bei abruptem Bremsen und bei hartem Beschleunigen gebaut, schiebt bei hohem Kurvenspeed mit dem Vorderrad nach außen, eine Unart, die sich nicht beheben läßt. Daß Honda für John Kocinski in die Trickkiste greift und ein neues Fahrwerk hervorzaubert, ist freilich unwahrscheinlicher denn je. »Als ích auf Honda um die Superbike-WM fuhr, war ich die Nummer eins. Dann geriet ich im letzten Jahr in ein ahnungsloses Grand Prix-Team, hatte nicht die gewünschten Resultate und wurde auf der Leiter hinuntergeschubst. Derzeit bin ich auf Platz fünf oder sechs in der Rangliste«, macht sich Kocinski keine Illusionen. Der tiefe Fall hat freilich nicht nur mit dem Mangel an Erfolg im Team des von Kocinski verabscheuten Sito Pons, sondern auch mit einem Machtkampf bei Honda selbst zu tun. Der frühere HRC-Chef Kanazawa, der Kocinski stets protegiert und bei dessen Grand Prix-Comeback sämtliche technische Unterstützung zugesagt hatte, setzte sich gegen seinen internen Rivalen Heijiro Yoshimura durch und wurde zum Vizedirektor der Prestige-Abteilung Research & Development befördert. Yoshimura blieb als Chef der untergeordneten Honda Racing Corporation (HRC) zurück, will von den alten Versprechungen an Kocinski jedoch längst nichts mehr wissen. »Wir werden unterstützt, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Solange das Repsol-Werksteam gewinnt und die Kundenteams auf den Plätzen zwei, drei und vier landen, ist bei Honda jeder glücklich. Doch je mehr Erfolg wir haben, desto mehr wird die Unterstützung zurückgedreht«, ist sich Kocinski sicher. Die einzige Chance, aus dem Teufelskreis auszubrechen, wären ein paar ganz große Triumphe. »Ich bin in einer verrückten Situation«, so Kocinski, »denn einerseits habe ich endlich mein Traumteam um mich, und andererseits fehlt es uns an finanziellen und technischen Möglichkeiten, alle unsere Träume umzusetzen. Wir müssen dringend Top-Resultate einfahren - und uns so die volle Werksunterstützung verdienen!“
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Interview mit John Kocinski (Archivversion) - »Erv gibt dir sein Herz“

? 1998 hatten Sie trotz Geld und Werksunterstützung keinen Erfolg, jetzt ist es genau umgekehrt. Warum?Erv Kanemotos Team ist mit Abstand das beste im Fahrerlager. Ihm geht es nicht darum, möglichst viel Geld in die hintere Hosentasche zu stecken, sondern sportlich erfolgreich zu sein, und dafür arbeitet er Tag und Nacht. Was immer dir ein Werk auch an Material zur Verfügung stellt: Erv gibt dir sein Herz, und das ist wertvoller als alles andere. In diesem Umfeld habe ich mich verändert, ich bin lockerer geworden, habe mehr Zutrauen und spüre, daß wir eine echte Chance auf große Erfolge haben.?Wie wichtig ist es, daß Sie sich bei Kanemoto in Ihrer Muttersprache verständigen können?Letztes Jahr bin ich jedes freie Wochenende nach Amerika gejettet, jetzt bin ich schon fünf Wochen am Stück in Europa, weil ich mich unter lauter Amerikanern wie zu Hause fühle. In meiner ganzen Karriere hatte ich dreimal ein englischsprachiges Umfeld, und zweimal davon hat es mit einem Titelgewinn geendet. Das sagt alles.?Welche Chance gibt es, trotz technischer Limits ständig vorne mitzufahren?Das Motorrad muß besser werden, und ich muß lernen, mich besser darauf einzustellen, dann herrscht ein faires Gleichgewicht. Doch derzeit ist die Sache eine Gratwanderung. Denn bis jetzt passen Fahrer und Maschine noch nicht richtig zusammen, und wenn du zu sehr mit dem Motorrad kämpfen mußt, bekommst du Probleme. Ich versuche ständig, das Limit weiter hinauszutreiben, und deshalb war ich in dieser Saison bereits häufiger am Boden als in den zwei Jahren zuvor.

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