Leidensweg eines Privat-Importeurs (Archivversion)

Ducatengrab

April 1995, Comer See, Norditalien. Kurzurlauber Albert v. Schwerin verguckt sich in eine Prima Ballerina, eine aus Metall und Kunststoff freilich: die Ducati 748. Die Odyssee einer verschmähten Liebe beginnt.

Das Gefühl, sich zu verlieben, wer kennt das nicht? Die Sinne sind heiter benebelt; Liebe macht blind, sagt man. Und das stimmt. Mich hatte es letztes Jahr erwischt. In Como, am gleichnamigen See, weilte ich zu einem verlängerten Wochenendurlaub, das graue Deutschlandwetter zu vergessen, das sich schwer auf die Psyche legt. Endlich mal Sonne und blühende Fauna, stahlblaues Wasser zwischen markanten Felsen. Da geht das Herz auf. Im Schaufenster sah ich sie: nicht die Nichte des Geschäftsinhabers Signorina Conti, die lernte ich erst später kennen, sondern die Ducati 748. Feuerrot, so schön, daß ich erst in den Laden marschierte, dann zur Bank und zuletzt besagte Signorina aufsuchte. Die nette Nichte mußte nämlich als Käuferin herhalten, dürfen Ducati-Händler doch nach Anweisung des Herstellers keineswegs an dahergekommene ausländische Kunden verkaufen. Signora erwarb also für mich das kostbare Stück für 22 500 163 Lire, entspricht nach damaligem Devisenkurs 18 300 Mark. Das hörte sich nach gutem Kauf an. Zumal es in Deutschland so ein begehrtes Exemplar noch gar nicht gab. Ich trat die Heimreise an. Die schöne 748 war mit italienischem Kennzeichen zugelassen - doch mir war komisch zumute. Lieber nahm ich eine deutsche rote Nummer. Trotz Warnung seitens des Ludwigsburger Landratsamts fuhr ich durch die Schweiz. Keine Probleme an den Grenzen. Gott sei Dank. Ein gutes Omen, und ich war zuversichtlich, das feine Teil in Deutschland ohne Scherereien legal auf die Straße zu bringen. Und so kam`s auch. TÜV kein Problem, Zulassung kein Problem, erste Inspektion kein Problem. Ducati-Händler Andreas Borst von der Firma Desmodrom hatte den 1000-Kilometer-Check gemacht, hilfsbereit und schnell, ich war im Glück.Bis nach weiteren 1000 Kilometern Öl austrat, trop, trop, tropf - natürlich unterwegs. Die Verkleidung war dank Schnellverschlüssen rasch demontiert, Öl sprudelte munter unter dem Motor hervor, direkt hinter dem Anlasser.Borst diagnostizierte: Motorblindstopfen hinter dem Anlasser undicht. Während der Reparatur schrieb ich mit Hilfe einer italienisch-kundigen Freundin an Ducati-Händler Conti in Como. Die ernüchternde Antwort kam prompt: Motorrad ins Ausland verkauft, deshalb kein Garantieanspruch. Das war mir neu. Mitlerweile sabberte das stolze V2-Triebwerk aus der Dichtung zwischen den Gehäusehälften. Meister Conti faxte mir ein Händlerrundschreiben, worin geschrieben stand, daß die Gehäuseschrauben werksseitig nicht genügend angezogen wurden. Paola, besagte Freundin, übersetzte, und Ducati-Mann Borst war im Bilde. Es half nur eins: Motor raus, Motor komplett zerlegen, Dichtung ersetzen, alles wieder zusammenstecken. Borst war wieder der Mann der Stunde, zumal er versprach, nun doch einen Garantieantrag stellen zu können. Aber so einfach ging das nicht. Dichtung nicht verfügbar, ich mußte über meinen Brötchengeber, die Firma Bosch, an einen Dichtungshersteller herantreten, der half. Eine Express-Nacht-Reparatur schaffte Ducatist Borst zwar, was mich 2500 Mark kostete, doch erneutes Unglück trat auf in Gestalt eines zerbröselten Zahnriemens, der die Nockenwellen antreibt. 900 Kilometer war die Prima Ballerina immerhin gelaufen. Aus der Spazierfahrt mit einem ausgewiesenen Anti-Ducatisten wurde nun nichts, und der Mann fand sich in seinen Vorurteilen sattsam bestätigt. Dem Freund, Profi in Sachen Sonntagnachmittag-Rücktransport-Kapazitäten-Ausfindigmachen, gelang es, die malade 748 zu Meister Borst zu schaffen. Dieser wußte Rat, der zwar teuer kam (1600 Mark) - aber dank zweier verbesserter Spannrollen richtig half. Außerdem würde das Werk sicher bald seiner Gewährleistungspflicht nachkommen. Nun frönte ich endlich meinem Besitzerstolz an der noch immer wunderschönen Roten bis zum Kilometerstand 13 500, bei dem Reifenwechsel anstand. Daß sogleich vorderes Ritzel und hinteres Kettenblatt sowie die Antriebskette verschlissen waren (1012 Mark), hatte mich zwar verwundert, doch gab mir die frisch Bekettete neuen Mut, eine Tour ins Fränkische zu wagen. Das Aus ereilte mich in Neustadt an der Aisch, immerhin schon in Mittelfranken, 200 Kilometer vom schwäbischen Wohnort entfernt: Spannrolle für den Zahnriemen gebrochen, Ventile krumm, Nockenwelle hin. Weitere Details wie Rücktransport, Reparaturdauer und diverse Begleitumstände möchte ich mir sparen. Nur soviel sei gesagt: Es kostete 2300 Mark, und Herr Borst betonte weiterhin, die Garantie würde bald gewährt. Paola schrieb ans italienische Werk eben wegen besagter Garantie, und das Werk verwies auf Importeur DNL in Frechen. Der lehnte die Garantieabwicklung dankend ab. Nun haben die Anwälte das Sagen, fast wie bei einer verkorksten Ehe. Geschieden bin ich aber noch nicht. Mein Versuch, Ducati-Liebhaber zu bleiben, dauert noch an.
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