Interview (Archivversion)

«Pubertärer Drang einiger Motorradfahrer“

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Norbert Spinrath fordert Rückkehr zur freiwilligen Leistungsbegrenzung

Sie haben eine Rückkehr zur freiwilligen Leistungsbeschränkung für Motorräder gefordert, nachdem die EU diese gerade abgeschafft hat. Ihre Gründe?Die Motorradindustrie gibt meiner Meinung nach dem pubertären Drang einiger Motorradfahrer nach, Sportwagenfahrer in Sachen Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit Paroli bieten zu können. Offensichtlich trifft diese Marktstrategie voll ins Schwarze. Schaut man sich die Neuzulassungen von Januar bis Juni 1999 an, so ergibt sich bei Motorrädern ab 73 KW ein Plus zum Vorjahr von 221,2 Prozent. Hat Ihre Forderung etwas zu tun mit der Berichterstattung in den Massenmedien über die Suzuki Hayabusa?Unsere Forderung gründet sich nicht auf einzelne Modelle. Wir kritisieren die Politik der Motorradhersteller, ihren Kunden Geräte anzubieten, die manchen verleiten könnten, über seine fahrerischen Möglichkeiten hinaus Gas zu geben. Wir wissen selbst, dass auch auf 98 PS gedrosselte Motoren Höchstgeschwindigkeiten über 200 km/h ermöglichen, doch mit unbegrenzten Leistungen und enormen Beschleunigungswerten wird dem Kunden ein falsches Signal gegeben und ein Plus an Sicherheit vorgegaukelt. Nicht alles, was technisch machbar ist, muss auch verwirklicht werden.Wie soll die freiwillige Leistungsbeschränkung aussehen?Die Motorradindustrie kehrt zu ihrer 98 PS-Vereinbarung zurück, intensiviert Sicherheitsinitiativen und vermeidet weiterhin allzu aggressive Werbeaussagen. Dazu erwarten wir eine deutliche Zurückhaltung bei der Lärmemission. Dabei ist wichtig, dass die Möglichkeiten, Motoren und Auspuffanlagen selbständig zu manipulieren, verringert werden. Auch die Kriterien bei Einzelzulassungen müssen da überdacht werden.Eine unabhängige EU-Untersuchung hat festgestellt, dass die meisten Unfälle nichts mit der Höchstgeschwindigkeit zu tun haben. Fast alle Unfälle ereignen sich aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit. Übrigens steigt die durchschnittliche Geschwindigkeit trotz aller Geschwindigkeitsbegrenzungen immer höher. Ein Grund dafür liegt sicherlich in den stärkeren Motoren und besseren Beschleunigungswerten. Uns geht es – neben den Verkehrssicherheitsbedenken – darum, den Missbrauch des Motorrads durch rücksichtslose Wochenend-Rennfahrer, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass das Gros der Motorradliebhaber zunehmend weniger Möglichkeiten findet, ihr Hobby auszuüben, einzudämmen. Es gibt einen eklatanten Rückgang von Motorradunfällen. 6,6 Prozent weniger Verunglückte zum Vorjahr, die Zahl der Getöteten ging um 12 Prozent zurück. Wie interpretieren Sie denn diese Zahlen?Diese Zahlen werden in großem Maße von den Wettergegebenheiten beeinflusst. Daher sind sie nur bedingt aussagekräftig. Aufgrund des schönen Wetters in diesem Jahr prognostiziere ich eine Zunahme der Unfälle und der Getöteten.
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