Interview mit Aaron Slight (Archivversion)

»Weit entfernt von der Top-Form“

Honda-Werks-Superbiker Aaron Slight über sein Comeback nach der schweren Gehrinoperation zu Saisonbeginn.

? Aaron Slight, nach Ihrer komplizierten Gehirnoperation im Februar mussten Sie die ersten vier Superbike-WM-Rennen auslassen. Seit dem Comeback Ende Mai in Monza zeigt Ihre Formkurve beständig nach oben. Sind Sie schon wieder ganz der Alte?! Überhaupt nicht. Da fehlt noch jede Menge. Gut, die Ergebnisse werden wieder besser. Aber ich bin noch sehr weit entfernt von meiner Normalverfassung. Von der Topform, die du brauchst, um Rennen zu gewinnen, ganz zu schweigen.? Die Rekonvaleszenzphase ist also noch nicht abgeschlossen?! Keineswegs, es sind ja gerade mal knapp sieben Monate vergangen seit der Operation, bei der immerhin im Gehirn zwei beschädigte Adern wieder in Ordnung gebracht werden mussten. Meine Ärzte haben mir gesagt, dass Patienten nach ähnlichen Eingriffen normalerweise bis zu zwei Jahre krankgeschrieben werden.? Dafür sind die Ergebnisse in den Rennen und Rang acht im WM-Zwischenklassement aber sehr bemerkenswert.! Ja schon, immerhin konnte ich, obwohl ich mit der neuen Zweizylinder-Honda ganz gewaltige Testrückstände habe, dreimal meinen Teamkollegen Colin Edwards schlagen: in Misano, in Brands Hatch und in Assen. Und der ist in der WM ganz vorn. Aber auf der anderen Seite weiß ich schon fast nicht mehr, wie es ist, wenn ich tatsächlich in perfekter Verfassung bin. Die Operation kam ja nicht aus heiterem Himmel. Ich litt bereits während der gesamten Saison 1999 unter Konzentrationsschwäche, Übelkeit, Kopfschmerzen und Gleichgewichtsproblemen. Nur dass sich niemand einen Reim darauf machen konnte, bis die Sache bei den Testfahrten im Februar in Phillip Island akut wurde.? Wann werden wir dann endlich wieder den Aaron Slight erleben, der 100-prozentig fit ist?! Ich hoffe, in der kommenden Saison. Über den Winter werde ich genügend Zeit haben, meine körperliche und geistige Form wieder herzustellen. Aber zuerst muss ich schauen, dass ich auch im Jahr 2001 ein konkurrenzfähiges Paket für die Superbike-WM bekomme.? Sie fahren seit 1994 für das Castrol-Honda-Werksteam und gehören schon fast zum Inventar. Ist da für 2001 nicht schon alles klar?! Nein, bei Hondas Rennabteilung HRC gibt es einige neue Manager. Und in den Gesprächen spüre ich eine wachsende Distanz. Es ist noch nichts entschieden, aber niemand darf sich wundern, wenn ich nächstes Jahr auf einem anderen Motorrad sitzen werde.? Sie haben vor einiger Zeit gesagt: »Wenn ich Honda verlasse und zum Beispiel auf einer Ducati fahren würde, wäre ich ein Verräter.«! Ja, aber das war eine andere Situation. Damals hatten die Twins einen erheblichen Reglements-Vorteil gegeüber unserer V4-RC 45. Heute haben wir selber einen Twin und kämpfen sozusagen mit gleichen Waffen.? Aaron Slight, der ewige Honda-Fahrer, 2001 wahrscheinlich auf einem anderen Motorrad. Haben Sie darüber hinaus noch weitergehende Pläne für die Zukunft?! Absolut nicht. Wenn Sie mich am Ende der Saison 1999 gefragt hätten, hätte ich gesagt: ‚Ich werde in den nächsten zwei Jahren voll angreifen, um den Titel kämpfen und dann aufhören.’ Aber in meiner momentanen Lage geht es nur darum, 2001 zu zeigen, dass ich wieder in der Lage bin, Weltklasse-Leistungen zu zeigen. Alles, was danach kommt, interessiert mich zur Zeit nicht.? Sie waren seit 1993 immer unter den Top-vier der Superbike-WM, zweimal Vizeweltmeister, viermal Dritter, aber nie ganz vorn. Nagt das nicht am Selbstbewusstsein?! Das ist kein Problem, weil ich weiß, wie es zustande gekommen ist. In dieser Zeit saß der Weltmeister nur zweimal wie ich auf einem 750er-Vierzylinder. Und die 1000er-Twins hatten doch ganz erhebliche Vorteile. Von den Vierzylinder-Fahrern war ich aber oft der Beste im WM-Klassement. Außerdem konnte ich mich gegen hochdekorierte Teamkollegen durchsetzen. Doug Polen kam als zweifacher Weltmeister zu Honda und blieb in der WM hinter mir, ebenso Carl Fogarty. Gut, John Kocinski ist 1997 mit Honda Weltmeister geworden. Aber der hat auch unser ganzes Team auf den Kopf gestellt, und ich habe es vielleicht zu spät gemerkt.? Also keinen Wehmut über den möglicherweise für immer entgangenen Weltmeister-Titel?! Nein, überhaupt nicht. Denn man darf nie vergessen, es hätte auch ganz anders laufen können. Dann wäre ich nämlich ein x-beliebiger Motorradmechaniker in Neuseeland geblieben und nicht Superbike-Profi geworden. Und außerdem: Wenn ich wirklich fit in die Saison 2001 gehen kann, mit einem konkurenzfähigen Motorrad in einem Spitzenteam, dann ist natürlich alles möglich.
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