INTERMOT-Premiere (Archivversion)

Kradwanderung

Mit Traditionen zu brechen birgt immer ein Risiko.
Der Welt größte Motorradmesse zog dennoch um. Von Köln nach München. Die IFMA ist tot. Lebt die INTERMOT?

Es tut sich was: Wenn der Biker in befranste Chopperklamotten schlüpft, macht er von neckischem Leder verhüllter Blondine Beine. In tragender Rolle hält die Schöne dem frisch Bejackten sein nietennagelneues Outfit vor. Auf der INTERMOT sind freilich nicht nur Spiegel mobil. Verkehrsminister Matthias Wissmann dämmert anläßlich des Ablesens seiner Eröffnungsrede, daß die wahlkämpferischen Platitüden, die ihm seine Referenten aufs Papier geworfen haben, das fachkundige Publikum fürchterlich langweilen könnten. Weswegen er das dummerweise vorab veröffentlichte Manuskript schlicht ignoriert, hurtig improvisiert. Etwa daß Motorradfahrern demnächst das Schlängeln zwischen stehenden Autokolonnen erlaubt sein könnte. Und immer mehr Autofahrer auf 125er dürfen. Bernhard Poschenrieder könnte jetzt schon aufs Krad. »Ich träume seit Jahren von einem Motorrad«, sinniert der 64jährige und geht in die Knie. Weil die Messestrategen des Traditionsherstellers Sachs, dessen leichtkrafträdrige Roadster ihn anmacht, alle wichtige Informationen zum Moped schwerstleserlich auf dem Hallenboden deponiert haben. »Meine Frau ist mit einem Jüngeren durchgebrannt«, klagt der Bajuware. »Wenn ich«s mir recht überleg«, bleib« ich vielleicht doch beim Fahrrad.« Von diesen Vehikeln kriegt er, anders als in Köln üblich, in München nichts zu sehen. »Motorrad pur«, freut sich Ex-Weltmeister Dirk Raudies. »Kein Leerlauf mehr wie auf der IFMA.« Und keine Staus oder wegen Überfüllung geschlossene Hallen, allenfalls zähflüssiger Verkehr. Auch weil’s am altweibersommerlichen Sams- und Sonntag Tausende nach draußen treibt. Zu den Super Moto-Rennen und auf den großzügigen, von leider viel zu mickrigem Biergarten gezierten Innenhof. Wo auch MOTORRAD-Redakteure die Löcher, die ihnen Leser in den Bauch fragen, wieder auffüllen. In Köln ging«s drunter und drüber, gab«s eine erste und zweite Etage, in München haben sie auf dem Ex-Flughafen alles platt gemacht. Eine Messe auf komfortablem Nullniveau. Honda-Vize Wolfgang Murrmann kriegt von dem flach-bunten Treiben wenig mit. »Bislang habe ich nur unseren Stand und die Toiletten gesehen.« Immerhin. Denn Honda klotzt, feiert das 100Millionste Motorrad und 50 Jahre Firmengeschichte. Lucio Tieri, der mit Teilen für Sportler handelt, ist nicht nur von der weiblichen Standbesetzung eines Westernmoden-Ausstellers begeistert. »Die INTERMOT : Weltklasse. Besser als Milano. Alles so schön ordentlich hier.« Emsig stromern Putzkolonnen durch die Hallen. Eine klinische Sauberkeit, die dem Bayer und GS-Fahrer Josef Miritsch gar nicht behagt. »In Köln war mehr Stimmung.« Auf die verzichtet Michael Walter von BMW liebend gern. »Das Ruhrgebiet ist jetzt weiter weg.« Was sich auf die Besucherzahlen nicht auswirkt. Über 150 000 Besucher kommen nach München, anno 1996 in Köln waren’s zwar 8500 mehr. Aber die wollten nur Fahrräder gucken. Der Veranstalter, die Messe München, und der Industrie-Verband Motorrad sind’s deshalb hoch zufrieden. So wie Bruno Langbein, 60, der noch keine IFMA verpaßt hat. Er ist aus dem Westen der Republik in den Süden geflogen. »Stört mich nicht, daß die Ausstellung umgezogen ist. So lerne ich wenigstens mal München kennen.« Dort tönt’s am Samstag wie Donnerhall: »Ozapft is!« Noch’n Fest.
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