H.O.G.-Rally Rotterdam (Archivversion)

Eigentümerversammlung

Ajax Amsterdam ist zwar wieder mal Meister geworden, aber Rotterdam schlug zurück. Dieses Jahr darf sich Europas größter Hafen auch Harley-Metropole Nummer eins nennen.

Wenn Brian Mason seiner Harley eine andere Gangart verschreibt, mutiert der Schotte zum Kilt-Schalter: Der Mann fährt nämlich liebend gern mit Rock. Und der ziert nicht seine nette Frau - die hat die Hosen an -, in den schlüpft er selbst. So ist’s nun mal Landessitte im Loch-reichen Hochland. In Rotterdam, wohin er seinem Bock getrieben hat, zählte der Schotte - den dezenten Farben seines Großkarierten zum Trotz - dann doch zu den bunten Vögeln der dort versammelten gutbürgerlichen Harley-Szene. 4000 Fans der legendenumwobenen Schwermetallenen aus einem der plattesten Landstriche der USA gaben sich in der niederländischen Metropole vom 16. bis 19. Mai 1996 ein gar friedvolles Stelldichein. Und sie kamen aus fast allen europäischen Ländern. Schließlich hatte die H.O.G. zur 6. Europäischen Rally gerufen. Hog heißt übrigens nur im Ami-Slang despektierlich »Schwein«, auf gut Deutsch dagegen Harley Owners Group. Das ist der hochexklusive Kreis all derer, die sich einen fabrikfrischen Big Block leisten können: Mit dem Kauf erfolgt nämlich so was wie eine Zwangsmitgliedschaft. Aber wer ‘ne Alte hat, darf auch freiwillig beitreten. Die 4000 Jungs und Mädels ließen zunächst mal Dreierlei baumeln. Erstens ihre Seele, zweitens ihre Beine, drittens die Fransen von ihren Jacken. Und kamen, bei aller gebotenen Lockerheit, dennoch irgendwie schwer ins Philosophieren. Über ihr Motorrad, natürlich, und die Freiheit, die es ihnen schenke. »Harley - das ist eine Rasse für sich«, schwärmte der Schottenrock Brian. Franzose Jean sekundierte: »Du kannst eine Harley mit keinem anderen Motorrad der Welt vergleichen.« Weil anscheinend fast allen Teilnehmern ihre Mopeds ebenso unvergleichlich vorkamen, und zwar just so, wie sie die Edelschmiede verlassen hatten, machten sich spektakuläre Umbauten bei diesem Treffen rar. »Es ist nichts Extravagantes mehr, wir sind alle uniformiert.« Harley-Fahrer Peter Hohnholt aus Bremen schüttete bittere Medizin in die Milch der frisch, frei, fröhlichen Denkungsart. »Die Maschinen gleichen sich wie ein Ei dem anderen, alle frisch gekauft aus dem Laden. Viele reisen mit Wohnmobil und Anhänger an, die Kiste hintendrauf. Und dann wird am Biertisch gefeiert: Ich bin Harley-Fahrer.« Peter, 53 Jahre jung, wandete sich übrigens in cognacfarbenes Leder, während die Lackierung seiner E-Glide doch sehr ins Champagnerhafte abschmierte. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil - »Die gibt der Zahnarzt seiner Familie« - scheinen Harley-Owner nicht grundsätzlich zur Geldverschwendung zu neigen. »Für einen Schluck Bier drei Mark zu verlangen ist ganz schön happig«, brachte Dieter aus Mülheim den Unmut des dürstenden Volkes auf den Punkt, griff ins Topcase, holte die Buddel Rumverschnitt aus demselbigen und tunte seinen Gerstensaft. Er tat’s, wie er hinzufügte, »der Hygiene wegen«. Als Einschlafhilfe brauchte es in Rotterdam keine Promille. Heilig war nämlich nicht nur der Big Twin, heilig war auch die Nachtruhe. Fast so wie früher in der Jugendherberge. Weil die Teilnehmer vor allen Dingen sich selbst und ihre Bikes feierten, stieß das Rahmenprogramm auf nur mäßiges Interesse. Stuntman Francois Schetelat demonstrierte dennoch unverdrossen, daß amerikanisches Schwermetall sich nicht nur prächtig herausputzen, sondern - was das Vorderrad betrifft - sogar kräftig liften läßt. Und in der Steilwand donnerten Harley ohrenbetäubend rauf und runter. Von der Möglichkeit, selbst wieder im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, machte die Eigentümerversammlung bei zwei Ausfahrten durch Rotterdam regen Gebrauch. Das hob die Stimmung ungemein. Und da hatten die Owner ihn wieder: diesen unvergleichlichen Duft von Freiheit und Abenteuer, wie ihn - vom Marlboro-Mann mal abgesehen - ansonsten nur noch die große Familie der Harley-Treiber zu inhalieren vermag. Und Tina Turner, die spitzenmäßigste Oma aller Zeiten, war natürlich auch da.
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