Interview mit Pit Beirer (Archivversion)

«;Meine letzte Chance“

Pit Beirer (25), zur Zeit auf dem dritten Tabellenplatz der 250er Moto Cross-WM verläßt das PAMO-Honda-Team und wechselt für die kommende Saison ins Kawasaki-Werksteam.

? Sie stehen am Ende einer erfolgreichen Saison. Mit Ihrem vom Schweizer Gerüsthersteller PAMO finanzierten Honda-Semi-Werksteam holen Sie voraussichtlich den dritten WM-Platz in der 250er Klasse vor sieben weiteren Werksfahrern. Stimmen die Gerüchte, daß Sie nun zu Kawasaki wechseln?Ja. Ich werde in der nächsten Saison im offiziellen Kawasaki-Werksteam fahren. Der bisherige Kawasaki-Werksfahrer Sébastien Tortelli wird die WM verlassen und für Honda in den USA antreten, so daß dessen Platz frei wurde. Mein Teamkollege wird der bisherige Suzuki-Pilot Marnicq Bervoets werden.? Wäre es nicht besser gewesen, auf die gewohnte Struktur zu bauen und nächstes Jahr von dieser Basis den Weg nach weiter vorn anzutreten?Als Semi-Werksteam haben wir uns in der Tat hervorragend geschlagen. Doch letztlich liegt genau in dieser Konstellation unser Problem. Wir erhalten definitiv nicht das gleiche Material wie das Honda-Werksteam mit den beiden Piloten Stefan Everts und Frédéric Bolley. Das war schon zu Saisonbeginn so, als Honda, entgegen unserer Erwartung, Everts´ Maschine mit einem modifizierten Rahmen ausstattete. In der Fahrpraxis waren die Unterschiede sicher gering, doch ab da wußte ich, daß wir nicht mit dem Everts-Team gleichgestellt sind. Die Probleme waren eher moralischer als technischer Natur.? Was Ihre Resultate aber nicht negativ beeinflußte. Sie holten immerhin den Sieg beim GP-Auftakt in Spanien.Stimmt, doch danach wurde Everts´ Motorrad weiterentwickelt, und wir konnten nicht mehr Schritt halten. Am härtesten traf es mich dann beim deutschen GP in Teutschenthal. Everts und Bolley erhielten bereits 1999er Teile, ich schaute in die Röhre. Ab dann war klar: Auch wenn ich zweitbester Honda-Pilot in der WM bin, bleibe ich für Honda nur die Nummer drei. Sie haben dort unmißverständlich klar gestellt, wer ihr offizielles Team ist und wer nicht. Und daran hätte sich auch 1999 nichts geändert. ? Im Moto Cross spielt der Fahrer eine weit bedeutendere Rolle als beispielsweise im Straßensport. Ist denn der kleine Tick an technischem Vorsprung nicht fahrerisch auszugleichen?Wenn man neun Werksfahrern gegenübersteht, die alle auf der letzten Rille fahren, dann muß jedes Detail stimmen. Wenn da einer Husten hat, fährt er statt auf Rang eins auf Platz acht. Insofern ist auch dieses Quentchen Technik entscheidend.? Und bei Kawasaki sieht es in dieser Beziehung besser für Sie aus?Dort bin ich vollwertiger Werksfahrer mit dem direkten Kontakt zum Werk. Zudem ist der niederländische Teamchef Jan de Groot als exzellenter Techniker bekannt. Und man sieht ja schon an den Resultaten von Tortelli, daß das Motorrad konkurrenzfähig ist. ? Sie haben sich erst vor kurzem im PAMO-Teamstandort in Italien eingerichtet. Droht jetzt der neuerliche Umzug nach Holland?Daß ich Italien verlassen werde, steht fest. Ob ich nun nach Holland ziehe oder von zu Hause in Ludwigshafen am Bodensee aus agiere, weiß ich aber noch nicht. Darüber werde ich mir in den nächsten Wochen Gedanken machen. ? Und wie steht jetzt das PAMO-Team da, das ja gewisssermaßen für Sie gegründet und auf Sie zugeschnitten wurde?Wir haben uns in bester Freundschaft getrennt. Teamchef Paul Kasper wußte um meinen Gewissenskonflikt und hat Verständnis. Das Team bleibt bestehen und sucht nach einem neuen Fahrer.? Das heißt, Ihr Leib-und-Seele-Techniker Werner Schwärzel geht nicht mit zu Kawasaki.Ja, dort ist wie gesagt de Groot selbst für die Technik zuständig. Diese Trennung nagt momentan noch an uns allen. Es tut schon weh, daß nach all den Jahren zukünftig niemand mehr von meinen bisherigen Weggefährten dabei sein wird.? Außer Ihnen und Yamaha-Werksfahrer Tallon Vohland konnte in dieser Saison kein Fahrer das überragende Duo Everts/Tortelli bezwingen. Die Teamchefs suchen händeringend nach Piloten, die Everts im nächsten Jahr schlagen können. Hat diese Situation Ihren Marktwert entscheidend gesteigert?Gott sei Dank. Ich hatte von vielen Teams Angebote. Zum Glück lagen alle Offerten finanziell auf ähnlichem Niveau, so daß ich mich ausschließlich nach der Qualität der Teamstruktur und dem technischen Niveau entscheiden konnte. ? Trotz der beeindruckenden Übermacht von Stefan Everts geben Sie Ihre Absicht, Weltmeister zu werden, noch nicht auf?Nein, natürlich nicht. Aber ich weiß, daß es sehr sehr schwierig sein wird. Everts kann sich unter Druck enorm steigern. Niemand weiß genau, wo seine Grenzen liegen. Doch damit muß ich leben. Ich habe noch ein, zwei Jahre die Chance, die Nummer eins zu werden, und die möchte ich bei Kawasaki nutzen.
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