Illinger Motorradherbst (Archivversion)

Schwarz greift ein

Alljährlich zelebrieren die Biker aus dem schwäbischen Illingen das Saisonende mit einer Gruppenausfahrt. Ungewöhnlich dabei: Das Spektakel wird von der Gemeinde und der evangelischen Kirche veranstaltet.

Vorneweg fahren vier Polizisten und die Streckenposten des Motorsportclubs Illingen (MSCI). Das sind die Hilfstruppen – unverzichtbar bei einem Tross von exakt 232 Motorrädern einschließlich Gespannen und Trikes. Wirklich vorneweg aber fahren der CDU-Fraktionsvorsitzende und die evangelische Pfarrerin der 7000-Seelen-Gemeinde. Sowie – allerdings nur virtuell – der Justizminister von Baden-Württemberg, Ulrich Goll (FDP), als Schirmherr. Aber es weiß eigentlich niemand, warum eine schlichte Motorradausfahrt einen so hochrangigen Patron braucht. Schließlich stößt die Aktion allerseits auf Wohlwollen. Längst verklungen sind die harschen Attacken der Umweltschützer, die vor sechs Jahren bei der ersten Ausfahrt daran erinnert hatten, dass es sich hier um Naturschutzgebiet handelt – schwer verträglich mit den »Horden stinkender Böcke«, wie damals subtil argumentiert worden war.Verklungen auch die peinlichen Befragungen, denen, wie man hört, Pfarrerin Christiane Kellner seinerzeit durch ihre Oberen unterzogen wurde ob der merkwürdigen Gesellschaft, die sie sich da in die Kirche geholt hatte. Doch die Zeit heilt Wunden, und wer Kunde werden soll, muss irgendwann auch König sein. In diesem Jahr lautete das Motto des Illinger Gottesdienstes deshalb »Bet & Bike«, und das ist, rein sprachlich betrachtet, natürlich Nonsens, aber die Biker haben’s dennoch goutiert und der Pfarrerin brav die Kirche gefüllt. Frau Kellner, die Bikerin, ist clever genug, offen zu den Motiven ihres Engagements zu stehen: »Ich muss doch zusehen, dass ich die Mitglieder meiner Gemeinde zu mir bringe.« Und sie weiß auch, dass die üblichen Sternfahrten hin zu einem Gottesdienst für sie wenig Sinn ergeben. »Ich will ja meine Gemeindemitglieder ansprechen, nicht die aus anderen Pfarreien.« Die zweite Säule der nun schon traditionellen Veranstaltung tritt, trotz imposanter Statur, deutlich unauffälliger ins Bild: Eric Schach, Fraktionsvorsitzender der Illinger CDU und von Anfang an als Macher und Denker mit dabei. Sein Hauptverdienst: Er hält keine Reden. Jedenfalls nicht heute. Statt dessen organisiert er, koordiniert und hilft, wo Hilfe nötig ist. »Ursprünglich hatten wir die Idee, mit solch einer öffentlich geförderten Rundfahrt das Motorradfahrer-Image zu verbessern. Das ist heute nicht mehr nötig.« Bleibt also noch die Werbung für die eigene Partei, was Meister Schach allerdings weit von sich weist.Bevor es losgehen kann, ist noch eine spezielle Personengruppe zu betreuen: Seit einigen Jahren nämlich beschert der Illinger Motorradherbst behinderten Menschen einen besonders schönen Tag. Sie werden nun nach vorn gerufen und auf ihren Sitzen mit Bergsteigergurten sturzsicher festgezurrt. Es sind in diesem Jahr 32 Personen von der Lebenshilfe in Pforzheim und in Mühlacker. Platz finden sie vorwiegend auf Trikes, die vom Pforzheimer Trike-Vermieter Dieter Edel bereit gestellt werden. Edel hatte sich erstmals 1998 an der Aktion beteiligt, war damals jedoch auf starke Ablehnung gestoßen, weil Trikes mit den offenen