Internationale Enduro-DM in Zschopau (Archivversion)

Dreck-Race

Strahlend blauer Himmel über Zschopau: Petrus schien den Enduristen wohlgesonnen zu sein. Doch der 85 Kilometer lange Kurs rund um das Städtchen im Erzgebirge war nach tagelangem Regen vollgesogen wie ein Schwamm.

Zschopau rief zum vorletzten Lauf der internationalen Enduro-DM, und alle kamen. An die 300 Fahrer aus 16 Nationen, darunter etliche Welt- und Europameister, nahmen die Herausforderung an und starteten bei einem der weltweit anspruchvollsten Endurorennen. Die Strecke, welche je nach Klasse bis zu dreimal umrundet werden musste, bot alles auf, was den Endurosport ausmacht – brutale Auf- und Abfahrten, Schlammlöcher von der allertiefsten Sorte sowie den »Teufelsberg«, einen bewaldeten Extrem-Steihang. Ein besonderes Schmankerl war die erste Sonderprüfung kurz nach dem Start am MZ-Werk: ein Labyrinth aus engsten Kehren, welches sich so aberwitzig einen Skihang hoch und runter schlängelte, dass einem schon beim Zusehen schwindlig wurde. Verantwortlich für diesen Streckenteil zeichnete Tobias Wenzel, hauptberuflicher Leichenbestatter, dem die berufsbedingte Pietät hierbei aber völlig abging. »Ich könnte kotzen, wenn ich diesen Skihang sehe«, kommentierte der DM-Führende bei den 400ern, Thomas Ramsbacher. Mehrere hundert der insgesamt 60 000 Zuschauer fanden sich ab acht Uhr morgens am Skihang ein, am Teufelsberg jedoch standen Tausende, um das Spektakel des Ziehens und Zerrens hautnah mitzuerleben.»Wenn erst mal die Wurzeln rauskommen, dann stehen die Fahrer«Ingo Haase, Streckenposten am TeufelsbergDie Gesamtheit der fahrerischen und konditionellen Anforderungen sorgten für Ausfallquoten von über 60 Prozent. Bei den Amateuren kamen von 126 Fahrern gerade mal sieben in die Wertung. Aber nicht nur die zweite Liga tat sich schwer, selbst gestandene Endurogrößen wie Giovanni Sala, Juha Salminen und Kari Tiainen mussten reichlich Federn lassen. Letzterer stellte nach Kupplungsproblemen sein Motorrad entnervt ab und half anderen Fahrern, ein Steilstück zu erklimmen. Dem Weltmeister und Führenden in der DM-Gesamtwertung, Anders Eriksson, erging es ähnlich. Nachdem er in seiner Startgruppe als Letzter weggekommen war und gerade noch einer Strafe wegen Überschreitung der Startzeit entgehen konnte, fuhr er sich hoffnungslos in einer Rille fest und zerstörte bei den Versuchen, sich aus der misslichen Lage zu befreien, die Kupplung.»Die Fahrer suhlen sich, und die Zuschauer stehen trocken und warm, so muss es sein«Bertram Winkler, MSC Rund um ZschopauDie deutschen Enduristen zeigten sich von der zugereisten Prominenz unbeeindruckt. Souverän gewannen Swen Enderlein und Dirk Peter ihre Klassen und sammelten so die entscheidenden Punkte, um auch ihrer Mannschaft ADAC Pfalz I zum Sieg zu verhelfen. Besondere Härte bewies Christoph Seifert. Erst am Tag vor dem Start waren ihm die Fäden an einer tiefen Kniewunde gezogen worden. »Nur nicht stürzen, dann reicht es vielleicht unter die ersten Acht«, war seine Devise vor dem Rennen. Aber gleich in der ersten Runde bei der Abfahrt vom Teufelsberg krachte er in die Fangzäune, rappelte sich sofort wieder auf und lieferte sich anschließend mit seinem Kontrahenten Ralf Scheidhauer ein spannendes Duell. Lohn für so viel Biss: Platz zwei hinter Björne Karlsson und vor Ralf Scheidhauer in der Klasse über 500 cm³. Da der Schwede aber nicht in der DM startet, nimmt Christoph 20 Meisterschaftspunkte mit nach Hause. Der Lokalmatador Marko Barthel aus Flöha lag noch vor kurzem mit Verdacht auf Lendenwirbelbruch im Computertomographen, ließ es aber trotzdem richtig krachen und fuhr den dritten Platz bei den 125ern ein, dicht gefolgt von Markus Kehr, der das Rennen mit gebrochenem Finger absolvierte. Erster bei den 250er-Viertaktern und Gesamtsieger aller Klassen wurde der Schwede Peter Bergvall. Der amtierende Weltmeister zeigte, dass bei richtigem Einsatz geringer Hubraum für gewaltige Leistungen ausreicht.»Ich habe den Zschopau-Virus, bin schon das vierte mal hier, aber die Emotionen sind jedes Mal der Wahnsinn«Michaela Knup (Schweiz), DamenklasseDie Endurorennen in Zschopau sind nicht nur wegen der anspruchsvollen Strecke so populär. Nein, hier lebt die Motorsport-Historie. Eine ganze Region ist während des Wochenendes in Wallung. Sechs Monate Vorbereitung, 500 ehrenamtliche Helfer und mindestens 300 Verträge sind nötig, damit beim sächsischen Kult-Event auch nur ein Stollenreifen durch das Erzgebirge rollen darf. Die Bevölkerung in Zschopau scheint sowieso mehr Benzin als Blut in den Adern zu haben – das Rennen findet nicht etwa nur auf entlegenen Äckern statt, sondern quasi in den Vorgärten der Zschopauer. Oft pfeifen die Enduristen im Zentimeterabstand an den Häusern vorbei. Die anschließende Party: ein rauschendes Fest. Als bei der Siegerehrung das Trophy-Senioren-Team der ehemaligen DDR den Pokal vom letztjährigen Gewinner Schweden zurückbekam, war das Publikum so außer Rand und Band, dass selbst 10 000 Watt Musikleistung gegen die Freudengesänge nicht mehr ankamen. Ein bisschen »Ostalgie« ist schon dabei, in Zschopau.
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