Moment mal: Mythos Harley––––– (Archivversion)

Mythe bin ich, fahr’ zur Ruh’–––––

Über die höheren Weihen profanen Eisens, das selbst Biedermänner zu Outlaws macht.

Gern erzählt Hells Angel Lutz die Schmonzette, wie er einmal mit Harley-Manager Roy Mayers einige Bierlein verzehrt hat. »Mensch Roy«, stupste der Hardcore-Biker den Ami von der Seite an, »was wär’ denn, wenn wir Angels von heute auf morgen BMW fahren würden?« Worauf Mayers rapido erbleichte, stupido die Sprache verlor, subito noch ein Pils abgriff. Den Bossen in Milwaukee deucht schon länger, daß ihr Erfolg doch nur sehr bedingt überragenden Ingenieurskünsten zu verdanken ist.»Als wir 1969 begannen, ‘Easy Rider’ zu drehen, fragten wir bei Harley an, ob sie Peter Fonda und mir nicht zwei Maschinen überlassen könnten«, erzählte Dennis Hopper unlängst in London. »Die haben das ruckzuck abgelehnt und damit begründet, daß sie weg wollten von diesem Outlaw-Image.« Zum Mythos, mit dem sich Harley heute schmückt, kam die Company wie die Jungfrau zum Kind.Nicht qua unbefleckter Empfängnis. Die Vaterschaft ist geklärt. Sogar für Harley. Es waren die Biker-Gangs der US-Westküste, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf spottbillige alte Militärmaschinen abfuhren, alles weghauten, choppten, was der raschen Fortbewegung nicht förderlich war. Und glaubten, so wie Cowboy oder Desperado, noch in »epischen Weltzuständen« zu reiten, sich ihr Gesetz selbst schaffen zu können. Klappte nicht, konnte nie klappen.Was Billy the Kid oder Jessie James der treue Klepper war den Outlaw-Bikern ihre Harley - Mittel zum Überleben in einer feindlichen Umwelt. Pferdediebe landeten deshalb prinzipiell am Galgen. Mit Motorradklauern gehen selbst die Amis etwas pfleglicher um. Obwohl die Harley etwas Ur-Amerikanisches symbolisiert - den Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Mit Betonung auf Traum. Der läßt sich leichthin deuten und, noch wichtiger: kaufen. Für Marketingstrategen der Himmel auf Erden. Den Harley, in der Hölle japanischer Konkurrenz schmorend, lange Zeit schlichtweg leugnete. Dabei haben Mythen mit Werbekampagnen ganz banale Dinge gemein. Sie sind gemacht. Von Druiden, Priestern, Dichtern, als die Gesellschaft solche Typen, die nicht unmittelbar zur Produktion beitrugen, aushalten konnte. Die brachten den Mythos in die Welt. Als Versuch, sie schlüssig zu erklären. Und die eigene Kultur von anderen abzugrenzen. Weswegen es der Begründungen, warum einem der Himmel nicht auf den Kopf fällt, denn auch eine ganze Menge gibt. Mythen erzählen Geschichten, sinnlich, prall. Da donnern Götter, wird die Welt in sechs Tagen geschaffen, vom Baum der Erkenntnis genascht. Neuerdings auch Harley gefahren. Ein Wunder? Alles andere als das. Eine Harley ist von dieser Welt. Als Hopper und Fonda den Chopper harleyanischer Provenienz in die Umlaufbahn der Popkultur schossen, da pennte Harley selig. Bis endlich einer auf den Trichter kam. Der Legende nach soll es Willie G. Davidson gewesen sein, der bis heute bei jeder passenden und, was öfter vorkommt, unpassenden Gelegenheit herumposaunt, daß Harley eine Philosophie verkauft und es das Motorrad als Dreingabe gibt. In einem Punkt irrt Willie. Nix Philosophie. Die wird an rationalen Kriterien messen. Im Unterschied zum Mythos. Und dessen Charakteristika adoptierten Marketingstrategen perfekt. Weil es eh deren Job ist, Mythen zu fabrizieren. Um den Kunden ohne größere Aktivierung oder, besser noch, Ausschaltung seiner Verstandeskräfte zum Kauf einer Ware zu animieren. Aufgabe des Mythos, erklärte der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss, war es, dafür zu sorgen, daß die Zukunft der Gegenwart und Vergangenheit so treu wie möglich folgt. Mit so einem Gefühl des Alles-schon-mal-dagewesen läßt sich’s einfach ruhiger leben. Siehe Harley: Die neuen Modelle sehen so aus wie die alten. Technische Innovationen stören da eher, bringen das wohlgeordnete, wertkonservative Weltbild durcheinander. Deshalb wurde Buell gekauft. Ein brillanter Schachzug. Mythen haben Helden, und Harley hat die coolen Typen, die Outlaw-Biker, die selbst zu mythischen Gestalten mutierten. Und diese Aura auf ihr Motorrad übertrugen. Obwohl, wie Hells Angel Lutz bekennt, »diese Maschinen, so wie sie das Werk verlassen, einfach langweilig sind«. Optimal für Harley. Die Freaks machen ihre Bikes heiß, stricken munter am Mythos weiter, während der Durchschnitts-User nicht mal richtig Motorrad fahren können muß. Weil er allein schon mittels Gefährt einer besonderen Kaste angehört. »Die grüßen nicht«, bringt es der XV 535-Fahrer auf den Punkt. Zum Mythos gehört auch, daß Harley es nicht nötig hat, beim Vergleichstest in MOTORRAD zu triumphieren. Denn da geben rationale Kriterien den Ausschlag. Zahlen, Daten, vergleichbare Fahreindrücke. Aufklärerische Prinzipien eben, und die, schrieb Theodor W. Adorno, »schneiden das Inkommensurable ab«. Womit Adorno, ein Freund des Fremdworts, das nicht Meßbare, nicht Vergleichbare meinte. Antiquarische Technik, miese Bremsen, starke Vibrationen - was soll’s? Damit steht die Company einzigartig da. Was die MOTORRADler in ihrem Fazit übrigens stets zu würdigen wissen. Indem sie vom Original schreiben, das einen besonderen Charme ausstrahle. Oder so ähnlich. Weil selbst die größten Heizer in der Redaktion um die Dialektik der Aufklärung wissen. Daß die reine Herrschaft der meßbaren Werte - etwa 300 km/h - selbst wiederum zum Mythos wird. Als die Wissenschaft dem Mythos den Garaus machte, wie man damals im 17., 18. Jahrhundert dachte, rettete er sich, erkannte Levi-Strauss, in die Musik. Und hat nicht Harley erst vor kurzem versucht, sich den Sound seiner Maschinen patentieren zu lassen?
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