Interview (Archivversion)

«Ich bin total gespannt“

Jürgen Fuchs freut sich auf eine neue Herausforderung: Der Vierte der 250er WM tritt 1997 in der Königsklasse an - auf der französisch-schweizerischen elf 500.

? Glückwunsch, Herr Fuchs: Als frischgebackener elf 500-Pilot sind Sie nach mehreren Jahrzehnten wieder der erste deutsche Halbliter-Werksfahrer. Wie fühlen Sie sich? Ich bin sehr glücklich, daß ich diese Herausforderung angenommen und für zwei Jahre bei elf unterschrieben habe. Ich hoffe, daß ich mit meinem Umstieg das Interesse an der 500er Klasse in Deutschland steigern kann.? Was erwarten Sie von Ihrer ersten 500er WM-Saison? Erst wenn ich mich mit der Technik angefreundet habe, kann ich mich richtig einschätzen. Ich bin die elf 500 nach dem Eastern Creek-GP ja erst sieben Runden gefahren und war nach der langen Saison-Abschlußparty noch nicht ganz nüchtern. Auf jeden Fall hat mich die Motorleistung beeindruckt, und ich hoffe, daß ich die Maschine sehr bald im Grenzbereich bewegen kann.? Wie sind Sie mit der elf 500 in Eastern Creek zurechtgekommen? Ich war angenehm überrascht, wie handlich das Motorrad ist. Wenn man beim Beschleunigen den Gasgriff zu mehr als 50 Prozent aufdreht, kommt allerdings ein gewaltiger Bums, und die Maschine war für mich nur noch sehr schwer zu kontrollieren. ? Warum haben Sie sich für die 500er Klasse und die elf-Maschine mit Swissauto-V4-Motor und französischem ROC-Chassis entschieden? Die Techniker von Swissauto haben mich überzeugt, daß sie das Know-how besitzen, dieses rein europäische Projekt vorantreiben zu können. Die Leute stehen hinter der Sache, und ich bin voll in das Projekt integriert. Das Zusammenspiel von Technik und Fahrer ist bei den 500ern noch wichtiger als in allen anderen Klassen. Die Technik reizt mich. Die große Herausforderung ist schnell zu fahren und die Maschine weiterzuentwickeln. ? Ex-Weltmeister Kenny Roberts sagt, Sie hätten den idealen Fahrstil für die 500er. Können Sie dem großen Meister zustimmen? Das ist schwer zu sagen. Ich bin total gespannt und brenne darauf, das bei den Tests im Dezember herauszufinden. Natürlich wird vieles ganz anders als bei den 250ern sein. Ich glaube jedoch, daß ich von meiner Erfahrung in Sachen Abstimmung profitieren kann.? Was hat gegen eine weitere 250er Saison gesprochen? Gab es keine Alternativen? Pileri-Honda habe ich abgesagt. Dort hätte ich eine 500er V2-Production-Honda fahren sollen, da Pileri keine 250er Werksmaschine bekommen hätte. Bei Suzuki Deutschland hätte ich tolle Partner gefunden. Innerhalb von nur einer Woche hat Sportchef Bert Poensgen alle Türen für einen Zweijahresvertrag geöffnet. Die 250er Suzuki ist wie die elf 500 noch nicht zu 100 Prozent auf dem aktuellen technischen Stand. Das Potential der elf habe ich jedoch höher eingeschätzt, da die Maschine neuer ist.? Marlboro Deutschland war doch auch hinter Ihnen her. Der Plan war, mich auf eine rot-weiße Aprilia und Ralf Waldmann auf eine rot-weiße Honda zu setzen. Bei Aprilia sind aber Tetsuya Harada und Loris Capirossi technisch bevorzugt. Dann hätte ich wieder einen Kampf gegen Windmühlen führen müssen. ? Welche Neuerungen sind an der elf 500 für 1997 zu erwarten? Es wird eine komplett neue Maschine gebaut. Verschiedene Rahmen und Hinterradschwingen, Motoren mit und ohne Big Bang-Zündversatz, unterschiedliche Vergaser und Zündungen - wir haben genügend Material, um zwei Monate zu testen und müssen sehen, was am besten zusammenpaßt. Mein Teamkollege Juan Borja ist ein saumäßig schneller Fahrer, aber angeblich ein eher schlechter Tester. Eine Weiterentwicklung mit ihm war 1996 in der ersten elf-Saison also kaum möglich.? Wenn Sie auf die Saison 1996 zurückblicken, was würden Sie im nachhinein anders machen? Die Entscheidung für HB war sportlich gesehen sicher richtig. Ich würde aber auf zwei Teamchefs bestehen, die gerennt arbeiten müssen. So war es das aufregendste und nervenaufreibendste Jahr meiner Karriere. Ich hoffe, daß mir so etwas nicht mehr passiert. Ich habe mir das neue Team peinlich genau angesehen. 1997 soll ein positives Jahr werden. Ich will wieder Spaß am Motorradsport haben. ? Was lief bei der alten Mannschaft schief? HB hatte unterstrichen, daß sie zwei Fahrer auf Werksmaschinen in der 250er WM nach vorn bringen wollen. Waldmann hat natürlich versucht, seine Position als Nummer-eins-Fahrer zu sichern. Das kann ich ihm nicht verdenken. Nur Dieter Stappert hatte vergessen, daß er als Teamchef die Interessen von zwei Fahrern berücksichtigen sollte. Er hat sich nur gelegentlich noch an mich erinnert. Waldis Wünsche in Sachen Technik und Betreuung wurden dagegen ohne mit der Wimper zu zucken erfüllt. Klar, daß es da Zoff gibt. Ich kann niemand im Team Vorwürfe an der Misere machen, außer Stappert. Aber das ist Schnee von gestern.? Wie würden Sie Ihren ehemaligen Teamkollegen Waldmann charakterisieren? Ein Phänomen auf zwei Rädern. Es war mir oft ein Rätsel, wie er so schnell sein kann. Er schüttelt die schnellen Runden einfach aus dem Ärmel, ohne viel über Technik, Abstimmung und Fahrstil nachzudenken. Da kann ich ihn nur beneiden. So leicht geht mir das Rennfahren nicht von der Hand. Ich mußte mir jedes Zehntel erarbeiten.
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