Interview (Archivversion)

»Erfolg verpflichtet zum Maßhalten«Marco von Maltzan, Leiter BMW Motorrad

MOTORRAD sprach mit Marco v. Maltzan, 46, Leiter von BMW Motorrad, und Entwicklungsleiter Dr.- Ing. Markus Braunsperger, 38, über unternehmerische Ziele, die aktuelle Modellpalette und die technische Entwicklung.

BMW hat in den letzten neun Jahren eine beispiellose Erfolgsserie geschafft. Welche unternehmerischen Ziele haben Sie für die Zukunft?v. Maltzan: Wir wollen weiter wachsen. Die magischen 100000 Motorräder pro Jahr sind erreichbar. Aber Stückzahl per se ist kein Unternehmensziel. Wir wollen profitabel wachsen. Im Jahr 2001 haben wir beim Umsatz um 14,1 Prozent zugelegt, und das Ergebnis - soviel kann ich Ihnen jetzt schon sagen - hat sich auch sehr erfreulich entwickelt.Das sagt man dem Haus BMW generell nach. Und dass Sie wegen der zurückliegenden Rover-Verluste weniger Steuern bezahlen, macht die Ergebnisse noch erfreulicher.v. Maltzan: Ich berichte nur das Ergebnis vor Steuern.Werden Sie neue Arbeitsplätze schaffen ?v. Maltzan: Wir werden 70 neue Arbeitsplätze schaffen, indem wir bis 2003 über 100 Millionen Euro in den Ausbau unseres Werks in Berlin investieren. Mit dem Ziel, an Flexibilität zu gewinnen, um individuelle Kundenwünsche noch besser erfüllen zu können. Übrigens haben wir dort schon im letzten Jahr etwa 250 Beschäftigte zusätzlich an Bord genommen, um die steigende Nachfrage bedienen zu können. Weitere Arbeitsplätze haben wir 2000 dadurch geschaffen, dass wir die Fertigung der F 650-Baureihe von Aprilia zu BMW geholt haben.Wie viele Mitarbeiter hat BMW Motorrad?v. Maltzan: Ende 2001 hatten wir 2600 Mitarbeiter. Davon sind ungefähr 1800 in Berlin beschäftigt. BMW produziert dort seit über 30 Jahren Motorräder. Wir haben auch in schweren Zeiten an diesem Standort festgehalten. Heute sind wir stolz, dort der fünftgrößte industrielle Arbeitgeber zu sein.Gibt es andere Standorte, die um BMW werben?v. Maltzan: Ich mache keinen Hehl daraus, dass Berlin im Wettbewerb mit anderen Standorten steht und wir Vergünstigungen für unser Investitionsprogramm erhalten.Sehen Sie Wachstumschancen eher im In- oder im Ausland?v. Maltzan: In Deutschland stieg unser Marktanteil im vergangenen Jahr auf 16 Prozent. Das Auslandsgeschäft ist maßgeblich am Wachstum von BMW Motorrad beteiligt. Der Exportanteil hat sich auf über 70 Prozent erhöht; er lag vor sechs Jahren noch bei 60 Prozent. Große Chancen sehe ich in den USA. Hier haben wir in den vergangenen vier Jahren von knapp 5000 auf über 13000 Einheiten zugelegt und an diesem Wachstumsmarkt wollen wir noch stärker partizipieren. Dazu muss die Handelsorganisation ausgebaut werden. Außerdem haben wir noch das eine oder andere Produkt im Köcher.In welchem Segment?v. Maltzan: Das Cruiser-Segment spielt im amerikanischen Markt eine große Rolle. Wir bieten dort heute nur drei Modelle an, während andere Hersteller wesentlich breiter aufgestellt sind. Ich denke da an Harley-Davidson. Hier werden auch wir unser Angebot spreizen.Es scheint, als ob manche wegen Ihrer Erfolge etwas brummig werden.v. Maltzan: Erfolg verpflichtet zum Maßhalten. Die Situation kann sich schnell umkehren. Wir müssen schlank bleiben. Im letzten Jahr haben wir alle internen Prozesse auf den Prüfstand gestellt. Wie können wir schneller werden, war die Frage – etwa im Bereich Entwicklung. Darüber hinaus ging es um den kundenoptimierten Vertriebs- und Produktionsprozess. Wie können wir noch flexibler auf Kundenwünsche reagieren? Das wird in Zukunft ein Erfolgsfaktor sein.Zum aktuellen Modellprogramm. Wie sieht es aus bei der F 650 CS?v. Maltzan: Es ist noch zu früh, eine konkrete Aussage zu machen, aber der Auftragseingang ist gut. Grundsätzlich sind wir sehr erfreut über die große