MV-Agusta- und MZ-Treffen (Archivversion)

Ein Thema, zwei Variationen

Wochenende in Deutschland: ein Markentreffen hüben, ein Bikerfest drüben. Dazwischen: die ganze Welt des Motorrads, mal elitär, mal populär. Aber manchen schmeckt Bier eh viel besser als Sekt – und umgekehrt.

Der schlechteste Ort, an dem ein MV Agusta-Fahrer seine frisch polierte F4 abstellen kann, ist ohne Zweifel das jährliche MV-Treffen. In diesem Jahr kann der Parkplatz des Technik-Museums in Speyer für sich in Anspruch nehmen, als Hort der Ignoranz in die Vereinsanalen einzugehen. Da standen sie dicht an dicht: die normale F4, verschiedene Oro, eine Senna – aber keiner schaute hin. Jedenfalls nicht staunend, bewundernd, wie sonst. »Will der F4-Fahrer im Mittelpunkt stehen, muss er sich anderswo tummeln«, bemerkt Stephan K. aus D. ein bisschen enttäuscht. Und überlegt, ob er nicht doch besser zum MZ-Treffen gefahren wäre.Dass trotzdem so viele F4-Fans nach Speyer kamen, wirft ein gutes Bild auf das Eitelkeitspotenzial der Fahrer und ein noch besseres auf ihr Traditionsbewusstsein. Wer hier dabei ist, feiert nicht unbedingt sich selbst, sondern die Geschichte einer großen Marke und sieht die aktuelle MV-Situation angesichts der durchaus ungeklärten aktuellen Finanzlage wohl zu Recht bestenfalls als Wechsel auf die Zukunft.Das wirkliche, reale Vermögen ist die Vergangenheit. Und in der konnte, wer sich am Samstagmorgen zwischen acht und zehn vor dem Technikmuseum einfand, baden wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher. Egal, ob Werksrennmaschinen der verschiedenen Epochen, ob der erste Vier- oder einer der wenigen Sechszylinder, ob Ketten- oder Kardanantrieb – es war alles da. Fein säuberlich arrangiert, aufgestellt in Reih und Glied, beschienen vom sanften Morgenlicht. Ist selbst Petrus ein MV-Fan? »Gewiss«; sagt Utz Raabe, Vorsitzender des deutschen MV-Clubs und Organisator des Treffens.Angesichts der illustren Runde jener Helden, die sich neben ihren Pretiosen in Speyer einfanden, scheint jedwedes Wunder möglich. Phil Read, Jim Redmann, Umberto Masetti, der langjährige MV-Rennleiter Arturo Magni und der erste MV-Weltmeister überhaupt, Cecil Sandford, der vor exakt 50 Jahren auf der 125er-Bialbero zu Ruhm und Ehre fuhr. Wenn diese grau- bis weißhaarigen Herren liebevoll ihre Hand auf die Vehikel ihrer Erfolge legen, gewinnen selbst Trommelbremsen und Reibdämpfer an der Hinterradschwinge eine Renn-Authenzität, die auch Nachgeborene ehrfürchtig erschauern lässt.Und jene, die in der großen MV-Zeit leibhaftig dabei waren, erst recht. Dass die beim Treffen mit den alten Granden in der Überzahl sind, ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass die anstehende Ausfahrt mit rund 50 Motorrädern ins Schloss zu Schwetzingen führt, wo im Schlossgarten der Sekt gereicht wird. MV Agusta war eben noch nie eine Marke für Otto Normalbiertrinker. Wer daraus schließt, die MVler seien komplett »sophisticated«, liegt jedoch falsch. »Wir halten das Nenngeld mit 35 Euro bewusst niedrig, damit auch jeder mitmachen kann«, erklärt Raabe. Geld aus der Clubkasse und ungenannte Gönner erledigen den Rest, auch wenn die Bedürftigkeit der Teilnehmer angesichts zahlreicher Limousinen auf dem nahen Parkplatz nicht annähernd so groß erscheint wie ihre Liebe zum Objekt.Sei’s drum, ein feiner Zug allemal. Genau wie die Möglichkeit, ihre Schätze dem großen Publikum vorzuführen. Sei es auf dem Domplatz zu Speyer, wo die MV-Gemeinde vor der versammelten Touristenschar parlieren darf, sei es auf dem nahe gelegenen Hockenheimring, wo sie sich tags drauf bei der »Hockenheim Classic« zur Demonstrationsfahrt einfindet.Es beginnt mit dem Schaulaufen der F4 und dem großen Gähnen, darauf folgt die Corsa-Gruppe mit ihren 350er-Zweizylindern und 750er-America aus den siebziger Jahren. Und dann, dann kommt es. Spätestens, wenn sich die Werksrennmaschinen auf ihrem ureigenen Terrain präsentieren, versteht auch der Freundeskreis japanischer Vierzylinder e. V., was die Faszination MV Agusta ausmacht. Die Geräuschkulisse ist unbeschreiblich. Und inmitten dieses voluminösen Klangteppichs von gestern, produziert von drei-, meistens vier- und einmal sechs Zylindern, duellieren sich der 71-jährige Jim Redmann (MV 500) und Ernst Hiller (Gilera, die darf da auch mitfahren), als gäbe es kein Morgen. So, genau