Isle of Man-Feature (Archivversion)

Am Tag, als der Regen kam

Das nasse Juni-Wetter während der 91. Tourist Trophy regte einen deutschen Psychologie-Professor zu Betrachtungen über weißen Whiskey, ein Startverbot für katholische Rennfahrer und die Stiefel von John Elliott an.

VerschiebungenEs war der 6. Juni, an dem der Regen kam. Die Manxmen - so heißen die Bewohner der Insel mitten in der irischen See - können sich nicht erinnern, daß sich das Wetter jemals zuvor so ungebührlich gebärdete: Drei Tage der »Race Week« waren völlig, andere überwiegend verregnet. An einem einzigen Tag schien durchgängig die Sonne. Ein Teil der Rennen mußte also verschoben, verkürzt oder ersatzlos gestrichen werden. Letzteres war beim Seitenwagenrennen der Klasse A (600- cm³-Viertakter) der Fall. Ursprünglich für den Samstag vorgesehen, sollte es zunächst am Sonntag spätnachmittags stattfinden, wurde dann kurzfristig abgesagt. Und zwar mit der Begründung, am Tag darauf stünde der Lauf Sidecar B auf dem Programm, deswegen müßten die Fahrer im Abstand von 24 Stunden zweimal antreten; das werde keinesfalls erlaubt, weil die Crew während der Nacht für gewöhnlich am Gerät schrauben müsse, so daß die Piloten übernächtigt seien. Dagegen murrten die meisten Fahrer auf und legten dar, daß sie während der beiden Rennen im Regelfall ihren Motor überhaupt nicht aufmachen würden. In Wahrheit war durch den mehrfach um Stunden verschobenen Beginn des Formel 1-Rennens das Zeitkontingent aufgebraucht, an dem die Rennleitung die Strecke gesperrt -«roads closed« - halten darf.GeburtstagsgeschenkeDas diesjährige TT-Festival erhielt sein Gepräge durch den 50. Geburtstag von Honda. Allgegenwärtig leuchteten die roten T-Shirts, welche die Bedienungen in den zahlreichen Pubs der Insel trugen. Einen Augen- und Ohrenschmaus schlechthin gönnten sich und den Zuschauern alte Weltmeister und Berühmtheiten früherer Jahre. Jim Redman, Luigi Taveri, Kunimitsu Takahashi und andere ehemalige Honda-Werkspiloten absolvierten auf etwa 30 Rennmaschinen der verschiedensten Jahre und Klassen eine Ehrenrunde. Mit der Startnummer eins führte Ex-Weltmeister Freddie Spencer das Feld an, der auf der 500er Dreizylinder von 1985 saß. Da er das erste Mal auf der Insel weilte und den Kurs nicht kannte, wollte er Jim Redman - doppelter TT-Gewinner von 1963,64 und 65 - vorlassen, damit der ihm den Weg zeige, was offenbar geklappt hat, denn er ist wohlbehalten von dieser Runde zurückgekommen. Hondas Plan, sich selbst ein veritables Geburtstagsgeschenk zu machen und alle neun TT-Rennen zu gewinnen, klappte indes nicht, weil sich in der Einzylinder-Klasse ausgerechnet eine BMW vordrängte. Dafür gelang der Weltfirma neben sieben weiteren Erstplazierungen der Sieg in der prestigeträchtigen Senior TT über sechs Runden und mehr als 360 Kilometer. Der 101. Sieg übrigens, seit die Japaner 1961 mit Mike Hailwood ihre ruhmreiche Karriere auf der grünen Insel starteten. Allerdings nicht durch einen der vorgesehenen Herren namens Joey Dunlop oder Phil McCallen. Beide waren verletzt. Statt dessen erklärte sich für den Sieg Nummer 101 der Ire Ian Simson zuständig. Dieser unerschrockene Bursche sowie Kollege Rutter waren in den Genuß der RC 45-Werksrennmaschinen gekommen - feinstes Gerät, handmade, aus Japan eigens eingeflogen. Auf der Glencrutchery Road, der Geraden an Start und Ziel mitten in der Inselkapitale Douglas, liefen die Maschinen mit 170 Meilen pro Stunde durch die Lichtschranke, was 287 km/h entspricht. Diesmal, und das sei hier ausdrücklich vermerkt, war die Strecke größtenteils trocken, wenngleich sich der Himmel schon wieder zuzuziehen begann. Fast hätte der gewaltige Aufwand, den das Honda-Werksteam betrieb, nichts gebracht: Denn wie im Vorjahr hatte der finanziell nicht eben auf Rosen gebettete Privatfahrer Bob Jackson seine Kawasaki ZX-7R mit einem gewaltigen Spritfaß ausgerüstet, um für die 360-Kilometer-Distanz nur einen Tankstop einlegen zu müssen. Obwohl nur Fünftschnellster nach der ersten Runde, lag er doch alsbald in Führung, weil die Konkurrenz von Honda zum Tanken mußte. Doch dann ereilte ihn das Schicksal an der Box. Nach der Betankung wollte und wollte der verdammte Tankverschluß einfach nicht mehr zugehen. Diese Aktion allein kostete mindestens 30 Sekunden. Am Ende, also nach ungefähr zwei Stunden, passierte Jackson nur um die Winzigkeit von knapp vier Sekunden hinter dem Sieger Simpson als Zweiter das Ziel.Der tapfere Privatfahrer Jackson erlitt heuer eine weitere Enttäsuchung. Sein streng katholischer Sponsor aus Irland hatte ihm zuvor die Teilnahme am Rennen der Formel 1 verboten. Es war auf den Sonntag verschoben worden und da darf nicht gearbeitet werden. Während des 250er Rennens regnete es wieder Katzen und Hunde, wie die Briten zu sagen pflegen, was den Veteranen Joey Dunlop, noch durch Verletzungen geplagt, nicht daran hinderte, das Rennen zu gewinnen und damit seinen 23. TT-Siegespokal heimzubringen. Er ist ein wirklicher Held: Einfach unbeschreiblich, wie der 44jährige die Zweitakt-Honda durch die Pfützen pilotierte, während viele seiner Mitstreiter nach der ersten Runde entnervt, durchnäßt und entmutigt an den Boxen aufgaben.Uniformierte GästeWegen der hohen Zahl der bei Unfällen im Straßenverkehr in den vergangenen Jahren umgekommenen Besucher hatte die Polizeiheuer die Geaschwindigkeit an zahlreiche markanten Punkten der Strecke stark begrenzt, mit überdimensionalen Schildern gekennzeichnet. Zum großen Ärger vieler Biker, die deshalb im nächsten Jahr nicht mehr wiederkommen wollen. Die relativ geringe Zahl der Unfälle führten die Gesetzeshüter auf diese Maßnahmen zurück, während dafür tastsächlich der Niederschlag verantwortlich zu machen ist. Die meisten Biker saßen tagsüber im Pub und schauten den Regentropfen zu, die an die Scheiben der Kneipen klopften. Im übrigen befanden sich unter den Polizisten zwei deutsche Beamte auf ihren Dienst-BMW, deren Anblick viele Biker zumindest überraschte. Die Aufgabe der grüngekleideten Herren bestand darin, die deutschen Besucher zu »betreuen«.Alte HerrenBemerkenswerterweise gehen die »alten Herren« bei der traditionellen »lab of honour« ordentlich zur Sache. Übermut war aber nicht die Ursache dafür, daß der sechsundsechzigjährige Jackson Trustham aus Ballaugh mit seinem 998- Kubik-Imp Classic Gespann am Ortseingang von Kirkmichael vor der Rechtskurve nicht abbremste, sondern geradeaus gegen die Böschung fuhr: Vermutlich war er unmittelbar zuvor einem Herz- oder Gehirnschlag erlegen. Sein Beifahrer erlitt schwere Verletzungen.Geistige Nahrung IDer kleinen Distillery in Castletown, die seit Jahren weißen Whiskey herstellt, ist durch den schottischen Dachverband der Whiskeyhersteller die Verwendung ebendieser Bezeichnung untersagt worden. Das Getränk heißt jetzt »Manx Spirit«, schmeckt in der Tat auch anders als traditioneller Whiskey. Nicht unbedingt schlechter, denn - wir ahnen es schon - das Wasser auf der Insel ist ausgezeichnet.Geistige Nahrung IIIm Zelt eines Bikers aus Frankreich, der für den Besuch der Insel fünf Jahre gespart hatte, erspürte ein Polizeihund eine geringe Menge Hasch. Ohne etwas von den Rennen gesehen zu haben, mußte der Delinquent für 14 Tage hinter Gitter. Die Leute auf der Insel wollen clean bleiben und geben in Sachen Drogen keinen Pardon, desgleichen nicht auf Alkohol am Lenker.Elliotts Stiefel10. Juni. Auf den Tag genau vor 45 Jahren wurde unmittelbar vor dem Start des 125er Rennens dem deutschen NSU-Werksfahrer Werner Haas bedeutet, daß seine Stiefel nicht dem Reglement entsprachen. Der zufällig anwesende Clubman-Pilot John Elliott bot Haas an, seine Stiefel zu nehmen. Wer war dieser faire Sportskamerad? Mr. Murray, Inhaber des Motor-Museums am Bungalow erinnert sich an den Vorfall und schaut in sein Buch, in dem alle Plazierungen aller Fahrer aus fast allen Zeiten enthalten sind. Es findet sich aber kein Eintrag unter dem Namen Elliott. Ihm scheint es offenbar versagt geblieben zu sein, irgendwann einmal ins Ziel zu kommen. Vermutlich war er wegen Regens ausgeschieden. Der Autor verläßt die Insel auch diesmal, ohne die Spur von John Elliott über jenen denkwürdigen Tag hinaus weiterverfolgt zu haben. Ein Grund, im nächsten Jahr weiter zu forschen.Rennergebnisse im Internet unter: www/motorrad-online.de oder direkt unter www/isle-of-man.com.
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