Motorradfahrer des Jahres 1999 (Archivversion)

AUSLESE

Der Weg zum Titel »Motorradfahrer des Jahres« ist schwer: Knifflige Fragen beantworten, Los-Glück haben, perfekt Motorrad fahren - und man muss früh aufstehen können.

Sonntagmorgen, neun Uhr. Treffpunkt Parkplatz »P4« auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Wo sonst bei irgendwelchen Fußballspielen- oder Konzerten Autos dicht gedrängt stehen – Platz ohne Ende für das Grüppchen Motorradfahrer, das sich am Ende des weitläufigen Platzes um den Bus des MOTORRAD-ACTION-Team schart.»Individuelle Anreise und technische Abnahme bis 8.30 Uhr, um neun Uhr Begrüßung und Vorstellung der Instruktoren, 9.20 Uhr Beginn der Übungen.« So steht es in den Unterlagen »Gesucht: Der Motorradfahrer des Jahres«. Für die Teilnehmer - 19 sind es in der Zwischenrunde in Stuttgart, einer hatte verpennt - bleibt da keine Zeit warmzulaufen. Doch den anderen Bewerbern um den Titel, die in München, Köln, Berlin und dem niedersächsischen Ahlhorn ihr Fahrkönnen demonstrierten, ging es nicht anders.Dabei hätte der Langschläfer stolz sein können, mit dabei zu sein. Weit über 31000 haben den Fragebogen – die erste Hürde auf dem Weg, »Motorradfahrer des Jahres« zu werden - ausgefüllt zurückgeschickt. Aus den Einsendungen mit dem richtigen Lösungssatz wurden dann insgesamt 100 Bewerber für die Zwischenrunden ausgelost. Und diese 100 hatten schon mal gewonnen, nämlich einen neuen Schuberth Sprint R-Helm - bis auf den Langschläfer eben. »Bald hab’ ich Schlappohren wie mein Hund.« So richtig anfreunden kann sich Edgar mit dem Schuberth-Helm noch nicht. »Aber sei’s drum – dabei sein ist alles«, versichert der mit 58 Jahren älteste Anwärter auf den Titel und schwingt sich auf seine K 1200 RS, um die Übung »Achter-Fahren« zu absolvieren. Jetzt gilt es, sauber und flüssig zu fahren, drei Runden lang bei zügigem Tempo. Edgar zeigt keine Schwäche beim Umzirkeln der Pylonen. Beim »Pylonen transportieren« dagegen klappt das weniger elegant. Die Hütchen müssen im Wechsel von links nach rechts und umgekehrt aufgenommen und wieder abgesetzt werden. Wahrlich ein Balanceakt. Und so mancher würgt sein Motorrad dabei einfach ab. Edgar nimmt’s gelassen: »Wenn der Bauch zu groß wird und man’s Hütchen nicht mehr hochbringt, muss man halt aufhören.«Weniger gesprächig, eher cool geht der jüngste Teilnehmer ins Rennen. »Ach, das ist alles nicht so schlimm«, spricht Jens, just zum Termin 18 Jahre alt geworden, in die Runde. So, als ob er tagtäglich kontrollierte Vollbremsungen mit dem Vorderrad zu bewältigen hätte - eine von den insgesamt zehn Fahrübungen, bei denen es doch häufig angespannte Gesichter und verkrampfte Finger zu sehen gibt. Drei Mal soll das Rad kurz blockieren. »Nicht der mit der längsten Bremsspur macht Punkte«, ermahnt noch Instruktorin Regina. »Denn der Lösereflex ist wichtig.« Dieser funktioniert bei allen, und auch Jens schlägt sich mit seiner 125er Cagiva und deren Bremse wacker. Am Ende des Tages: respektabler sechster Platz für den Youngster in der Gesamtwertung.Stefan mit seiner GPZ 500 glückt die Übung: »Beschleunigen und Bremsen« nicht so leicht. Innerhalb einer zirka 100 Meter langen Strecke soll auf etwa 70 km/h beschleunigt werden, danach gilt es, den Bremsweg richtig einzuschätzen, um in einer etwa drei Meter langen Parkzone sein Motorrad zum Stehen zu bringen. Alles auf Zeit. Stefan verbockt es und stürzt. Passiert ist ihm nichts, dem Motorrad ein bisschen, doch leider gibt es keine Punkte. Trotzdem: Rang fünf für den Karlsbader.Souverän und in Bestzeit absolviert Michael Nägele diese Nerven-Übung. »Der Mann hat eine sehr gute Feinmotorik«, lobt Instruktorin Regina den Buell-Fahrer. Und auch bei allen anderen Disziplinen punktet der 35-Jährige stetig. Nur das »Pylonen transportieren« klappt nicht so perfekt. Macht aber nichts: Der Motorradmechaniker und frühere ETZ 250-Cup-Pilot fährt auf Platz eins mit 200 von insgesamt 220 erreichbaren Punkten. Bestes Ergebnis von allen Teilnehmern.Ganz so souverän ging Erik mit seiner YZF 750 bei der Vollbremsung nicht ans Werk. Noch kurz vorher einen flotten Spruch auf den Lippen leuchtet es plötzlich rot unterm Helm - eine Folge des beherzten Griffs am Bremshebel. Und vor lauter Anspannung vergisst der Karlsruher gar, das montierte Messgerät, das maximale Verzögerung und die Gleichmäßigkeit der Bremsung aufzeichnet, an den nächsten Kandidaten weiterzugeben. Doch der Angestellte im öffentlichen Dienst patzt nur wenig: Platz zwei für ihn und die Qualifikation zur Endrunde am Nürburgring.Eher unauffällig fährt sich Rainer mit seiner FZX 750 Fazer auf Platz drei in dieser Auslese-Runde. »Nervös bin ich schon«, gesteht der 33-jährige Diplom-Ingenieur, der seine Fazer liebevoll »Studenten-Vmax« nennt. Ein Fahrsicherheitstraining habe er bisher nur mit dem Auto gemacht.Das wird sich bald ändern, denn als Drittplazierter hat Rainer - ebenso wie Michael und Erik - bereits ein MOTORRAD-Perfektionstraining Ende September am Nürburgring gewonnen. So auch die anderen 22 besten Teilnehmer, die um den Titel »Motorradfahrer des Jahres« ringen werden. Der Sieger darf sich dann ein Traum-Motorrad im Wert von rund 25 000 Mark aussuchen. Das gibt ein spannendes Finale, garantiert.
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