Michelin, Edouard: Interview (Archivversion)

Interview

Edouard Michelin, Chef des
gleichnamigen französischen Reifenherstellers, zur Forderung nach
Einheitsreifen im MotoGP-Sport.

Herr Michelin, in jüngster Vergangenheit wurde im MotoGP-Fahrerlager die Forderung laut, wie in der Superbike-WM Einheitsreifen vorzuschreiben. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Michelin plädiert stark dafür, den offenen Wettbewerb der Reifenhersteller in der höchsten Motorradsport-Kategorie weiter bestehen zu lassen.
Bei den Superbikes sind Einheitsreifen bereits Realität. Beschwerden sind dort kaum zu hören – heißt das nicht, dass so eine Regelung sinnvoll sein kann?
Im Rahmen des amerikanischen Superbike-WM-Laufs in Laguna Seca fand ein Rennen der nationalen US-Meisterschaft statt, die mit vergleichbaren
Motorrädern wie die WM-Teilnehmer, aber freier Reifenwahl an den Start gehen. Die Rundenzeiten in den WM-Rennen waren im Schnitt zwei Sekunden langsamer
als die im Wettbewerb der US-Meisterschaft. Einheitsreifen sind der erste Schritt in Richtung Markenpokal, wo jeder Fahrer identisches Material hat. Das geht doch gegen den Geist des Rennsports.
Wieso das denn?
Ist doch klar: Im Rennsport geht
es um Wettbewerb, um das Talent der Fahrer und das der Reifen- und Motorradhersteller, die sich daran beteiligen.
Markenpokal-Reglements mögen in bestimmten Klassen funktionieren, aber
für die höchste Kategorie des Motorradsports wären sie eine Katastrophe. Da werden die Fans betrogen, die von
Fahrern und Herstellern erwarten, stets ans Maximum zu gehen.
Michelin hat zwölf Jahre in Folge den Titel in der Königsklasse des Motorrad-Straßensports gewonnen. Vor wenigen Wochen konnte beim Rennen in Rio de Janeiro erstmals Konkurrent Bridgestone einen Sieg feiern. Beunruhigt
Sie das?
Im Gegenteil. Als ich vor drei Jahren in Valencia zum letzten Mal einen
Motorrad-Grand-Prix besuchte – noch vor dem Beginn der Viertakt-Ära –, habe ich mich über einen Umstand beklagt: Wir hatten keine Konkurrenz. Eine Situation, die für Michelin nicht normal ist. Die Leute in unserer MotoGP-Abteilung arbeiten hart, und es ist die Philosophie unseres Hauses, uns Reputation durch die Qualität unserer Produkte zu verdienen. Jetzt
engagiert sich endlich ein Mitbewerber ernsthaft in der MotoGP-WM – das wird die Michelin-Erfolge nur noch stärker zur Geltung bringen.
Kritiker befürchten, dass die ständige Weiterentwicklung der Motorräder und der Reifen einerseits den Fahrern ein höheres Risiko aufbürdet, andererseits zu einer Explosion der Kosten führen wird.
Natürlich benötigen wir ein wohl durchdachtes technisches Reglement. Es muss die Sicherheit der Fahrer und die optimale Show für die Fans garantieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass die Kosten im Rahmen bleiben. Der freie
Wettbewerb in der MotoGP-Klasse darf dadurch jedoch nicht angetastet werden. Ich sag’s noch mal: Im Sport muss Konkurrenz herrschen, erst recht in der höchsten Liga. Nur dann bleibt das Interesse
aller Parteien daran erhalten.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote