Kradmelderausbildung Bundeswehr (Archivversion)

Saisonkennzeichen Y

Temperaturen um den Gefrierpunkt, eisiger Wind schneidet scharf ins Gesicht, blaue Abgasfahnen verheimlichen nicht ihre zweitaktende Herkunft. Kradmelderausbildung in Merzig/Saarland, Saison: ganzjährig.

Winterlich eingepackt mit Taschenwärmer am Herzen und geschwollenen Augen, die aus dem offenen Helm schauen, blickt Ausbilder Oberfeldwebel Frank Wagner in den Himmel. »Besser eiskalt, blauer Himmel und Sonne als saukalt, grau und Regen«, deutet er das Wetter für die bevorstehenden Krad-Ausbildungstage. Der frisch gebackene Vater ist nicht ganz ausgeschlafen, verbringt seine Nächte mit Freundin Heike bei Windelmanövern. Die Männer der Erkunder-Kraftfahrzeuggruppe lassen ihre Motorräder vom Typ Herkules K 180 BW warmlaufen.Den Frühsport haben sie bereits hinter sich, bei diesen Witterungsverhältnissen bedarf das Erwecken des Einzylinders ausdauernder Oberschenkelaktivität am Kickstarter. Hier und da hantiert noch jemand am Vergaser oder trocknet eine Zündkerze, aber nach wenigen Minuten sind alle bereit, über die erste Station der Fahrausbildung zu rollen. Ein Geschicklichkeits-Parcours auf dem Exerzierplatz erfordert volle Konzentration. Sitzend und stehend links- und rechtsherum Kreise fahren, über aufgestapelte Palettenhindernisse klettern, Slaloms wedeln und noch einiges mehr an Balanceübungen vertreiben die sibirischen Temperaturen aus den Klamotten. Immer und immer wieder umrundet der Trupp den Kurs, der Ausbilder greift korrigierend ins Fahrgeschehen ein, gibt Tipps und verrät Kniffe zur Perfektionierung des Fahrstils.Nach einem nahrhaften Mittagessen in der Truppenküche ist Geländefahren angesagt. Spiegel eingeklappt, Reifendruck auf 1,2 bar reduziert und runter von der Ell, so heißt der Berg, auf dem die Kaserne steht auf den Standortübungsplatz im Tal. Ein Eldorado für jeden passionierten Offroad-Freak, dort, wo normalerweise Rad- und Kettenfahrzeuge sowie Rekruten in der Grundausbildung ihr Unwesen treiben, finden ambitionierte Geländefahrer perfekte Bedingungen vor. Leider ist dieses Vergnügen ausschließlich Soldaten vorbehalten, der Übungsplatz ist militärischer Sicherheitsbereich und für Zivilisten Sperrzone. Dran, drauf, drüber – über Schotterwege und Buckelpisten, durch Schlamm- und Wasserlöcher, die kurzzeitig mit Eisdecken der Querung widerstreben, bis auch den letzten Quadratzentimeter Übungsplatz das Profil der schmalen Stollenreifen ziert und sich das Flecktarnmuster der Kradmelderkombi in ein einheitliches Erdbraun verwandelt.Hier zeigt die kleine Hercules ihre Stärken, sie verzeiht fast jeden Fahrfehler. In einer steilen Auffahrt auf einer Bodenwelle zu stark am Gas gezupft? Was kräftige Enduros mit einem Rückwärtssalto quittieren, entlockt der 180er nur einen sanften, gut kontrollierbaren Vorderradlupfer. Erstaunlicherweise tuckert sie mit ihren 17 Pferdestärken und den 22,9 Newtonmetern Drehmoment die steilsten Hänge locker hinauf und genauso locker wieder herunter. »Vor einem blockierenden Vorderrad musst du keine Angst haben, egal, wie fest du am Hebel ziehst, die Trommel vorn macht nie ganz zu. Wir bremsen auf jedem Untergrund immer gleich gut«, kommentiert Stabsunteroffizier Daniel Jansen, Zweiradmechaniker und der Ansprechpartner in technischen Belangen, die Bremsanlage der Kräder.Im Gegensatz zum zivilen Enduristen steht beim Kradmelder die materialschonende Fahrweise an erster Stelle. »Im Einsatz ist die Instandsetzung und Ersatzteilversorgung vielleicht schwierig«, sagt der Oberfeldwebel. »Die Jungs müssen den Blick fürs Gelände entwickeln, damit sie wissen, wo heimtückische Gräben oder gar Feinde lauern könnten.« Die Gelände-Abschlussprüfung: Bezwingung des Sossna-Pfads. Ein mehrere hundert Meter langer Anstieg, der vom Übungsplatz wieder auf Höhe der Kaserne führt, gespickt mit Löchern, Bodenwellen und traktionskillenden Wurzeln. Einer nach dem anderen nimmt die Herausforderung an, und knapp die Hälfte schafft es auch ganz nach oben. Ausgerechnet Daniel, der Zweiradmechaniker, hat an diesem Tag kein Glück, ein platter Reifen mit herausquellendem Schlauch bereitet seinem Aufwärtsdrang auf halber Höhe ein jähes Ende.Sitzen die Kradmelder während dieser Woche gerade mal nicht auf ihren Motorrädern, stehen Orientieren mit Karte und Kompass, Absichern einer Marschkolonne, Übungen zur Übermittlung von Meldungen, Einweisung in die Technik sowie der so genannte Technische Dienst (TD) auf dem Dienstplan. Der TD, die Wartung des Kraftfahrzeugs, wird bei der Bundeswehr vor, während und nach der Benutzung durchgeführt. Ziel der ganzen Schrauberei: Jeder Kraftfahrer muss so viel von seinem Vehikel verstehen, dass er sich in Notlagen zumindest provisorisch weiterhelfen kann. Außerdem soll der TD dafür sorgen, dass das Material trotz harter Belastung und ständig wechselnden Fahrern einsatzbereit bleibt.Durchgefroren und mit tauben Fingern – die serienmäßige Griffheizung versagt grundsätzlich den Dienst – dreckig, erschöpft, aber um ein Abenteuer reicher, hat jeder Teilnehmer die Ausbildungstage unversehrt überstanden, und auch die Zweiräder sind alle noch heil. »Es ist zwar das hässlichste Moped der Welt, doch ein robustes und anspruchsloses Gefährt ist die Hercules schon«, meint David Morawiec, gelernter Kfz-Mechaniker, »Sie kann noch viel mehr, nur wäre das vielleicht nicht mehr materialschonend«, fügt Pascal Scholz grinsend hinzu. Lange macht es die Hercules bei der Truppe allerdings nicht mehr, die KTM 400 Military steht bereits in den Startlöchern.Nach mehreren Stunden intensivem Reinigen von Ross und Reiter sowie dem obligatorischen TD naht der Dienstschluss. Nur für Frank geht der Stress weiter. Mit Nachtübungen an der Windelfront.
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