so muss es gewesen sein, in den guten alten MV-Zeiten. F4 hin, Brutale her.Szenewechsel: andere Baustelle, anderes Bundesland, weg mit dem Vau, her mit dem Zett. Fast zeitgleich steigt ein paar Hundert Kilometer weiter östlich ein anderes Markentreffen: der Emmenrausch, die große MZ-Fete. Wo’s bei MV gerade noch Sekt und Prosecco aus der Glasflöte gab, fließt bei MZ sächsisches Braustolz: 0,4 Liter zu zwei Euro plus einen als Pfand für den Plastikbecher. Biertrinken gehört zum Bikertreffen wie der Kettenschlauch ans Krad, ans Ost-Krad jedenfalls. Und egal, ob Kutte oder Cordura, Biker sind sie alle. Sie kommen von überall her, aus dem fernen Westen, aus dem nahen Osten, aus Großbritannien, aus Holland, nur nicht aus dem 45 Kilometer entfernten Dresden, denn das versinkt gerade in einem Meer aus Elbwasser und Blaulicht. Ihre Emmen, das sind die zweitaktenden Kultklassiker TS und ETZ. Sie stammen aus den 70ern und 80ern, und so gut wie jede von ihnen blitzt, als hätte sie ihr Fahrer mit der Zahnbürste auf Hochglanz gebracht.Freitagnachmittag: Langsam füllt sich auch der Zeltplatz auf der Wiese gegenüber dem Werksgelände. Immer mehr neuere MuZ und neue MZ und auch Nicht-MZ rollen an: BMW, Guzzi, Japaner, zwei, drei Harleys sind auch dabei. Das Treffen, das eigentlich eher eine Fete ist, geht los: Fünf Euro kostet der Eintritt. Für Motorräder steht eine eigene Einfahrt offen, ist ein riesiger Parkplatz bereit. Für die Zschopauer Bevölkerung gibt’s sogar einen Pendelbus auf das deutlich außerhalb des Städtchens gelegene MZ-Gelände.Freitagabend: Die erste von zehn Bands klettert auf die Bühne vor der Werkshalle. »Born to be wild« werden an diesem Wochenende auch noch andere spielen. An den vier Bierständen bilden sich erste Schlangen. Mit der Dämmerung macht sich so etwas wie Picknick-Stimmung breit und »Nadines Krapfenbäckerei« richtig Umsatz. Guten Absatz finden auch die Thüringer Röster für 1,80 Euro die Wurst. Nur das Innere des Bierzelts ist noch ziemlich luftig. Kein Wunder, der Abend ist lau, und die Wiese vor der Bühne hat Open-Air-Flair.Samstagmorgen: Harte Selbstversorger schmeißen zwischen Klappstuhl und Baghira im Gras den Gaskocher an. Wer den Kaffee bequemer mag, schlappt rüber ins Bierzelt. Gegen Mittag ist’s schlagartig voll, der Emmenrausch setzt zum Höhenflug an. Die Schlange am »Sachsen-Döner« misst stattliche vier Meter. Übers Mikro wirbt der hauptberuflich 17-fache Sandbahnweltmeister und freiberufliche Emmenrausch-Conferencier Egon Müller für Spenden für die Hochwasser-Opfer der Jahrhundert-Flut. Gefeiert wird trotzdem. Auf der Gaudi-Rallye starten rund 80 Motorräder zu einer Art großen Schnitzeljagd rings um Zschopau mit abschließendem Mohrenkopf-Wettessen. Der Schnellste wird am Schluss zwei in fünf Sekunden schaffen – ohne Hände.Im Minutentakt starten an der Anlieferungsrampe der Montagehalle Werks-Führungen, geleitet von je einem der insgesamt 280 MZ-Mitarbeiter. Wer mit will, muss zum Teil lang Anstehen. Das Interesse ist unter den Bikern genauso groß wie unter den Nachbarn. Doch von letzteren betrachten manche die Montagelinie der 125er-Viertakter oder des E-Rollers Charly mit sehr gemischten Gefühlen: Knapp 3000 Zschopauer verloren nach der Wende ihren Job bei MZ.Marcel aus dem nahen Pfaffroda war damals gerade zehn. Seine auf Hochglanz polierte TS 150 hat er von einem Onkel geerbt. »Wir, die wir in der Gegend wohnen, sind stolz auf MZ«, sagt er. »Immerhin etwas, was von früher überlebt hat.« Als er die auf der Werksführung wie eine heilige Kuh zur Schau gestellte 1000er-MZ mit dem selbst entwickelten Zweizylinder sieht, murmelt er: »Die muss laufen. Sonst war’s das.« Glauben jedenfalls die, die in der Gegend wohnen.Samstagabend: Der Altersschnitt hat sich deutlich gesenkt, die Picknick-Atmosphäre ist einer Volksfest-Stimmung gewichen, es herrscht ein bisschen Zahnspangen-Alarm. Vielleicht nicht unbedingt die künftige MZ-Kundschaft. Aber wer weiß? Und wo sonst kann man »Die Prinzen« für fünf Euro live erleben? 17000 singen am Ende mit, dass sie so gerne Millionär wären. Unter ihnen muss auch der Fahrer einer MV Agusta F4 gewesen sein. Der einzigen, beim Emmenrausch. Aber immerhin – ein Anfang. Und könnte ja sein, dass Stephan K. aus D. beim nächsten Mal auch dabei ist.
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