Akzeptanz in den Medien und bei möglichen Kunden – jüngeren Leuten, die ein Fahrzeug wünschen, das leicht zu handhaben ist, oder bei Wiedereinsteigern.MOTORRAD kritisiert an diesem Fahrzeug vor allem das Federbein. Was ändern Sie daran?Braunsperger: Wir hatten bei der Entwicklung der F 650 CS eine Kundengruppe im Visier, die an einem Motorrad nichts herumstellen will. Also haben wir ein nicht einstellbares Federbein gemacht.Auch ein nicht einstellbares Federbein braucht die richtige Grundabstimmung. Die ist bei der CS zu weich.Braunsperger: Die Grundabstimmung orientierte sich bei diesem Fahrzeug zunächst am Einpersonenbetrieb mit wenig Gepäck und erst dann am Soziusbetrieb.Das Integral ABS macht im Stadtverkehr und bei Kolonnenfahrten Probleme mit der Dosierung. Wann werden Sie ...v. Maltzan: Sie reden von der Fußbremse bei der vollintegralen Version in der R 1150 RT?Ja, auch, aber...v. Maltzan: Die Dosierbarkeit der Fußbremse ist...Die ist sehr kritisch.v. Maltzan: ...verbessert worden. Sie haben die R 1150 RT ja gerade getestet.Der Anstieg der Bremskraft ist nicht mehr so krass, aber noch zu stark. Die Handbremsfunktion ist weniger kritisch, aber bei einer Schreckbremsung immer noch heftig.Braunsperger: Neben der weiteren Verbesserung der ABS-Funktionalität bestand unser Ziel darin, den Aufbau des maximalen Bremsdrucks unabhängig vom Fahrer zu machen. Denn in den ersten Zehntelsekunden einer Bremsung wird der meiste Weg verschenkt. Zur Dosierbarkeit: Die motorischen Fähigkeiten sind mit der Hand größer als mit dem Fuß, trotzdem soll bei einem vollintegralen Bremssystem die gleiche Wirkung erzielt werden. Das ist ein gewisses Problem. Es gibt aber seit Januar – wie erwähnt – eine Änderung bei der Fußbremse der R 1150 RT, welche die Dosierbarkeit verbessert.Lässt sich diese Änderung nachrüsten?Braunsperger: Nein. Bitte bedenken Sie aber beim Thema Dosierbarkeit, dass unsere Kunden nicht so viele unterschiedliche Motorräder fahren wie Sie und sich daher leichter an das Integral ABS gewöhnen.v. Maltzan: Die Reaktion unserer Kunden ist ausgesprochen positiv. Das Bewusstsein des Sicherheitsgewinns überwiegt vereinzelte Kritik bei weitem.Was unternimmt BMW Motorrad in Sachen Qualitätsverbesserung? Da gab es Schwierigkeiten, etwa mit Getrieben oder der Elektrik.v. Maltzan: Wir wollen beim Thema Qualität noch besser werden. Zwar haben wir schon eine Menge getan, doch es braucht Zeit, bis die Effekte spürbar werden.Das Image ist gut, aber nach unseren Hinweisen haben BMW Motorräder häufiger Qualitätsmängel als beispielsweise Hondas. Es gibt ja Kennziffern, etwa Kulanzaufkommen in Prozent des Umsatzes. Wie lauten die?v. Maltzan: Das sind interne Zahlen. Man kann aber sagen, dass wir unseren Zielen inzwischen sehr nahe gekommen sind. Jede Qualitätsstufe, die wir erreichen, ist das nächste Nullniveau. So gesehen haben wir in den letzten zehn Jahren Quantensprünge vollbracht. Letztlich sagen Sie selbst, dass unser Image gut ist. Das heißt, wir sind auf dem richtigen Weg.Qualitätssteigerung ist in der gesamten Motorradbranche zu beobachten. Wir bekommen überdurchschnittlich viele Leserbriefe zum Thema Qualität bei BMW. Häufig ist da auch von einer recht arroganten Behandlung der Kunden durch Ihre Handelspartner zu lesen.v. Maltzan: Ja? Ich kann mir nur vorstellen, dass in den Stoßzeiten aufgrund von Zeitmangel des Händlers vielleicht der eine oder andere Kunde unwirsch behandelt wird. Was uns nicht mit Freude erfüllt. Ich nehme das auf.Um wie viel Prozent sind Sie Ihrem Zielwert im Jahr 2001 näher gekommen ?v. Maltzan: Wir haben dramatische Fortschritte gemacht. Bis zu 50 Prozent. Aber wie erwähnt, es dauert, bis das im Markt aufschlägt, und deshalb nenne ich ungern solche Zahlen. Qualität kennt ja auch kein