Motorradgottesdienst in Hamburg (Archivversion)

Und fülle uns Tank und Batterie mit Liebe

Meeting. Show oder Mission? Der Motorradgottesdienst in Hamburg, seit nunmehr 14 Jahren feste Tradition, hat sein Gesicht verändert. Aus dem ehemaligen Gottesdienst für Motorradfahrer ist ein MoGo geworden.

»Willkommen zum MoGo 1997!« schreit der Schwarzrock mit der weißen Kragenkrempe ins Mikrofon. Und: »Willkommen in Hamburg!« Dann wird ins Schwedische übersetzt. Pastor Erich Faehling muß schreien, denn die Tonanlage beim Motorradgottesdienst scheint beim Teufel zu sein. Biker, die weiter als 300 Meter von der Außenbühne entfernt sind, verstehen kaum ein Wort. »Wer sabbelt jetzt eigentlich da vorne?« entfährt es einem Harley-Fahrer, bevor er in die mitgebrachte Butterstulle beißt. Allgemeines Schulterzucken, bis der Wind dreht. Dann erfahren die Biker abermals, daß hier ein »MoGo« läuft. Wie das ins Schwedische übersetzt wird, weiß freilich nur der Wind. Danach klampft jemand den Biker-Blues, dessen Refrain daran gemahnt, nicht schneller zu fahren, als der Schutzengel fliegen kann. Der Gottesdienst bekommt etwas von der schunkelnden Schlichtheit eines Kegelausflugs. »Ich weiß, ihr seid alle gut drauf«, muntert der Pastor die 25 000 Biker auf. »Aber ich will das auch hören.« Mümmelnd-erzwungener Singsang wie bei »Mainz, wie es singt und lacht«. Und dann die Tagesordnung. Die Polizei darf - noch unverständlicher als der Pastor - die tolle Zusammenarbeit von Bikern und Blaulichtfraktion loben, bevor wiederum der Pastor das Highlight der Show auslobt: Herta, 63, und Hans Kortum, 65, aus Neumünster wollen nach 43jähriger Ehe den Bund fürs Leben noch einmal coram publico absegnen lassen. »Echt geil, Alddä.« Hernach vergaloppiert sich der göttliche Stellvertreter, weil er den Bogen zwischen Marketing-Biker-Deutsch und klerikalem Gepränge nicht ganz schafft. »Gott, Du bist echt gut für uns alle. Fülle uns Tank und Batterie mit Liebe.« Vielleicht sollten die Texter der Agentur »konzept marketing nordelbien«, die dem Pastor dieses Geseire offensichtlich ins Brevier geschrieben haben, eher davon ausgehen, daß »Biker/Innen« einen Wortschatz beherrschen, der über »echt« weit hinausgeht und selbst so lange Komposita wie Motorradgottesdienst umfaßt. Wie dem auch sei, die eigentlich Angesprochenen haben ihren Spaß in und vor dem Gotteshaus. Der Michel ist prallvoll bis auf den letzten Platz, die Straße vom Millerntor bis zum Deichtortunnel mit so viel Motorrad bestückt, daß die Seele jauchzt und die Fachsimpelei erquickliche Blüte trägt. Bei 25 000 Motorrädern und unzählbaren Um-, Aus- und Anbauten wirklich kein Wunder. Ein Wunder hingegen ist der Kommerz, der aus dem MoGo Reibach machen will. Ein Radiosender bedudelt schon im Vorfeld die Biker. Auf der Piste fliegende Händler. Unter ihnen ein paar findige Gesellen, die per Handzettel vom Fahrtraining bis zum schnellen Pneu alles anbieten, was Biker und Innen erfreut. Bloß keine Liebe für Tank und Batterie. Beim abschließenden Motorradcorso Richtung Rockkonzert gab‘s reichlich was zu winken und zu hupen. Und Gott, der mit Sicherheit Biker ist, hat breit gegrinst, als er gesehen hat, wie die Straßen der Hansestadt sich in kürzester Zeit mit so vielen Krädern füllten und die Menschen an den Straßen Richtung Schnelsen sich freuten, als der nicht endenwollende Zug auf die Reise ging. An jedem Bike flatterte ein gelbes Band, als Zeichen der Solidarität und als Verpflichtung zur Verständigung untereinander. Wenn die Veranstalter dann noch zur deutschen Sprache zurückfinden, wird‘s nächstes Jahr wieder okay. Oder aber der MoGo wird vom MoPa zum voll gesponsorten Event hochgemanagt, bei dem dann auch die PA so viel Power hat, daß die MoFa hören können, was der MoPa zu sagen hat.
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