Kultur des Trauerns (Archivversion)

Es ist ein Kreuz

Kreuze am Straßenrand, proppenvolle Gottesdienste, Beerdigungsunternehmen speziell für Biker - niemand trägt so schön Trauer wie die Motorradszene.

Wenn das der Papst wüßte! Daß die Dome und Kathedralen seiner Hirten zu mickrig sind, um alle Schäfchen, die da herbeiströmen, in sich aufzunehmen. Daß sogar Ungläubige feuchte Augen kriegen, wenn das »Vater Unser« durch die heiligen Hallen schallt. Tja, wenn der Stellvertreter den vollen Durchblick hätte, dann würde er in Herrgotts Namen Motorrad fahren. »Wenn bei unserem Gedenkgottesdienst im Oktober die Namen der Toten der Saison vorgelesen werden und dann der ihres Kumpels dran ist, drücken selbst die Härtesten unter den Harten eine Träne ab«, erzählt Katrin Wilke. Die Theologiestudentin engagiert sich bei »Christ und Motorrad« in Berlin. »Seit der Wende kommen immer mehr Motorradfahrer aus dem Osten, auch Atheisten. Die rauchen schon mal in der Kirche.« Nicht aus Protest. Vorn qualmt’s ja auch. Aus dem Weihrauchfaß. Bei den Berlinern zelebriert ein katholischer Priester die Messe in einer protestantischen Kirche. Im nächsten Jahr läuft’s dann umgekehrt. Unter Bikern spielen Konfessionen und ausgeklügeltes liturgisches Ritual keine große Rolle. Eher schon herrlich naive und volkstümliche Vorstellungen: »See you in heaven« - Wir sehen uns im Himmel. So lautet eine der Standardfloskeln in den Traueranzeigen der »Biker’s News«, dem Zentralorgan des bundesdeutschen Rockerwesens. Unter Kuttenträgern - seien’s nun Mönche oder Biker - scheint der Glaube an ein Leben nach dem Tod verbreiteter zu sein als in zivilen Kreisen. Man trifft sich früher oder später auf Wolke sieben, spielt Harfe oder eben an der Vergasereinstellung herum. Mit solch prallen Sprüchen, die durch stete Wiederholung schier magischen Charakter annehmen, läßt sich der Verlust eines Kumpels oder einer lieben Freundin leichter verkraften. Zumal Motorradfahrer nicht nur im stillen Kämmerlein trauern. In der Szene, obwohl sie ausfranst, sich aufsplittert, feiert es noch immer Urständ - dieses Zusammengehörigkeitsgefühl an guten wie an schlechten Tagen. Einer Dorfgemeinschaft in romantischeren Zeiten gleich, die zusammen ihre Feste feierte, ihre Toten begrub. Und die zwei zentrale Treffs kannte: Kneipe und Kirche. In dieser Reihenfolge. Kollektive Verarbeitung des Tods und gemeinsame Trauer verstanden sich in diesem beschränkten Kreis von selbst. In der heutigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft mit ihren Kleinfamilien und Single-Haushalten sieht das ein bißchen arg anders aus. Da ist jung, attraktiv und funmäßig verdammt gut drauf zu sein erste Bürgerpflicht. Und der Tod tabu. Das Sterben wird fein säuberlich und apart in Krankenhäusern und Altersheimen erledigt. Und wie der Abgang, so die Trauer. In aller Stille. »Motorradfahrer dagegen sterben in der Öffentlichkeit«, erklärt Pastor Reinhard Arnold aus Salzgitter. Am Straßenrand, unter dem unverschämt neugierigen Blick von Gaffern. Und immer zu früh. »Nur die Besten sterben jung« - noch so eine Beschwörungsformel aus Traueranzeigen von Bikern. James Dean läßt grüßen. Gute Gesellschaft im Jenseits tröstet die Verbliebenen im Diesseits. Denen sich noch eine andere Chance der Solidarisierung und psychischen Entlastung bietet: das Kokettieren mit dem Tod, diese gehorsam vorauseilende Trauer. Totenkopfsymbole auf Ringen und Gürteln, als Emblem auf Kutten und Airbrush auf Tanks gehören unter den