Moto Cross-WM in Gaildorf (Archivversion)

Himmel und Hölle

Für Pit Beirer hätte der Heim-GP zum Himmel auf Erden werden können. Doch er ging durch die Hölle.

Mehr als 300 Meter in der Stunde sind derzeit im Fahrerlager nicht drin«, grinst Pit Beirer. Schon klopft der nächste Fan sanft auf die Schulter. Ein Vater mit zwei Söhnen. Mach´s gut, lass den Kopf nicht hängen, du schaffst das schon. Ein Autogramm für die Pimpfe? Klar doch. Zwei ältere Damen stellen sich gleich in die Reihe. Für die Enkel. Sagen sie. Übrigens: Mach´s gut, du schaffst das schon. Pit lächelt artig. Für den Papa und die Söhne, für die beiden Omas sowie für hunderte Fans vor ihnen und für tausende nach ihnen an diesem Wochenende in Gaildorf. Und doch wird er sich später kaum mehr an sie erinnern können. Die Spannung hinter der freundlichen Fassade blockiert die Sinne für irgendetwas anderes als den einzigen omnipräsenten Gedanken: die Weltmeisterschaft. Mickrige drei Zähler auf den Franzosen Frédéric Bolley waren ihm geblieben, vom komfortablen Vorsprung. Fahrfehler? Taktische Irrtümer? Einfach nur dumm gelaufen? Abgehakt, müßig, darüber nachzugrübeln. Gleich gar nicht beim Heim-GP im schwäbischen Gaildorf. Schon weil die Zeit dazu fehlt. Freitagabend Fassanstich im 3000-Mann-Festzelt durch Stargast Pit Beirer. Motorradfahren kann er besser. Die Brühe spritzt vom schräg eingeschlagenen Zapfhahn auf die Bühne. Interview. Die Lage ist ernst, Blick nach vorn, Attacke, wird schon klappen. Zwanzig Minuten später liegt er im Hotelbett.Samstag, Training. Es regnet. Die ausgetrocknete Piste wirkt wie mit Schmierseife überzogen. Nicht das Terrain für Pit Beirer. Vergaserabstimmung und Reifen passen nicht. Vielleicht sind´s auch die Nerven. Zu mehr als Rang 13 im zweiten freien Training reicht´s jedenfalls nicht. Mittlerweile ist auch Dietmar Lacher eingetroffen. Seit diesem Jahr berät der Ex-Weltklasse-Crosser seinen ehemaligen Konkurrenten. Nochmals wird ein anderen Vergaser für eine sanftere Leistungsabgabe eingebaut, die Reifen gewechselt. Zeittraining. Die Taktik war richtig. Auf Anhieb Bestzeit. Erst als es abtrocknet, legen Bolley und drei weitere Kollegen nach. Die letzten fünf Minuten sind angebrochen. Pit Beirer setzt alles und brennt nochmals eine schnellere Zeit auf die Piste. Die Fans toben. Der Held lässt sich feiern. Erstmals scheint sich die permanente Anspannung zu lockern. Zur abendlichen Massage wird das hermetisch abgedichtete Vorzelt geöffnet. Hunderte sehen zu, wie Beirers belgischer Trainer Willy Linden den geschundenen Astralkörper wieder aufpäppelt. Auch die Zunge wird lockerer. »Die aktuelle Situation lastet mich mehr aus, als ich mir jemals hätte vorstellen können«, weiß der WM-Leader. Und: »Ich bin kaum mehr in der Lage, mehr als mein alltägliches Leben zu meistern. Büroarbeit und solche Dinge fallen einfach flach. Ich fühle mich wie in einem Film, der vor mir abläuft. Es ist fünf vor zwölf. Und um zwölf möchte ich ganz oben stehen.«Noch auf der Massagebank gibt der Modellathlet Autogramme. Ein kleine Entschuldigung an die Fans, »mit denen ich dieses Wochenende so brutal umgehen muss. Doch ich hoffe, sie akzeptieren, dass ich mich nicht ablenken lassen darf«. Was auch für die Medien gilt. Ab Sonntagmorgen warten die meisten Journalisten vergebens auf Interviews. Und auch die Zuschauer sehen den Kawasaki-Werkspiloten nur auf der Strecke. Schon beim Warm-up säumen die allermeisten der 18000 Moto Cross-Freaks die immer mehr abtrocknende Piste.12.30 Uhr. Eine halbe Stunde vor dem Start. In der ansonsten eher lockeren Atmosphäre des Kawasaki-Werksteams knistert die Luft. Ein »mach´s gut, wird schon« will hier keiner hören. Dann besser den Schnabel halten. Ein Augenzwinkern, ein Klaps auf den Rücken signalisiert: Wir sind bei dir. Ab dann gilt: Selbst ist der Mann. Ein letzter Tipp von Didi. Mehr Balsam für die Seele als Notwendigkeit. Start. Der Antritt über das Gitter klappt perfekt, doch dann steigt das Vorderrad zu sehr. Pit muss kurz das Gas wegnehmen. Blitzartig schieben sich die Lenker der Konkurrenz vor die Kawasaki. Will Pit nicht nachgeben? Bremst ein anderer zu früh? Keiner wird es je wissen. Fakt ist: In der ersten Linkskurve verhaken sich die Lenker. Pit liegt mit zwei Kollegen am Boden. Alles hätte geschehen dürfen, nur das nicht. Schlimmer noch: Bolley führt. Eine Runde später deutet Pit seinen Mechanikern auf die Hinterradbremse. Der Bremsschlauch ist beim Sturz gerissen. Jede Kurve wird zum Landeanflug ohne Bremsfallschirm. Pit tobt um die Piste. Zunächst rasten auch die Fans aus, wenig später wird klar, dass die Mühe vergeblich bleiben wird. Mehr als Rang 19 ist nicht drin. Die Menge erstarrt. Heat eins wird zum »worst case«, dem allerungünstigsten Fall. 20 zu 0 für Bolley. Die WM-Führung nach zwölf langen Rennen verloren. Rückstand: 17 Punkte.Die Fangemeinde im Fahrerlager trägt Trauerflor. Die Tür des Wohnmobils schlägt hinter Pit zu. Erst nach einer Stunde zeigt er sich wieder, die Augen rot gerändert - und geht raus in die Menge. Jetzt kann er´s brauchen: »Mach´s gut, wird schon.« 16.30 Uhr. Zweiter Lauf, die letzte Chance des Tages. Gott sei Dank, der Start klappt. Rang zwei. Stefan Everts führt. Bolley ist Vierter. Pit bleibt dran. Nach zwanzig Minuten Entsetzen. Der Kawasaki-Pilot wird langsamer, kommt kurz zu Fall, rüttelt in der Luft wild am Lenker. Weshalb, weiß niemand. Wenig später scheint alles wieder in Ordnung, doch die Konzentration findet Pit nicht mehr. Vuillemin und ausgerechnet Bolley drücken sich vorbei. Rang vier. Später wird klar: Ein losvibrierter Ausgleichsbehälter am Gabelholm hatte die Lenkung blockiert. Noch mal zwei Punkte weniger auf dem Weg zum WM-Titel.Trotzdem: Eine Verbeugung nach dem Rennen, die Autogramm-Session - seine Fans sind dem jungen Mann aus Ludwigshafen auch in der Stunde der Niederlage wichtig. Was in seinem Inneren vorgeht, können sich dennoch alle vorstellen. Freundliche Miene zum traurigen Spiel. Aber noch ist nicht alles verloren. Pit weiß, es wird beim WM-Finale in den USA schwer werden, die Entscheidung wird nicht mehr allein in seinen Händen liegen. Eine Hoffnung bleibt: In Amerika hat alles ein Happy End. Hoffentlich auch für ihn.
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