statisches Ziel. Je höher die Latte liegt, die sie überspringen, desto höher wird sie gelegt.Die Boxer-Baureihe mit Vierventil-Motoren wird 2003 zehn Jahre auf dem Markt sein, die K-Baureihe 20 Jahre. Welche technischen Perspektiven, welche neuen Modelle können Sie uns zeigen?v. Maltzan (lacht): Wir halten den Boxer für ein sehr dynamisches, klassisches Motorenkonzept, das weiter entwickelt und weiter bestehen wird. Auch die K-Baureihe läuft sehr erfolgreich. Die überarbeitete K 1200 RS hat deutlich über unseren Erwartungen abgeschnitten. Wir können Ihnen aber schon heute sagen, dass auch der Nachfolger in unseren Konzeptüberlegungen vier Zylinder haben ...Braunsperger:... und nicht von schlechten Eltern sein wird.v. Maltzan: Er steht aber nicht vor der Tür. Von Konzeptüberlegungen bis zur Markteinführung sind es etwa vier bis fünf Jahre.Wird die Neue wieder einen Kardan haben, Paralever, Telelever, die Fahrwerkstechnik also, die wir kennen?Braunsperger: Wir werden unsere Stärken ausbauen, bei der Fahrwerks- und Bremsentechnologie, bei Einspritzung und Abgasreinigung. Ein weiteres Ziel ist Gewichtsreduktion, die bei einzelnen Komponenten schon umgesetzt wurde. So ist unser Integral ABS um 50 Prozent leichter geworden, auch Fahrwerksteile wie der Telelever sind sehr leicht. Um ein gesamtes Fahrzeug deutlich zu erleichtern, müssen wir jedoch eine komplette Neukonstruktion abwarten.v. Maltzan: Gewichtsersparnis ist ein interessantes Ziel, aber da gibt es ein Optimum dessen, was sinnvoll ist.Wo ist Ihr Optimum?v. Maltzan: Das muss man segmentspezifisch sehen.Braunsperger: Ich bin überzeugt davon, dass wir unser Optimum noch nicht überall erreicht haben. Das Thema Gewichtsreduktion steht bei unseren zukünftigen Fahrzeugen ganz oben in der Anforderungsliste.Werden die Neuen eine Trockenkupplung haben? Braunsperger: Da sind wir noch nicht festgelegt...v. Maltzan:...und erkennen den Hintersinn der Frage.Ein Thema, mit dem BMW sich gut präsentieren könnte, sind Ventilsteuerungen. Was sagen Sie zu Königswellen und anderen Ideen?Braunsperger: Die Königswelle ist beim Boxer nur ein Konzept von vielen. Natürlich ist der Wunsch nach einer Königswelle vorhanden und in unserer Tradition begründet. Aber wir wollen die ganze Bandbreite ansehen und im Hinblick auf den Einsatz festlegen, welches das jeweils geeignete Konzept ist. Da spielen Leistung, Gewicht, Kosten, Servicetauglichkeit und viele Dinge mehr eine Rolle. Sollen wir uns da von vornherein einschränken?Ein wichtiger Bereich für die gesamte Motorradbranche ist die Nachwuchsförderung. Warum baut BMW keine F 125 GS ?v. Maltzan: Die Beschlusslage ist eindeutig: Wir bauen keine. Sie kennen die Verkaufsentwicklung in diesem Hubraumsegment. Was die Nachwuchsförderung betrifft, so bereiten wir auf Verbandsebene (mit dem Industrie Verband Motorrad Deutschland, Anm. der Red.) eine Kampagne vor. In wenigen Wochen werden wir das Konzept vorstellen.Wenn jemand junge Leute aufs Motorrad bringen kann, dann BMW. Also warum nicht?v. Maltzan: Das Thema Nachwuchs fängt unter anderem beim Führerschein an. Hier sehe ich bei den Fahrschulen noch Ansatzmöglichkeiten, etwa durch attraktive Kombi-Pakete mit Auto- und Motorradführerschein. Oder auch bei Angeboten der Hersteller, die bei der Finanzierung eines Fahrzeugs die Kosten für den Erwerb des Führerscheins mit einbeziehen. Wir werden das anbieten.Wir haben erfahren, dass das BMW-MotoGP-Motorrad bereits fährt.v. Maltzan: Und wir haben Faschingszeit. Nein, wir steigen nicht in die MotoGP-Rennserie ein; wir beobachten das Geschehen und fahren wie im letzten Jahr den BMW Motorrad BoxerCup.Herr v. Maltzan, Herr Dr. Braunsperger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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