Interview mit Carl Fogarty (Archivversion)

»Ich bin ein schlechter Verlierer“

Carl Fogarty über den vierfachen Weltmeister in der Vergangenheit und den Privatmann in der Zukunft.

? Carl Fogarty, wann haben Sie erkennen müssen, dass Ihre Verletzung nach dem Sturz von Phillip Island im April so schlimm ist, dass sie das Ende Ihrer Karriere bedeutet?Ich war während des gesamten Reha-Prozesses über all die Monate extrem ungeduldig, weil es mir zu langsam ging. Dr. Carr, mein behandelnder Arzt, redete mir immer wieder ins Gewissen und erklärte mir, dass die meisten anderen Menschen mit ähnlichen Verletzungen – schließlich war es ein Trümmerbruch im Oberarm – noch viel langwierigere Heilunsgprozesse in Kauf nehmen müssen. Ich musste dies akzeptieren, denn ich habe in den Kliniken solche Menschen tatsächlich kennengelernt. Den Schock meines Lebens aber bekam ich bei den Testfahrten in Mugello Ende September. Ich war einfach nicht in der Lage, das Motorrad so zu fahren, wie ich das gewohnt bin, und vor allem, wie es notwendig wäre, um gewinnen zu können. Das war sehr bitter. Aber da war mir sofort klar, dass Schluss ist. Ein oder zwei Jahre nur noch so mitfahren in der Superbike-WM, das ist nichts für mich.? Außer Ihnen sind mit Mick Doohan, Kevin Schwantz, Wayne Rainey und auch Freddie Spencer auch viele andere große Champions von schweren Verletzungen zum Rücktritt gezwungen worden. Werden die Rennen und die Maschinen immer gefährlicher, immer weniger beherrschbar?Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Natürlich fahren wir viel schneller als früher, aber die Strecken sind viel sicherer geworden und die Maschinen besser. Ich erinnere mich an Strecken in meiner Kindheit, auf denen mein Vater Rennen gefahren ist. Da standen überall Bäume.? Wird die Verletzung irgendwann überhaupt vollständig ausheilen?Das kommt darauf an, was man darunter versteht. Für das tägliche Leben ist mein Zustand jetzt schon absolut ausreichend, aber eben nicht zum Rennen gewinnen. Vielleicht wäre ich in einem Jahr so weit. Aber darauf zu hoffen und dann unsicher zurückzukehren, das will ich nicht.? Was macht Carl Fogarty aus Blackpool zum vierfachen Superbike-Weltmeister und zum Superstar?Nun, das Wichtigste ist: Ich bin ein extrem schlechter Verlierer. Ich will immer gewinnen. Das ist es, was mich am Rennsport immer interessiert hat. Viele Fahrer sagen, sie lieben den Rennsport, das Bewegen einer Maschine im Grenzbereich und so weiter. Das ist bei mir alles nur Mittel zum Zweck. Ich will am Ende als Erster über die Ziellinie fahren. Und wenn das nicht klappt, bin ich total sauer.? Ist diese unbedingte Sucht nach dem Sieg Voraussetzung für den ganz großen Erfolg?Mit Sicherheit. Das unterscheidet echte Champions wie außer mir noch Doohan, den Scott Russell der Jahre 1993/94 oder John Kocinski von anderen Rennfahrern, die bestimmt wesentlich talentierter sind oder waren als ich, denen aber der letzte Biss und der absolute Drang zum Sieg einfach fehlt.? Was verändert sich jetzt im Leben des Ex-Rennfahrers Carl Fogarty?Eine ganze Menge. Ich war in den letzten zwölf Jahren ein extrem egoistischer, aggressiver, ja fast selbstsüchtiger Mensch, weil ich das als Rennfahrer sein musste. Ich habe rücksichtslos versucht, die Gegner mit dieser Haltung auch außerhalb der Strecke niederzumachen. Psychologische Kriegsführung sozusagen. Aber ich konnte dieses System irgendwann nicht mehr abschalten. Der Erfolg hat mir zwar Recht gegeben. Aber für vernünftige Sozialkontakte ist das nicht gerade förderlich.Und dies muss ich jetzt alles wieder ablegen. Ich habe zwölf Jahre in einer isolierten Welt gelebt. Sie werden es kaum glauben, aber grundsätzlich bin ich ein zurückhaltender und freundlicher Mensch. Das muss ich jetzt wieder lernen. Vor dem Beginn meiner Rennfahrer-Karriere war ich sogar ausgesprochen schüchtern. Michaela, meine Frau, wird Ihnen das bestätigten. Es hat zum Beispiel ewig lang gedauert, bis wir endlich zusammen waren.? Gibt es auch zukünftig einen Carl Fogarty im Zusammenhang mit dem internationalen Motorradrennsport?Nun, mit Ducati wird die Zusammenarbeit auf jeden Fall weitergehen. Fogarty und Ducati, das ist für mich wie eine Ehe, und eine gut funktionierende noch dazu. Ob sich diese Zusammenarbeit aber vorrangig im PR- und Consulting-Bereich abspielen wird oder ob ich als Betreuer von jungen Fahrern auftrete, wie etwa Doohan bei Honda, oder gar als Teamchef, das ist noch nicht entschieden – obwohl, als Teamchef eher nicht. Da müsste ich ja meinen Siegesdrang wieder aktivieren und vielleicht auf andere übertragen. Und das geht wahrscheinlich nicht so einfach. Denn Carl Fogarty, den gibt’s nur einmal, mit allen guten und schlechten Seiten.
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