Interview (Archivversion)

Das ist die Tradition von morgen

Die Optik der 999 gestaltete Pierre Terblanche. Der 45-jährige gebürtige Südafrikaner sprach mit MOTORRAD-Korrespondentin Eva Breutel über die Entwicklung des neuen Flaggschiffs.

Die Ducati-Baureihe 916 bis 998 gilt als Meilenstein des Motorraddesigns. Was ist das für ein Gefühl, wenn man den Nachfolger eines solches Motorrads schaffen muss?Ich habe Blut und Wasser geschwitzt. Aber ich habe es als große Herausforderung begriffen. Wie geht man an eine solche Aufgabe heran?Man hat Vorgaben. Die 999 sollte ein einfacheres Motorrad werden als die 916: einfacher zu bauen, einfacher in der Wartung und einfacher zu fahren. Es geht ja nicht nur um ein neues Styling, sondern auch um einen technischen Sprung, ähnlich dem, als die 916 auf die 888 folgte.Beschließen Sie einfach: So und nicht anders soll das neue Motorrad aussehen?Nein, das Design wurde von innen nach außen entwickelt. Nehmen wir nur den Tank. Er hat am meisten Zeit und Nerven gekostet, denn ihn habe ich bestimmt 15- oder 16-mal gemacht, bis mir die Form gefiel und die gewünschte Funktionalität erreicht war.Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Technikern?Das Design-Center bekommt die technischen Vorgaben. Zum Beispiel zur Elektrik. Ich weiß ja nicht so genau wie ein Ingenieur, wozu jedes einzelne Kabel dient und ob es wirklich an dieser Stelle sein muss. Dann kommen wir Designer zum Zug, passen die Teile ein oder geben ihnen eine neue Form. Danach wird unsere Arbeit von der Technik auf ihre Machbarkeit hin überprüft. Wie arbeiten Sie?Die 999 ist die erste Ducati, die komplett per CAD entworfen wurde. Das spart Zeit und Geld, wie wir überhaupt an der 999 viel eingespart haben: Sie hat 28,4 Prozent Teile weniger als die 916. Etwa die Spiegel und Blinker: Sie verschmolzen zu einem Teil, das man mit einem Handgriff entfernen kann.Warum haben Sie sich für eine Zweiarmschwinge entschieden?Ducati Corse wünschte sich eine Zweiarmschwinge. Die ist leichter, um rund zehn Prozent steifer und bringt beim Rennen mehr Haltbarkeit der Reifen.Stichwort Verkleidung: Warum haben Sie diese Optik gewählt? Was inspirierte Sie?Das kann ich nicht immer so genau festmachen. Beim Heck der 999 weiß ich es: ein sehr verrückter Zug aus dem Jahr 1929, den ich in Österreich gesehen habe.Die ersten Erkönig-Fotos und Zeichnungen der 999 ernteten bissige Kommentare. Ärgert Sie das?Nicht wirklich, denn das Schlimmste für einen Designer ist, wenn er ein neues Styling macht, und keiner merkt´s. Aber ich glaube, dass man ein Motorrad nicht nach einem schlecht ausgeleuchteten Erlkönig-Foto oder nach einer schnell hingeworfenen Zeichnung beurteilen sollte. Ich sehe die 999 heute zum ersten Mal auf der Rennstrecke, und da gefällt sie mir noch viel besser.Kritik wird es mit Sicherheit auch am Live-Modell geben, denn viele sehen es als Bruch der Ducati-Tradition. Macht Sie das nervös?Nein. Und was heißt schon Tradition? Wichtig ist, dass Design für Ducati eine andere Bedeutung hat als für die Japaner; wir bringen nicht alle zwei Jahre ein neues Modell. Das Aussehen der 999 ist die Tradition von morgen.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote