Moto Cross-WM Namur/Belgien: Reportage über 50 Jahre (Archivversion)

Park & Ride

Seit fünfzig Jahren verwandelt sich der Stadtpark des belgischen Namur Anfang August in eine Moto Cross-WM-Piste. Genauer: in die Isle of Man der Stollenbranche.

Eigentlich galt das Bollwerk, das der französische Sonnenkönig Ludwig der 14. in der Ardennen-Metropole Namur errichten ließ, als uneinnehmbar. Doch abgesehen davon, daß sich, dessen ungeachtet, im Laufe der Jahrhunderte jede Menge ungebetener Gäste die mächtige Zitadelle gelegentlich unter den Nagel rissen, erlebt das Wahrzeichen Namurs seine eigentliche Eroberung mittlerweile jährlich. Denn am ersten August-Wochenende ist es im Stadtpark rund um die ehrwürdigen Mauern aus mit der Ruhe. Dann erstürmen unter dem kanonengleichen Grollen der Halbliter-Moto Cross-Motoren zumindest 30 000 Fans die Bastion - und dies seit genau 50 Jahren.Selbst in einem halben Jahrhundert konnte sich in der Welt der Stollenreiter kein Pendant zum Zitadellen-Circuit entwickeln. Nichts, das sich nur annähernd mit dem Charme und dem Flair des 3,2 Kilometer langen Kurses im französischsprachigen Teil Belgiens vergleichen darf. Schon der Start vor der barocken Tribüne - Baujahr 1907 - auf dem ehemaligen Exerzierplatz, der Esplanade, danach das fast endlose Geschlängel durch den Stadtpark, mit den rustikalen Stämmen alter Platanen als respektheischender Streckenbegrenzung. Immer weiter hinab bis zur Kneipe »Chalet du Monument«, in deren Biergarten seinerzeit der Schwede Hakan Carlqvist mit einem Pils seinen letzten WM-Lauf feierte - während des Rennens, versteht sich.Anschließend der gigantische Sprung zurück in den Wald, die lange Vollgas-Gerade, die nur ein paar Meter vor der Zitadellenmauer nach rechts abknickt. Und dann dieser Anstieg, vierter Gang Vollgas, wieder haarscharf an den Bäumen vorbei bis hoch auf die Esplanade. Ein Touch Isle of Man, ein Hauch Monte Carlo, eine Prise Tausend-Seen-Rallye. Riskanter als erlaubt, hautnäher als vernünftig.Namur hat sie alle gesehen, die Champions der Zunft. Bereits zehn Jahre bevor die Funktionäre 1957 die Moto Crosser überhaupt als WM-würdig erachteten. Seitdem ging der Halbliter-WM-Kelch nur dreimal an der urbanen Piste vorbei - und verbindet sie damit so eng wie kein anderer Ort mit der Geschichte der Königsklasse.Namur hat erlebt, wie der schwedische Holzfäller Bill Nilsson auf der über drei Zentner schweren AJS eben in diesem Premierenjahr als erster Moto Cross-Weltmeister in die Geschichte einging. Namur durfte sich auch freuen, daß BSA mit der 440-cm³-Viertakt-Goldstar im selben Jahr den allerersten Serien-Crosser der Geschichte vom Band laufen ließ. Doch auch die allerersten Zweitakter der Halbliter-Moto Cross-Geschichte kreischten - damals unüberhörbar ohne jegliche Schalldämpfer - schon 1961 durch den gepflegten Stadtwald.Nur vier Jahre sollten sie noch brauchen, bis sie die ehrwürdig ergrauten Ballermänner vollends ausgebootet hatten. Denn 1965 schloß der Brite Jeff Smith mit dem WM-Titel auf seiner BSA Victor für lange Zeit das Kapitel der Viertakter in der größten Soloklasse. Ausgerechnet ein junger Mann aus Erfurt in der damaligen DDR sollte die sportgeschichtliche Wende einläuten. Drei WM-Titel holte Paul Friedrichs auf der zu jener Zeit technisch hochaktuellen Zweitakt-CZ für den Arbeiter- und Bauernstaat und schrieb sich dadurch als bis dato einziger deutscher Solo-Moto Cross-Weltmeister in die Annalen ein.Wieder sollten vier Jahre vergehen, bis 1970 mit Suzuki der erste japanische Hersteller in die 500er WM einstieg. Bereits ein Jahr später legte ein Maschinenbau-Techniker aus Brüssel auf dem mit weniger als 90 Kilogramm Gesamtgewicht federleichten 363-cm³-Werksrenner den Grundstein zur erfolgreichsten 500er WM-Karriere aller Zeiten: Roger De Coster. Stattliche fünf WM-Titel heimste der Gentleman des Moto Cross-Sports bis 1976 für seinen Arbeitgeber ein.1973 schickten erstmals Yamaha-Techniker eine 500er Werksmaschine in die Ardennen, ein Jahr später zog Kawasaki nach. Für die deutschen Fans aber viel wichtiger: Mit einem Doppelsieg in Namur schien der grenzenlos ehrgeizige Willi Bauer die WM 1973 für sich entschieden zu haben. Wenige Wochen später beim WM-Finale in Holland kostete ihn jedoch eine defekte Zylinderfußdichtung den so sicher geglaubten Titel.Während Yamaha sich schon 1974 mit dem schweigsamen Finnen Heikki Mikkola als Chef in den WM-Ringen entpuppte, verfolgten die Fans nicht nur in Namur die Entwicklung der Moto Cross-Supermacht Honda. Denn nach der Ära Mikkola führte der Halbliter-WM-Titel einzig und allein über die roten Brigaden. Gleich ob Nobel-Crosser André Malherbe oder der junge Brite David Thorpe - der mit dem Körperbau eines Zehnkämpfers und dem Fahrstil von Ben Hur -, die beide drei WM-Titel absahnten. Und auch Georges Jobé, der sich selbst als von Honda ungeliebter Privatfahrer dreimal zum Regent der Königsklasse krönte - Honda dominierte in den Achtzigern die WM wie niemand je zuvor.Ausgerechnet Namur wurde 1990 von den Honda-Bossen zum Ort des Abschieds aus der Cross-WM erkoren. Doch Namur und damit die Halbliter-WM überstanden nach dem Rückzug des letzten japanischen Werks auch die mageren Zeiten. Die Zitadelle und die Fans hielten den Underdogs Jacky Martens, Joel Smets oder Shayne King ebenfalls die Treue - bis der Laufsieg von Andrea Bartolini auf der exklusiven 400er Werks-Viertakter von Yamaha in diesem Jahr die Anhöhe von Namur wieder in altem Glanz erstrahlen ließ.
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Moto Cross-WM Namur/Belgien: Reportage über 50 Jahre (Archivversion) - WM-Titel für Joel Smets

Eine Woche nach dem Namur-Grand Prix wurde die 500er Cross-WM bereits entschieden - zugunsten von Joel Smets auf der Viertakt-Husaberg. Beim WM-Lauf in Luxemburg genügten dem Belgier die Ränge drei und fünf, um sich bereits beim vorletzten Saison-GP den Titel zu sichern. Es ist seine zweite Weltmeisterschaft nach 1995.Wie in Namur trumpfte Yamaha auch in Luxemburg mit dem Werks-Viertakter mächtig auf. Andrea Bartolini holte zunächst die Trainingsbestzeit. Im ersten Lauf fiel der Italiener zwar aus, dafür gewann er souverän den zweiten - mit fast einer halben Minute Vorsprung auf Kurt Nicoll, dem Sieger des ersten Durchgangs.WM-Stand: 1. Joel Smets (B) Husaberg 279 Punkte (Weltmeister), 2.Shayne King (NZ) KTM 223, 3.Kurt Nicoll (GB) KTM 204.BildtextDa kommt Freude auf: Joel Smets ist vorzeitig am Ziel - zweiter WM-Titel für den Husaberg-Piloten nach 1995

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