Nachruf Joey Dunlop (Archivversion)

Farewell Joey

Der King of the Roads starb auf der Straße. Bei einem Rennunfall in Estland.

Sonntag, 2. Juli, Tallin/Estland. Straßenrennen. Nieselregen. Joey Dunlop zieht seiner Honda RS 125 vorn einen Regenreifen auf, entscheidet sich hinten für Intermediate. Hofft bei abtrocknender Strecke auf einen Vorteil gegenüber der durchweg auf Nummer Sicher, auf Rillen, setzenden Konkurrenz. Die braucht er eigentlich nicht zu fürchten. Beim Supersport-Rennen am Samstag und im Superbike-Lauf am Sonntagmorgen hat er sie klar distanziert. Aber Joey geht immer aufs Ganze. Er kann nicht anders. In einer Kurve rutscht das Hinterrad weg, Joey knallt gegen einen Baum, ist sofort tot. Der 48-Jährige hinterlässt Frau und fünf Kinder. »Joey starb bei der Sache, die er am meisten liebte auf der Welt«, tröstet sich Superbike-Champion Carl Fogarty, einer von Joeys größten Fans. Die englische und irische Radio- und TV-Stationen unterbrechen ihr Programm. Für einen Helden, der nie einer sein wollte. Für den berühmtesten, den beliebtesten Motorradrennfahrer auf den britischen Inseln. Und nicht nur dort.Seinen Ruhm verdankt Joey einem einzigen Rennen. Der Tourist Trophy, diesem 62 Kilometer langem Wahnsinnskurs auf der Isle of Man. Der jedes Jahr seine Opfer fordert. Auf den sich der Grand-Prix-Zirkus schon lange nicht mehr traut. 26 Mal hat er dort gewonnen, erstmals 1977, zuletzt 2000. Platz eins. Gefolgt von einem gewissen Mike Hailwood mit 14 Siegen.Lange Jahre schipperte der Nordire aus Ballymoney auf einem alten Fischkutter kostengünstig rüber zur Isle of Man. Bei einem dieser Trips, anno 1985 soll es gewesen sein, haute Joey bei rauer See für die Crew und sich ein paar Koteletts in die Pfanne. Justament als sein Bruder Robert in die Kombüse kam und ihn fragte »Ist da auch genug Salz dran?«, begann die Nusschale zu sinken. Joeys einziger Kommentar: »Jetzt sollte es wohl reichen, oder?«Für Joeys Verhältnisse eine veritable Rede. Er sprach nie viel. Hatte den Ruf des legendären Schweigers weg, der selbst nach triumphalen Siegen bescheiden und in sich versunken an der Bar des Pressezentrums stand, Zigarette in der einen, Bier in der andern Hand. Das Rauchen hat er vor fünf Jahren aufgegeben, das exzessive Trinken auch. In seinen frühen Jahren konnte Joey bis vier Uhr morgens zechen und am selben Tag noch Rennen gewinnen. Ein echter Ire eben, der in seiner Heimatstadt Ballymoney im County Antrim den Pub am Bahnhof, The Railway Tavern, betrieb. Er sagte auch nicht viel, als er seinen dezent angerosteten Renntransporter mit Medikamenten, Klamotten, Spielzeug belud und auf den Balkan fuhr. In der Glotze hatte er Bilder vom Elend der Kinder in den Bürgerkriegsregionen gesehen. Die ließen ihn nicht mehr los, da musste er was tun. In Bosnien lauerten ihm auf einer seiner Touren Soldaten auf, wollten irgendwelche Passierscheine sehen, die er natürlich nicht hatte. Als der Oberbefehlshaber, zu dem sie ihn schleppten, Joey sofort erkannte, war er wohl zum ersten Mal in seinen Leben wirklich stolz auf seinen Ruhm. Gegen das Versprechen, ihm Rennplakate, Programme und Autogrammkarten zu schicken, ließ der Warlord Joey weiter ziehen. Für seine humanitären Aktionen hat ihm die Queen den Titel eines Officer of the British Empire verliehen.Im Fahrerlager trug der Officer liebend gern ‘nen antiquarischen Jogginganzug unter der obligatorischen Teamjacke, ließ sich das grau gewordene Haar versträhnt in die Stirn fallen. Einer von der alten Garde, der auf Äußerlichkeiten keinen Penny gab. Einer, der seinen Sport lebte, nicht zelebrierte. Dessen feingliedrige, immer schmutzige Finger grandioses Schraubertalent verrieten. Der äußerlich einen völlig teilnahmslosen Eindruck machte, dessen Augen aber auch Mitte 40 noch leuchteten wie die eines Kindes, das sich noch wirklich freuen, begeistern kann. Der ein anderer Mensch wurde, wenn er auf dem Motorrad saß und seine 168 Zentimeter mit den Honda verwuchsen, denen er – und auch das ist für einen Rennfahrer bemerkenswert - die letzten 20 Jahre die Treue hielt. Nach seinem Tod haben die Fans Joeys Kneipe zur Gedenkstätte umdekoriert. Wenn Joey das sehen könnte, würde er sich im Grab umdrehen. Und wieder mit dem Rauchen anfangen.
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