Hinter den GP-Kulissen––––– (Archivversion)

Freunde? Nein danke–––––

Die Fehde der 500er Titelfavoriten Max Biaggi und Mick Doohan beweist: In einem Kampf, in dem nur ein Gewinner übrig bleibt, kann es keine Freundschaft geben.

«Alex Crivillé hat den Titel verdient. Wenn ich ihm helfen könnte, würde ich das tun - und ihn in der letzten Runde vorbeilassen”, überlegte Carlos Checa vor dem Katalonien-Grand Prix in Barcelona. Der MoviStar-Honda-Pilot lag abgeschlagen an vierter Stelle der 500er Weltmeisterschaft, hatte nichts zu verlieren und konnte sich solch großherzige Offerten leisten.Für das Verhältnis der beiden Spanier wäre es gut, wenn die Lücke in der Punktetabelle auch künftig so deutlich klaffen würde. Denn wie schnell Männerfreundschaften im Kampf um den WM-Titel zerrieben werden, zeigt das Beispiel von Mick Doohan und Max Biaggi. Anfangs der Saison auf gemeinsamen Mountain Bike-Touren noch ein Herz und eine Seele, bekam die Gemeinschaft der Superstars schnell die ersten Risse. Biaggi beschwerte sich über die Nachteile seiner Leasingmaschine, jammerte über das schwere Los eines Klassenneulings und verspottete seinen Rivalen als Langweiler. Doohan schlug in Imola zurück, bezeichnete Biaggi als eine selbstverliebte Person, vor der er jeglichen Respekt verloren habe. Beide haben, sachlich betrachtet, recht. Doohan verfügt im Gegensatz zu seinen Honda-Werksfahrerkollegen mit Big Bang-Aggregaten über einen Motor mit klassischer symmetrischer Zündfolge, ist aber überzeugt, dadurch keinerlei Vorteil zu haben - seine Maschine ist keinen Deut schneller als die anderen Werks-Honda. Auch Biaggi hätte diese Motorenversion angeblich von Hondas Rennabteilung HRC haben können, bestellte seine Maschine aber zu spät.Biaggi beruft sich umgekehrt auf ein leichtfertiges Versprechen des mittlerweile ausgeschiedenen HRC-Präsidenten Shinozaki, der ihm garantierte, der Tabellenführer der Halbliterklasse werde von Honda bevorzugt behandelt. Typisch für Biaggi, wollte er dieses Versprechen sofort nach seinem Auftaktsieg in Japan eingelöst haben und forderte Doohans Motor. »Ganz offensichtlich brauchst du ihn nicht”, lautete Shinozakis knappe Antwort. Als Biaggi nach dem Deutschland-GP abermals Tabellenführer war und wieder um seinen Nummer eins-Status nachsuchte, kam das Nein derart ultimativ, daß er keine weiteren Vorstöße wagte. In der Abrechnung mit Doohan fühlt sich der Römer ins Schulalter zurückversetzt. »Mick hat genügend graue Haare, daß er zu mir kommen kann, wenn er ein Problem hat. Ich verzeihe ihm erst dann, wenn er mir seinen Paß zeigt und nachweist, daß er 15 Jahre alt ist, sagt Max Biaggi verächtlich. Er trägt inzwischen jenes Feindbild in sich, das für Rennfahrer im Kampf um die WM ebenso typisch ist wie für einen Profiboxer, der erst dann mit voller Wucht zuschlagen kann, wenn er seinen Gegner zur Inkarnation des Bösen stilisiert hat.Wo am Ende nur einer der Gewinner ist, gibt es für persönliche Rücksichten keinen Platz, und deshalb ziehen sich erbitterte Fahrerfehden durch die gesamte Geschichte des Rennsports. In den 80er Jahren, als die Amerikaner die 500er WM dominierten, fanden die Schlachten allerdings selten als Wortgefechte statt. »Wir hatten unsere eigene Mentalität und waren besessen davon, uns auf der Strecke als der Beste zu beweisen«, denkt Wayne Rainey zurück.Der unbedingte Siegeswille bestimmte alles, auch die Emotionen. Kenny Roberts und Freddie Spencer sprachen bei ihrem WM-Duell 1983 kaum ein Wort miteinander. Wayne Rainey und Kevin Schwantz haßten sich inbrünstig, weil Rainey den hochtalentierten Suzuki-Star für ein verwöhntes Muttersöhnchen und Schwantz seinen Yamaha-Rivalen für einen arbeitsbesessenen Streber hielt. »Mein Drang, Wayne um die Ohren zu fahren, war so stark, daß ich oft genug mit dem Mund voller Kies neben der Piste und das Motorrad als Stück Abfall an einer Mauer liegenblieb”, erinnert Schwantz an seine spektakulären Rodeoritte.Selbst die Freundschaft zwischen Wayne Rainey und Eddie Lawson ging im Kampf um die WM in Scherben. »Beim Österreich-Grand Prix 1989 gingen Sieger Schwantz, Lawson und ich im offenen Auto auf die Ehrenrunde. Eddie beklagte sich, ich hätte ihm den Weg abgeschnitten. Ich wehrte mich, ich sei zuerst an jener Kurve angekommen. Daraufhin sprachen wir kein Wort mehr miteinander«, erzählt Rainey. »In der nächsten Saison trafen wir uns als Teamkollegen wieder, und mein einziges Ziel war, Eddie zu ruinieren. Das hat ab dem ersten Test auch wunderbar geklappt«, ergänzt der Weltmeister der Jahre 1990 bis 1992. Die Abscheu gegen seinen späteren Teamkollegen John Kocinski trägt Rainey bis heute offen zur Schau, doch so selbstgerecht wie Mick Doohan war der Kalifornier nie. Als Alex Crivillé Mick Doohan fahrerisch Konkurrenz zu machen begann, verdammte der Australier die völlig regelkonforme Taktik des Spaniers, bis zur letzten Runde hinterzufahren und dann aus dem Windschatten anzugreifen. Mal nannte er das Fahren öde und langweilig, weil er keine Gegner hatte. Dann, als er 1998 endlich wirkliche Konkurrenz bekam, waren die Motorräder schuld, die heutzutage wegen sanfterer Leistungscharakteristik für jeden Anfänger leicht zu fahren seien.Für seine Bemerkung, Rainey und Schwantz würden ständig Tritte in den Hintern kriegen, wenn sie heute noch anträten, holte sich Doohan allerdings eine blutige Nase, denn im Kampf um die Rangordnung geben auch längst zurückgetretene Piloten ungern klein bei. »Ich habe es satt, einen solchen Blödsinn zu lesen”, erklärte Kevin Schwantz kürzlich. »Wenn ich die Augen schließe und an meine Rennen mit Mick zurückdenke, sehe ich mich stets an ihm vorbeifahren und ihn abhängen. Und auf dem Podium war er immer klein und tief unter mir!”
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