Motorradkuriere in London (Archivversion)

Streetfighter

Londons Motorradkuriere haben viele Gegner: rote Busse, schwarze Taxis, die sich fürchterlich breit machen. Und nun auch noch ISDN & Co - die elektronische Post.

Lassen Sie sich nicht im Straßenverkehr einklemmen”, erklärt eine Stimme mit aggressivem Unterton, »denn per ISDN sind ihre Daten sofort dort, wo sie gebraucht werden.” Der TV-Werbespot zeigt einen Motorradkurier, der von einem roten Doppeldecker-Bus r¸de abgebremst wird und eine gehörige Portion Ruß schluckt. »Mag sein, daß uns durch diese Kommunikationsmittel einige Jobs durch die Lappen gehen”, meint Steve, der für den Kurierdienst XL fährt, »aber alles können sie zum Glück noch nicht durch ihre verdammten Maschinen jagen. Bei Videos und wichtigen unterzeichneten Dokumenten sind wir immer noch am Drücker.” Am Samstag bricht bei Mike’s Bikes Hektik aus. Die freie Werkstatt an der Dye House Lane im Londoner Osten ist ein typischer Wochenendtreffpunkt der Despatch Rider, kurz DRs genannt. Fast 10 000 Motorradkuriere bevˆlkern die Straßen der britischen Metropole. Bei Mike werden ihre Bikes wieder aufgepeppt oder auch notgeschlachtet, wenn eine Reparatur sich nicht mehr lohnt. Die Motorräder, die hier in Reih und Glied vor dem Eingangstor herumstehen, sind alles andere als taufrisch, die Kardanmaschinen vom Typ Kawasaki GT 550 oder die steinalten Honda CX 500 haben die 100 000-Meilen-Grenze schon längst hinter sich gelassen. Für 65 Pfund Verleihgebühr die Woche, zirka 175 Mark, machen sie Kuriere, die keinen Bock ihr eigen nennen, mobil. DRs bekommen die Mopeds nämlich nicht von ihrer Agentur gestellt. Offiziell gelten sie als freie Unternehmer, die ihre Sozialabgaben gefälligst selbst zu löhnen haben, und von dem Transportlohn, den sie einstreichen, nimmt ihnen die Organisation, für die sie fahren, oft 50 Prozent und mehr wieder ab. Das Café nebenan ist brechend voll. W‰hrend ihre Bikes gewartet werden, klˆnen Cosmo, Steve und Eugene, alles alte Hasen, ¸ber die Risiken des Kuriergeschäfts . »Gut, daß ich oft erst beim Empfänger erfahre, was ich da eigentlich befördert habe”, meint Cosmo und schluckt. »Nummer 69, ihr wißt doch, der mit der roten 850er Suzi, hat letzte Woche was Verschärftes erlebt”, wirft Eugene ein und zieht an der Selbstgedrehten. »Er mußte in Nottingham eine schwarze Mamba abholen, die ihm nach einem Sturz schier aus dem Topcase abgehauen w‰re. Aber das Beste kommt noch”, lacht er, »denn eine Streife hat ihn gestoppt, und ´ne Polizeitussi ist prompt von dem Biest gebissen worden. Kein Wunder, nach 60 Meilen in einen Topcase voll schimmeliger Sandwiches und öligen Schraubenschlüsseln, da wäre ich auch stinkig.” Alles grölt. Umgerechnet zwischen 600 und 1000 Mark brutto pro Woche verdient jeder der drei Kuriere - wenn er fünf Tage lang mindestens acht Stunden auf dem Motorrad zubringt und die nächste Strecke immer schon im Kopf hat, die aber auch noch locker umwerfen kann, wenn der Controller per Funk erklärt, daß zusätzlich eine dringliche Sendung aus dem Bankenviertel f‰llig ist. Die drei sind trotz aller Hektik mit ihrem Job zufrieden, im Gegensatz zu Philip aus dem irischen Cork, der schon über zehn Jahre für alle möglichen Kurierdienste gefahren ist und sich für die Zukunft keine Illusionen mehr macht. »Sicher, die Anzeigen in »Motor Cycle News« versprechen viel Geld, aber kaum eine Firma hält das ein. Die Bonusprämien, mit denen gelockt wird, kannst du in den Wind schreiben, wenn du morgens mal zu spät kommst oder einmal in der Woche nicht antreten kannst. Und was bleibt am Schluß übrig? Allein die Versicherungsprämien für Kuriere sind dreimal höher als die von anderen Motorradfahrern.« Der Ire ist verbittert: »Als DR atmest du den ganzen Tag geballte Abgasluft und mußt dich extrem konzentrieren, sonst endest du als Gemüse irgendwo am Straßenrand.« Seit den späten siebziger Jahren, als sich ein kluger Kopf unter dem Helm dieses Geschäft ausdachte, hat sich bei den Kurierdiensten einiges getan. Die unzähligen Streiks der maladen Royal Mail bescherten den Kurierfirmen anfangs einen Boom und ihren Fahrern Arbeit en masse, doch danach kamen mit der massenhaften Verbreitung der Faxgeräte auch schon erste Rückschläge. Etwa 500 Kurierfirmen bedienen heute ihre Londoner Kundschaft. Lange Zeit haftete selbst inzwischen renommierten Firmen wie Security Despatch, Addison Lee, Apollo oder Delta ein mieser Ruf an: Sie galten als Profitgeier, die ihre Streckentarife stets nach Gutdünken und immer zu Ungunsten von Kunden und Fahrer berechneten. Und noch letztes Jahr machten die Londoner Motorradkuriere negative Schlagzeilen, als bekannt wurde, daß Fahrer unter falschem Namen anheuerten, um gleichzeitig Arbeitslosenunterstützung zu kassieren. Um das schäbige Image der DRs aufzupolieren, entwickelte eine Organisation namens Camelot ein spezielles Ausbildungsprogramm für Kuriere. In dem achtwöchigen Kurs lernen arbeitslose Biker, wie man mit Kunden umgeht und sich in der Riesenstadt London orientiert. Zuerst in der Theorie und dann in der Praxis. Motorradmiete, Versicherung und Sprit bezahlt Vater Staat. Camelot ist Englands einzige Motorradkurierschule und bildet jährlich zirka 1000 Biker aus - Streetfighter mit Diplom.
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