Hinter den GP-Kulissen––––– (Archivversion)

Ralf Waldmann möchte in der Halbliter-WM hoch hinaus, wie er Grand Prix-Reporter Friedemann Kirn im Interview verriet.

? Wie lautet die Zwischenbilanz Deiner ersten Halbliter-Saison auf der Dreizylinder-Modenas? Ich habe das Maximale aus der Situation gemacht und überall mein Bestes gegeben. Das Motorrad ist vom Fahrwerk her schon besser als es war, und alle im Team bestätigen, daß ich mit der Anregung zu einer verstärkten Hinterradschwinge entscheidend dazu beigetragen habe - das freut mich sehr.? Was hat Dich in der Königsklasse bisher am meisten überrascht? Daß es enger zugeht als bei den 250ern. Mit einer Sekunde Rückstand bist du bei den 250ern Fünfter, bei den 500ern Zwölfter. Das ist Wahnsinn!? Hast Du Dich der 500er angepaßt - oder umgekehrt? Teamkollege Kenny Roberts junior hat meinen Fahrstil bereits übernommen, das spricht für sich selbst. Heutzutage steuerst du ein solches Motorrad nicht mehr mit rutschenden Reifen und wilden Drifts. Die Technologie von Motor, Fahrwerk und Reifen hat sich so entwickelt, daß du in der 500er Klasse auch mit einer runderen Fahrweise wie bei den 250ern schnell sein kannst.? Gemessen am Rückstand der neuen 250er Werks-Honda hast Du den Absprung zu den 500ern im richtigen Augenblick geschafft. Es war vorauszusehen, daß das keine Mondrakete wird. Honda hatte früher schon bei kleineren Detailänderungen Anlaufprobleme. Diesmal kamen sie mit einer komplett neuen Maschine, und es wäre einem Wunder gleichgekommen, wenn sie auf Anhieb perfekt funktioniert hätte. Ich bin aber überzeugt, daß die das hinkriegen. Vielleicht dauert es ein, zwei Jahre, aber dieses Motorrad wird schon kommen. Ich wäre nach wie vor froh, bei Honda zu sein.? Wann kommt der schon lange sehnsüchtig erwartete neue Modenas-Motor? Ich weiß nicht mehr als Du - abwarten und Tee trinken, heißt die Devise. Meine Ungeduld hält sich aber in Grenzen, denn der neue Motor wird zunächst sicher nicht so stark sein wie der alte, eher schwächer. Die neue 250er Honda ist gerade ein PS stärker als der Standard-Production Racer ohne Kit. Deshalb mache ich mir auch über den neuen Modenas-Motor keine Illusionen. Wenn er kommt, fangen wir bei null an und werden uns vielleicht noch weiter hinten anstellen müssen als jetzt.? Auf schnellen Strecken fehlen Dir 20 km/h an Topspeed. Kannst Du den Rückstand auf dem langsamen Sachsenring überspielen? So einfach runterrechnen kann man das nicht - leider. Deshalb hoffe ich am Sachsenring vor allem auf Regen. Denn auf nasser Piste werde ich sicher gut dabeisein. Im verregneten zweiten Training von Le Castellet war ich Zweiter, beim Wolkenbruch in Malaysia sogar Schnellster.? Aus Deinem alten 250er Team mit Teamchef Dieter Stappert hört man versöhnliche Töne. Könntest Du Dir eine Rückkehr vorstellen? Ich halte das für ausgeschlossen. Da gibt es zu viele Dinge, die bereinigt werden müssten. Ich habe zwar mit Dieter Stappert gesprochen, aber nicht darüber. Es gibt zu viele Altlasten.? Aber mit Deinem früheren Cheftechniker Sepp Schlögl würdest Du gerne wieder zusammenarbeiten? Das steht ganz oben auf meinem Wunschzettel für Weihnachten. Nach dem Jarama-Grand Prix habe ich mich über eine Zeitungsmeldung amüsiert, wir würden 1999 vielleicht auf Red Bull-Yamaha in der 250-cm3-Klasse antreten. Denn davon weiß ich bisher nichts, obwohl die Idee durchaus einleuchtend klingt.Am liebsten würde ich jedoch auch bei den 500ern beweisen, daß ich Rennen gewinnen kann - das ist mein größtes Ziel. Fahrerisch ist eine 500er nicht schwerer zu bewegen als eine 250er. Zumindest meine Modenas nicht.Auch das Beispiel von Max Biaggi gibt mir Mut, denn es zeigt, was ein talentierter Klassenneuling mit einem Top-Team und einem Top-Motorrad erreichen kann. Deshalb suche ich für 1999 nach einer V4-Maschine. Ob sie von Honda, Yamaha oder Suzuki stammt, ist zunächst zweitrangig - selbst eine MuZ 500 wäre nicht ausgeschlossen.? Kannst Du Dich noch voll motivieren oder denkst Du an eine Zukunft im Autosport? Ich werde die Sache mit dem Autosport nicht vernachlässigen, doch zunächst habe ich noch Freude am Motorradfahren und jede Menge Zukunftspläne. Daß das Alter keine Rolle spielt, sieht man ja an Luca Cadalora. Der kommt nach 150 Jahren zurück und ist sofort wieder ganz vorn mit dabei - da muß man sich ja fragen, ob Tests und Training überhaupt notwendig sind. Eine tolle Leistung!
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote