Katja Poensgen plant GP-Comeback (Archivversion)

Noch ´ne Runde

Sie kam, sie sah, sie siegte nicht – und dennoch avancierte Katja Poensgen bei ihrem letztjährigen GP-Debüt zum Medienstar. Nach einer Saison in der Superstock-IDM ist ein Comeback in der höchsten Liga geplant.

Grand-Prix-Saison 2001. Nach der Finnin Taru Rinne und der Japanerin Tomoko Igata wagte sich Katja Poensgen als dritte Frau der Geschichte in die Höhle der GP-Löwen. Und als Erste in die 250er-Klasse. Der Motorradsport hatte seine Sensation. Zumindest aus Sicht der Medien. Der Amazone aus Heppenheim wurden die Klischees gierig übergestülpt. Boxenluder, Powerfrau, Vollgas-Diva. Die Moderatoren der Talkshows rissen sich um die Blondine, der Blätterwald rauschte. Selbst Stern und Spiegel registrierten das Fräuleinwunder aus der Schräglagenbranche. Szene-Insider sahen in der Omnipräsenz Katjas die Ungerechtigkeit im Motorsport nur bestätigt. Doch der neue Star schlug sich ganz achtbar: Im verregneten Mugello holte Katja bei ihrem fünften GP zwei WM-Punkte. Sechs Wochen später endete die WM-Karriere nach dem Sachsenring-GP mit einem Eklat. Finanzielle Zerwürfnisse mit ihrem Team, der Racing Factory, beendeten den Ausflug in die große weite Welt des Grand-Prix-Sports abrupt. Last-minute-Rettungsversuche scheiterten allesamt an den in diesem Metier geforderten horrenden finanziellen Mitbringseln. Nachdem sich auch für die aktuelle Saison kein GP-Team hatte ausfindig machen lassen, trat Katja in der Superstock-IDM an – und lieferte prompt Stoff für die Spötter: In acht Rennen holte die gebürtige Allgäuerin gerade mal einen einzigen Punkt.Die Kritik erträgt sie gelassen. »Natürlich weiß ich, dass es viele Neider gibt, die sich die Hände reiben und schadenfroh sind. Kommt ja auch gut, wenn man dann frotzeln kann, die Superstock-IDM sei wohl schwieriger als die WM«, weiß Katja. Und sie weiß auch, dass die Häme umso bissiger ist, da sie sich an die oberste nationale Liga, die Supersportler, nicht heranwagte. »Mein schlimmer Trainingssturz in Spanien und zehn Highsider in acht Rennen haben mir schon 1997 vor dieser Kategorie Respekt eingeflößt«, entschuldigt sich Katja. Was die Umstellung auf die Superstock-Bikes nicht einfacher macht. Statt den leichten, knapp 100 PS starken Viertelliter-Zweitakter bändigte Katja in diesem Jahr die 170 Kilogramm schwere und 170 PS starke Suzuki GSX-R 1000. Am offensichtlichsten schlägt sich die sportliche Versenkung in der IDM in der deutlich gesunkenen Medienpräsenz nieder. »Das Interesse der Zeitschriften oder Fernsehsender ist gewaltig zurückgegangen. Es wird höchstens noch ein Viertel der Interview- oder Fototermine angefragt«, lernt die Rennlady die Kehrseite der glamourösen, schnelllebigen Medienwelt kennen. Was nicht nur von Nachteil ist. »Zu Beginn der vergangenen Saison hatte sich meine Freizeit auf Null reduziert. Jeder Tag war total ausgebucht. Die Journalisten kannten keine Grenzen. Morgens um sieben klingelte das Telefon zum ersten Interview-Termin, abends um zehn zum letzten«, erinnert sich Katja an die wilden Zeiten vor kaum 18 Monaten. Aber auch an die bessere finanzielle Situation. Einen gut sechsstelligen Betrag – in Euro wohlgemerkt – hätte die 26-Jährige im vergangenen Jahr verdienen können, wäre der Deal mit der Racing Factory nicht geplatzt. In dieser Saison musste sie kleinere Brötchen backen. Gratis-Material gilt in der DM schon als großherziges Angebot, weshalb »ich mir mit Autogrammstunden und so ein Taschengeld verdiene«.Und weil´s so nicht bleiben soll, feilt Katja gemeinsam mit Papa Bert, im richtigen Leben Verkaufsleiter bei Suzuki Deutschland, an einem GP-Comeback. Das deutsch-belgische BKM-Team um Teamchef Michael Bartholemy, das bisher auf Honda in der Supersport-WM antrat, ist an der medienträchtigen Dame interessiert. »Ursprünglich haben wir uns über ein Engagement in der Superbike-WM unterhalten. Als Sponsor soll ein deutscher Bekleidungshersteller auftreten. Als der davon Wind bekam, dass ich zum Team stoßen könnte, war er plötzlich bereit, das Dreifache zu investieren. Allerdings nur, wenn wir Grand Prix fahren«, erinnert sich Katja an den ersten Kontakt zum BKM-Team auf der Speedweek in Oschersleben im August. Mittlerweile konkretisieren sich die Pläne. Aller Voraussicht nach wird Bartholemy sein neues Viertelliter-GP-Team mit Honda-Maschinen ausstatten. Zusätzlich zum Modeproduzenten soll ein Energy-Drink-Hersteller als Finanzier auftreten. Als Teamkollege ist Sylvain Giuntoli im Gespräch. In dieser Saison agierte der Franzose als Testfahrer im MotoGP-Team Tech 3 mit den Fahrern Shinya Nakano und Olivier Jacque. Variante zwei könnte ein Einsatz der BKM-Truppe auf Aprilia sein. Weil BKM aber von WM-Vermarkter Dorna keinen eigenen GP-Teamplatz erhalten würde, müsste die Equipe mit einem bereits bestehenden Team fusionieren. Mit Honda käme voraussichtlich die niederländische Degraaf-Mannschaft um Teamchef Arie Molenaar in Frage. Mit Aprilia wäre das deutsch-italienische Team UGT 3000-Abruzzo ein potenzieller Partner. Ende Novemver sollen alle Verträge unterzeichnet sein.Dennoch beherrscht die Vernunft Katjas Stimmungslage. »Nach drei geplatzten GP-Deals bin ich jetzt optimistisch, jedoch nicht euphorisch«, bleibt sie vorsichtig. Auch sportliche Versagensängste, die nach dem mageren DM-Jahr durchaus begründet sind, werden relativiert. »Ich lasse mir von anderen keine Messlatte legen. Aber ich bin körperlich fitter denn je und bereit, alles zu geben«, meint die Wahl-Saarländerin. Und wenn das Medienecho auf Katjas GP-Comeback auch sicher weniger gigantisch werden wird als bei der Premiere in der vergangenen Saison, dürfte es dennoch deutlich über der aktuellen Präsenz des Zweiradmetiers liegen. Der fünfte Rang von Steve Jenkner in der 125er-WM jedenfalls war den meisten Zeitungen nicht mehr als eine Ergebnistabelle wert.
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