MV Agusta-Treffen (Archivversion)

Rot und Spiele

Sie sahen Rot, die MV-Tifosi beim großen Meeting in Birnau am Bodensee. Und äugten scharf auf die neue d’Oro, mit der Cagiva-Boss Claudio Castiglioni ein vergangen geglaubtes Kapitel glorreicher Motorradgeschichte weiterschreiben möchte.

Ganz schön clever, der Claudio Castiglioni. Reiste zum 10. MV Agusta-Treffen des deutschen Markenclubs an und sang das Hohelied auf die dort versammelte Fan-Gemeinde: »Ich freue mich, dass Sie die Tradition aufrecht erhalten.« Perfektes Marketing. Denn der Cagiva-Chef spann sein Garn keck weiter. »Das trägt zum Image und Fortbestand der Marke bei und hilft somit auch beim Neustart von MV Agusta.« Und, was er so nicht sagte: mir, der ich diese Luxusobjekte fabrizieren lasse. Vier der sündteuren d’Oro, Stückpreis 70 000 Mark, fanden den Weg nach Birnau. Zur Freude von Castiglioni, der freilich selbst deren zwei im Schlepptau hatte.Und zum Entsetzen eines konsequent krass traditionalistisch gesinnten Schwaben, der da im klinsmannschen Idiom bruddelte: »Des send doch bloß Cagivas, wo MV druffstoht.« Er fand Widerworte. Garstige gar. Und einen überglücklichen Menschen, den dieses Hickhack überhaupt nicht interessierte: einen Japaner, der nur des MV-Treffens wegen angeflogen und aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Weil diese illustren Kräder, die in Nipponesien etwa so häufig präsentiert werden wie echte van Goghs, nämlich so gut wie überhaupt nicht, in Birnau einfach auf der grünen Wiese rumstanden. Massenhaft, an die 90 waren’s. Der Japaner, der ungenannt sein wollte – einige vermuteten schon: »Der schafft bei Suzuki« -, konnte es nicht fassen. Und beäugte die ruhmreichen Rennmaschinen – die Palette reichte von 125 bis 500 cm³, unter Dominanz der Großvolumigen – und die etwas weniger gloriosen Serienprodukte aus Coscina Costa. Zu denen sich 500er-Weltmeister Umberto Massetti und der langjährige MV-Rennleiter Arturo Magni denn auch viel zurückhaltender äußerten als zu den fabulösen Racern. Von denen sich einige auf einen sportiven Abstecher nach Hockenheim wagten, während die gemäßigte Fraktion sich auf nach Unteruhldingen machte. Pfahlbauten gucken.Samstagabend redeten sich die 170 Teilnehmer aus Deutschland, England, der Schweiz, Italien, Österreich, Frankreich und, logo, Japan, die Tifosi-Köpfe heiß. Was ist original? Wo fängt der Umbau an? Ist das dann noch eine echte MV? Und kann eine d’Oro, die Goldene, eigentlich rot sein? Die Köpfe waren’s definitiv. Nicht die vom Zylinder, versteht sich. Zur Abkühlung der Gemüter ging’s am Sonntagmorgen in die prachtvolle Birnauer Barockkirche. Danach zum Glaubensbekenntnis. Dem an MV Agusta.
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