Leitplankenprotektoren (Archivversion)

Geschnitten - oder am Stück?

Leitplankenprotektoren retten Leben. Während die Bundesanstalt für Straßenwesen sich drei Jahre mit der Prüfung der Schaumstoffteile beschäftigte, wurden Motorradclubs bei der Sicherung kritischer Strecken aktiv.

Die Dinger sind scharf wie Rasierklingen. Wenn Motorradfahrer auf Leitplankenpfosten zuschlittern, hilft, je nach Weltanschauung, nur noch eins: beten. Oder fluchen. Daß diese Art des Abgangs eine ebenso vermaledeite wie vermeidbare ist, hat mittlerweile auch der Bundesverkehrsminister gecheckt. Matthias Wissmann will Leitplankenprotektoren finanzieren. Das sind Schaumstoffteile, die bewirken, daß Sanitäter nur einmal und Totengräber nicht zweimal zupacken müssen. Womit die Politik eine Forderung, die das Institut für Zweiradsicherheit e.V. schon seit 1984 stellt, endlich erfüllt. Spät kam diese Erkenntnis, für so manchen Motorradfahrer zu spät. Ursache der Verzögerung: ein, wie sich im nachhinein herausgestellt hat, völlig unsinniges Prüfverfahren bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Die sollte feststellen, was für Kriterien Schutzummantelungen erfüllen müssen und welche der bereits auf dem Markt befindlichen Produkte ihnen entsprechen. Eine - im Prinzip - gute Idee. Dumm nur, daß die Chose sich drei Jahre hinzog. Erst wollte die Testmaschine nicht funktionieren, als sie’s dann tat, war’s eh egal. Weil die technischen Vorgaben verwässert wurden. Den ehernen Prinzipien der Marktwirtschaft zuliebe: »Mit der Aussetzung zweier Prüfkriterien«, so Dr. Wolfgang Schulte, Leiter des Referats »Schutz- und Leiteinrichtungen« bei der BASt, »wurde gewährleistet, daß drei Produkte auf den Markt kommen, die miteinander konkurrieren können.« Mehr baten allerdings gar nicht erst um Zulassung. Sein Gutes hatte dieser Schildbürgerstreich dennoch: Seit Verkündigung des Nullergebnisses engagiert sich der Herr Minister. Viele Motorradclubs wollten nicht so lange warten, sie sammelten Geld, montierten Protektoren an gefährlichen Streckenabschnitten. So allein die Blue Knights, eine Vereinigung motorradfahrender Polizisten, deren 13 000. »Bund und Länder sind pleite«, meint Ingo Krug, Geschäftsführer des Clubs. »Wenn Vereine und Verbände nicht aktiv werden, passiert gar nichts.« Das Ministerium behauptet das Gegenteil: Auf Spenden könne man verzichten, weil genügend Mittel zur Verfügung stünden. Fast zu schön, um wahr zu sein. Der Perdefuß dabei: Wissmann will die Clubs ins Abseits stellen. Protektoren anbringen, so steht es in einem Runderlaß, an dem noch gearbeitet wird, sollen demnächst nur noch die Straßenbauverwaltungen, Biker dürfen lediglich beraten. Könnte also durchaus sein - so die übliche, aus der Finanznot geborene Amtsstubenlogik -, daß es in Zukunft exakt genauso viele Gefahrenstellen gibt, wie Geld vorhanden ist, sie zu entschärfen. »Der Runderlaß soll vermeiden, daß in Zukunft ungeprüfte Protektoren von Clubs montiert werden«, verteidigt Barbara Walter-Wolf von der Pressestelle des Verkehrsministeriums den Entwurf. Für Polizist Ingo Krug von den Blue Knights ist das kein Argument: »Wir haben nur Protektoren installiert, die später die Freigabe durch die BASt erhielten.« War anders ja auch gar nicht möglich, weil schließlich alle Ummantelungen, die angeboten wurden, das Okay der Prüfinstanz erhielten.
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