Sitzen viel zu gefährlich seien. Da der rührige Jungunternehmer aber einschlägige Erfahrungen mit dem eigenen querschnittsgelähmten Bruder hatte, konnte er die Skepsis rasch besiegen. Seitdem ist er dabei und mit ihm einige treue Triker. Der Zug setzt sich also in Bewegung. Vorne die Ordnungshüter mit den Streckenposten des MSCI, dahinter die Honoratioren, gefolgt von dem erhabenen Tross von Trikes und Gespannen mit den strahlenden, lachenden, winkenden Prinzessinnen und Prinzen, Königinnen und Königen. Und schließlich das gemeine Volk in unüberschaubarer Prozession. Motorräder aller nur denkbaren Marken und Ausführungen, blank gewienert in der Sonne blinkend. Darauf die ganze Biker-Szene, Frauen, Männer jeden Alters, gekleidet in edel-unversehrtes oder schmutzig-gelöchertes Leder, in Barbour-Jacken oder Gore-Tex-Anzüge oder einfach nur in festen Jeans-Stoff. Und während das hintere Ende dieses Zugs gerade eine Ortschaft durchquert, fährt die Spitze bereits ins nächste Städtchen ein. Denn 232 Motorräder, das ergibt immerhin eine Karawane von stattlichen sechs bis sieben Kilometern Länge.So geht es in gemäßigtem Tempo durch eine der schönsten deutschen Kulturlandschaften, durch verträumte Winzerstädtchen mit so berühmten Namen wie Hohenhaslach, Cleebronn, Frauenzimmern, Haberschlacht, Stetten oder Maulbronn. Auf die »Schwäbische Weinstraße« folgt die »Schwäbische Dichterstraße«, und über allem wölbt sich ein ungeheuerer Herbsthimmel, der keiner Wolke Zutritt lässt, nur der Sonne, damit sie die gelb und rot sich verfärbenden Blätter der Rebhänge und Waldstücke ins rechte Licht rücken kann.Und hin und wieder flitzt einer mit einer orangefarbenen Jacke an diesem Zug vorbei, mit aberwitzigem Tempo und tollkühn am Gegenverkehr entlang sich quetschend. Das ist einer der Streckenposten des MSC Illingen, der gerade eine Ortschaft abgesichert hat und nach Durchzug der ganzen Prozession am kompletten Tross vorbeidüsen muss, um rechtzeitig an der nächsten kritischen Kreuzung wieder seines Amtes zu walten. Womit nun eine weitere wichtige Person zu Wort kommen soll, der Vorsitzende des Motorsportclubs, Thomas Fink. Der freut sich über die Aktion, weil sie gut fürs Image des MSCI ist. »Wir wollen Jugendlichen, aber auch Kindern einen sportlich orientierten Treffpunkt bieten.« Dennoch ist er heilfroh, wenn dieser Tag ohne Probleme zu Ende geht, denn das alles zu organisieren und dabei höchstmögliche Sicherheit zu gewährleisten, ist wahrlich kein Kinderspiel. »Wir haben unsere Grenzen erreicht. Mehr Teilnehmer können wir nicht mehr verkraften, deshalb betreiben wir keinerlei Werbung.«Aber alle Sorgen waren unbegründet, auch dieser 6. Illinger Motorradherbst geht ohne Zwischenfälle zu Ende und klingt aus in einem vom MSCI angemieteten Festzelt, wo die Beteiligten zünftig mit Gulaschsuppe oder Bockwurst bewirtet werden. Die Pfarrerin freut sich über reichlich für die Telefonseelsorge der Evangelischen Kirche gesammelte Spenden, der MSCI ist’s zufrieden, dass der Einsatz vieler fleißiger Helfer auch ihm ein paar Euro in die Vereinskasse spült, und Meister Schach strahlt, weil der Name der CDU nach einer wenig glücklich gelaufenen Bundestagswahl zumindest im kleinen Illingen nicht an Glanz verloren hat.
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