Mit elektronischem Grips den Grip im Griff (Archivversion)

ABS-Systeme im Vergleich

Wie gut funktionieren Antiblockiersysteme beim Motorrad? Können moderne Radaufhängungen das ABS beim Bremsen unterstützen? Ist ein Verbundbremssytem die ideale Ergänzung zum ABS? Drei Fragen, zu deren Beantwortung sich die drei Maschinen des Konzeptvergleichs anbieten: Suzuki Bandit 1200 SA mit ABS und konventioneller Telegabel, die BMW K 1200 RS mit ABS und der innovativen Radaufhängung Telelever, die einen Bremsnickausgleich von 90 Prozent verspricht. Damit bleibt auch bei starker Verzögerung der Federweg fast vollständig erhalten, selbst auf extrem welliger Fahrbahn geht die Gabel nicht auf Block und verbucht zumindest theoretische Vorteile für sich. Die Supertourer ST 1100 von Honda wartet mit einer Kombination von Verbundbremse und Antiblockiersystem auf. Beim sogenannten CBS wirkt sowohl die Hand- als auch die Fußbremse jeweils auf beide Räder. Diese Einrichtung verspricht unabhängig von den Bremsgewohnheiten des Fahrers eine hohes Maß an Sicherheit. Und wie sieht’s in der Praxis aus? Bei den Blockierbremsungen mit beiden Rädern schenken sich die Kontrahentinnen beim Bremsweg nicht viel: BMW und Suzuki kommen aus 100 km/h Anfangsgeschwindigkeit nach gut 40 Metern zum stehen, die Honda braucht rund einen Meter mehr. Im Fahrverhalten zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede. Die Suzuki taucht an der Vorderhand am stärksten ein und hinterläßt subjektiv den Eindruck der höchsten Verzögerung. Trotz Vollbremsung zieht sie stabil ihre Bahn. Genau da hat die BMW ihre Probleme. Je nach Fahrbahnanregung pendelt sie bei maximaler Verzögerung um die Hochachse und beginnt sich aufzuschaukeln, so daß selbst routinierte Fahrer im reinen Testbetrieb, also ohne Streßsituation, geneigt sind, den Bremsdruck auf Kosten des Bremswegs zu reduzieren. Ein weiteres Problem durch die starken Fahrzeugreaktionen ist das Ausbalancieren des Motorrads kurz vor dem Stillstand. Daß die Frontpartie kaum eintaucht, spielt da kaum noch eine Rolle. Deutlich souveräner reagiert die Honda. Auch mit beiden Bremsen am Limit zieht sie souverän ihre Bahn. Und das Eintauchen der konventionellen Telegabel hält sich in akzeptablen Grenzen. Wird nur die Handbremse betätigt, kommt der Vorteil des Verbundbremssystems zum Tragen: Der Bremsweg der Honda beträgt aus 100 km/h 43,9 Meter, das sind zwei bis drei Meter weniger als bei der Konkurrenz. Die BMW hat auch hier wieder mit Stabilitätsproblemen zu kämpfen, während die Honda und Suzuki locker auf Kurs zu halten sind. Wird nur der Fußbremshebel getreten, ist die Bremskraftverteilung des CBS offensichtlich noch besser. Die Honda steht bereits nach 42 Metern. Mehr als doppelt soviel Weg beansprucht die BMW. Die Suzuki benötigt sogar über hundert Meter. Bei trockener Fahrbahn und homogenem Belag ist bei Betätigung beider Bremsen das Potential der unterschiedlichen Systeme weitgehend ausgeglichen. Auf stark schwankende Reibwerte der Fahrbahn, zum Beispiel Pfützen, Bitumen-Flickstellen oder Fahrbahnverunreinigungen reagieren alle drei Systeme ausreichend sensibel. Der Bremsweg der Suzuki verlängert sich dann aber stärker als bei der Honda und BMW, ein Indiz dafür, daß die Regelung weniger sensibel arbeitet als bei der Konkurrenz. Doch auch sie unterbietet dann noch immer die Möglichkeiten selbst routinierter Motorradfahrer um Welten. Je schlechter die Straßenverhältnisse sind, umso überlegener agieren die Blockierverhinderer. Und bei unerfahreren Bikern kann das ABS bereits bei normalen Straßenverhältnissen das panikartige Überbremsen im Ernstfall verhindern.Der prinzipiell souverän arbeitende Telelever bringt beim Bremsen kaum gewonnene Meter. Bei welliger Fahrbahn neigt die Regelung sogar dazu, den Bremsdruck völlig zu reduzieren und Bremsweg zu verschenken. Auch bei der Fahrwerksstabilität zeigt BMW nicht etwa Vorsprung durch Technik. Den zeigt Honda bei dem Verbundbremssystem. Das Arrangement der Japaner kann in Verbindung mit einem ABS in fast allen Lebenslagen überzeugen, die beim Zweirad nach wie vor kritische Kurvenbremsung ausgenommen. Selbst gröbste Bedienungsfehler kompensiert dieses System und bietet damit die Bremsentechnologie der Zukunft. Aber auch die beiden anderen Bremssysteme sind gemessen am Sicherheitsgewinn ihr Geld allemal wert.
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