Motorentechnik im 34 PS-Extra (Archivversion)

4 vor 1?

Taugen vier kleine Töpfe besser als ein großer, um 34 PS bereitzustellen? Oder markiert der Zweizylinder die goldene Mitte?

Nach landläufiger Meinung sind Einzylinder kernige Burschen, simpel im Aufbau, wartungsfreundlich, durchzugsstark, Vierzylinder dagegen technisch anspruchsvoll, drehzahlgierig, nichts für gemütliches Fahren. Zwei Zylinder im Reihenformat gelten als Brot-und-Butter-Kompromiß, während Twins in V-Formation bei Choppern wie bei Sportlern in hohem Ansehen stehen.In Wahrheit haben sich Singles längst von der technischen Schlichtheit einer Yamaha XT 500 entfernt. Wasser- statt Luftkühlung, komplizierte Ventiltriebe, Ausgleichswellen und Elektrostarter haben Gewicht und Bauaufwand vieler moderner Viertakt-Einzylinder in die Höhe getrieben. Geblieben ist ihre Scheu vor zu niedrigen und zu hohen Drehzahlen: Zwischen unwirschem Schüttelm bei untertouriger Fahrt und mechanischem Streß bei flottem Jubeln ist ein vergleichsweise schmaler Grat.Die Aufteilung des Hubraums auf zwei Arbeitseinheiten vergrößert die nutzbare Drehzahlspanne eines Motors beträchtlich. Kleinere rotierende und oszillierende Einzelmassen und kürzere Kolbenwege erlauben höhere Drehzahlen, während die doppelte Anzahl von Arbeitstakten pro Zeiteinheit den Rundlauf fördert und die Toleranz gegenüber schaltfaulem Fahren erhöht. Das Vibrationsverhalten von Zweizylindern hängt von deren Layout ab. 90-Grad-V-Motoren ermöglichen ohne Hilfsmittel einen Ausgleich der Massenkräfte 1. Ordnung. V-Twins mit kleinerem Zylinderwinkel verlangen zur Ruhigstellung eine Ausgleichswelle. Paralleltwins englischer Schule mit synchron auf- und ablaufenden Kolben verhalten sich schwingungstechnisch wie Einzylinder und sind deswegen aus der Mode gekommen. Parallelzweizylinder mit 180-Grad-Kurbelversatz erzeugen keine Massenkräfte 1. Ordnung, aber Massenmomente, die durch eine Ausgleichswelle kompensiert werden können.Reihenvierzylinder - besonders mit kleinen Einzelhubräumen - haben von Haus aus kaum Vibrationen. Sie erreichen einerseits das höchste Drehzahlniveau, andererseits lassen sie sich extrem niedertourig bewegen, weil zwei Arbeitstakte pro Kurbelwellenumdrehung für weichen Rundlauf sorgen.Die Wartungfreundlichkeit moderner Motoren hängt weniger von der Zylinderzahl als von der Art der Ventilsteuerung ab. Bei Do it yourself-freundlichen Konstruktionen mit Kipp- oder Schlepphebel-betätigten Ventilen läßt sich das Spiel problemlos über Einstellschrauben justieren, während Ausführungen mit Tassenstößeln und Distanzplättchen nach professioneller Betreuung verlangen.Beim Gebrauchtkauf spielen Zylinderzahl und -anordnung dann wieder eine größere Rolle, denn bei einer irgendwann anstehenden Motorüberholung zählt jedes zu ersetzende Bauteil. Ein vielventiliger Zweinockenwellen-Vierzylinder oder ein V-Motor mit eigenem Ventiltrieb pro Zylinder wird sich dann eher als wirtschaftlicher Totalschaden entpuppen als ein noch so aufwendig konstruierter Einzylinder.
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