Hartgesottensten fast schon zur Standardausrüstung. MCs nennen sich Living Death oder Bones. Steilwandartisten preisen sich als Todesfahrer an. Und die Karriere von Dave Aldana, einem berühmten amerikanischen Rennfahrer der 70er und 80er Jahre, zündete erst nach einem Eklat. Weil er mit dem Ausbleiben zahlungskräftiger Sponsoren einen, zugegebenermaßen, profanen Verlust zu beklagen hatte, verschönerte er seine von Aufklebern freie Kombi mit einem Skeletts und konnte sich danach vor profitablen Angeboten kaum noch retten. Er hatte ein Tabu gebrochen - den Tod im Rennsport quicklebendig auf die Piste gebracht. Fast schon eine Vorwegnahme der provozierenden Benetton-Kampagnen. Bilder und Symbole haben eben ihren Platz zu halten. Nur der garantiert ihre ursprüngliche Wirksamkeit. Das Kreuz auf einer Flasche Aquavit entpuppt sich als bloßes Markenzeichen und Hinweis darauf, daß jedermann, nicht nur Günter, sich mit dem Zeug schnur-Strack besaufen kann. Ein Kreuz am Straßenrand wird dagegen sofort als Zeichen des Verlusts und des Trostes, des Todes und der Wiederauferstehung gedeutet. Außerhalb klerikaler Bezirke wie Friedhof oder Kirche machte sich dieses Symbol erstmals im Irland des 8. Jahrhunderts breit. Zur Erinnerung an Schlachten und andere Mordtaten. Wie sich die Zeiten manchmal doch gar nicht ändern: »Der hat meinen besten Freund auf dem Gewissen«, grämt sich Richie. »Der« - das ist der Autofahrer, der seinem Kumpel zunächst nur die Vorfahrt genommen hatte. Richie hat an der gut ausgebauten Landstraße 50 Kilometer westlich von Stuttgart ein Holzkreuz in den Boden gerammt. Direkt neben das Schild »Vorfahrt beachten«. Warum? - das will er nicht sagen. Braucht er auch nicht. Das Ding ist beredt genug: Verzweiflung, Anklage, Mahnung, Trauer. Das Innere einer Kirche sieht Richie, sagt er, nur bei Beerdigungen und Hochzeiten. Bei Motorradgottesdiensten bleibt er lieber draußen vor der Tür. Wartet, bis alles vorbei ist. Denn auf die Andacht folgt fast immer eine gemeinsame Ausfahrt. Hunderte, manchmal Tausende von Mopeds im Konvoi - nach der Trauer der Spaß. Gehört sich so: Die besten Beerdigungen sind immer noch die, bei denen gut gegessen, getrunken und gelacht wird. Biker, die auf einen stilvollen Abgang wert legen, also nie und nimmer mit dem Leichenwagen, sondern per Moped zur letzten Ruhestätte gekarrt werden wollen, sich aber nicht sicher sein können, ob ihre Freunde ihnen diesen letzten Dienst erweisen werden - diese Biker also können jetzt mit einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts namens »Boot’s Hill Club for Bikers« ins Geschäft kommen. Die ihre Dienstleistungen auf einem Faltblatt, das allem Anschein nach nicht als Satire gemeint ist, wie folgt anpreist: »Lieber Biker, möchten Sie Ihre letzte Fahrt in einem geschlossenen Blechsarg namens AUTO antreten? Oder wollen Sie, lieber Biker, mit unserem Boots Hill Club for Biker’s die letzte Fahrt antreten? Da gibt es kein langes Überlegen. Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich folgendes vor: Aufgebahrt in einem offenen Wagen, gezogen von einem Bike, umgeben von frischer Luft, Regen und Sonne, so wie zu alten Bikerszeiten, eskortiert von Ihren engsten Bikerfreunden zu letzten Bikerfahrt. Das ist EINMALIG, EINZIGARTIG und BALSAM für Ihre Bikerseele. Und damit Ihre letzte Fahrt Ihre schönste wird, spielen wir für Sie Ihre letzte Wunschmelodie.« Wie wär’s mit: »So ein Tag, so wunderschön wie heute.“
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