Interview Klaus Nöhles (Archivversion)

»Ich ziehe alle Register“

Grand-Prix-Nachwuchsstar Klaus Nöhles drängt energisch zur Weltspitze bei den 250ern – und hat keine Bange vor dem großen Erbe seines damaligen Teamkollegen Ralf Waldmann.

Hast Du als Teamkollege das Karriereende von Ralf Waldmann vorausgesehen? Es war vorauszusehen. Der Waldi hatte nicht mehr die Motivation, die er eigentlich hätte haben sollen. Es hat mich trotzdem schwer getroffen, dass er nach dem letzten Grand Prix schlagartig Feierabend machte. Jetzt ist die ganze alte Garde des deutschen Motorradsports weg, und damit ruht alle Last auf uns Neulingen. Die Leute werden natürlich erwarten, dass ein Deutscher in der WM wieder nach vorne kommt. Bisher war es recht angenehm, in Waldis Windschatten mitzulaufen. Jetzt muss man den Kopf halt selber in die Menge stecken.?Eine schwere Aufgabe? Es ist eine Herausforderung. Ich denke mir: Was kann es Besseres geben, als derjenige zu sein, dem alle Leute das Beste zutrauen? Mit dieser Motivation kann ich gut umgehen.? Wie war das im letzten Jahr am Sachsenring, als Du einen Platz in der ersten Startreihe erbeutet hast? Das war schon ein sehr hartes Brot. Die ganze Medienwelt hat sich auf mich gestürzt. Erst zwei Stunden nach demTraining habe ich es geschafft, aus der Lederkombi rauszukommen. Dann bin ich kurz ins Wohnmobil, um abzuschalten und dann frisch geduscht wieder durchzustarten, Sponsorengespräche zu führen, den Bürgermeister zu treffen und mich mit dem Team über die Abstimmung zu bereden. Kurz nach Mitternacht kam ich zurück ins Motorhome und fiel todmüde ins Bett.? Mit zittrigen Fingern bist Du beim Rennen aber nicht losgefahren? Nein, nein. Ich musste mir keine Sorgen machen, dass ich´s nicht hinbringe. Im Gegenteil: Meistens kann ich im Rennen noch eine Stufe drauflegen. ? Ist es Deine Philosophie, durch härtere Arbeit am Ende bessere Ergebnisse zu erzielen? Ganz klar. Ich denke mir, Weltmeister wird man nicht durch Glück und Talent, sondern da muss schon alles stimmen. Man kann viel aus dem Team rausholen, man kann viel durch körperliche Fitness gut machen, man kann in der Zusammenarbeit mit einer gewissen Professionalität zur Sache gehen. Da will ich jedes Register ziehen, das ich irgendwo nur finden kann.? Wie stellst Du Dir die Zusammenarbeit mit dem Aprilia-Germany-Team künftig vor? Das Team hat viele Jahre mit Ralf Waldmann gearbeitet, und Ralf war halt eher ein Mensch, der Sachen aus dem Bauch raus entschieden oder dem Team einfach überlassen hat. Da bin ich grundlegend anders, denn ich schreibe extrem viel auf und arbeite auch am Computer. Ich will mich stark mit dem Team absprechen und strebe ein perfektes Miteinander an. Der Schwerpunkt liegt auf Analyse und Absprache, denn nur durch reden kann man auf gewisse Sachen kommen, über die man sonst vielleicht nicht nachdenkt. Sieben Leute bei uns im Team sind Ex-Rennfahrer, da hat jeder viel Erfahrung, die er einbringen oder die ich ihm aus der Nase kitzeln kann. So kann ich eigene fehlende Erfahrung wettmachen.? Was musst Du als Fahrer noch dazulernen? 1999, als ich fast alle Rennen der EM gewinnen konnte, habe ich so gut wie keine Zweikämpfe gehabt, weil ich immer vorneweg gefahren bin. Das war letztes Jahr anders. Ich habe fast alle Starts versiebt und musste jede Menge Leute überholen. So habe ich sehr gut kämpfen gelernt. Jetzt möchte ich vom Start weg vorn dabei sein und lernen, von Anfang an auf extrem hohem Level zu fahren. Dann beginnt man, sich Taktiken zurechtzulegen. In der Theorie kenne ich sie, konnte sie aber bisher nicht in die Praxis umsetzen, weil nie die entsprechende Situation da war. Das wird ein Knackpunkt sein, den ich überwinden muss.? Traust Du Dir Siege zu? Absolut. Nicht dieses Jahr, aber in Zukunft will ich schon gewinnen.? Warum nicht dieses Jahr? Mit Glück kann ich auch diese Saison Rennen gewinnen. Aber ich gehe davon aus, dass sich die anderen Jungs auch denken: Ich fahr’ das Ding sicher nach Hause. Deshalb bleibe ich realisitisch und sage: Da sind ein paar dabei, die einfach noch mal ´ne Hausnummer besser sind als ich. Derzeit.? Wie war Deine erste Reaktion, als Du von Katja Poensgens GP-Plänen hörtest? Zuerst dachte ich: Whow, Wahnsinn! Letzten Endes glaube ich, dass ihr Start uns allen nur von Nutzen sein kann. Das ganze Grand-Prix-Umfeld wird dadurch aufgewertet, und die Medien werden noch mehr auf die Sache aufspringen. Ich drück´ der Katja die Daumen, dass sie den Sprung schafft.
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