Neue Motorradbücher (Archivversion)

Zu Buche geschlagen

Für lange Winterabende: Die bunte Welt des Motorrads zwischen Buchdeckel gepresst – ein Potpourri vom Reiseführer über den Rockerbildband bis hin zur Typenmonographie.

Erwin Tragatsch: Berühmte MotorräderSchon mal was von Levis gehört? Nein, nicht die Jeansmarke. Levis-Motorräder! Zweitakter aus England. Kennen heutzutage nur noch Spezialisten. Oder die Leser von »Berühmte Motorräder«, einem Reprint der legendären vier Bändchen, die der 1984 verstorbene Motorradhistoriker Erwin Tragatsch Anfang der 80er Jahre veröffentlicht hatte - herrlich altmodisch aufgemacht, mit üppig Text, vielen Schwarzweißfotos und Zeichnungen, die oft beredter sind als knallige Hochglanzfotos. Tragatsch schreibt sich durch die Gesichte von insgesamt 85 Motorradherstellern, heute noch bekannte wie MV Agusta, Honda und Husqvarna, vergessene wie ABC, Bayer oder UT, legendäre wie BSA, Indian, Brough Superior. Also ein Lexikon? Eher eine Enzyklopädie. So ausführlich und kompetent stellt der 1984 verstorbene Tragatsch epochemachende Konstruktionen, Flopps und schnöden Durchschnitt vor. Motorbuch Verlag, 719 Seiten, 49,80 Mark, ISBN 3-613-02038-6. Erhältlich auch beim Motor-Presse-Spezialverkauf, Telefon 0711/182-2424.Moritz Holfelder: MotorradfahrenPersönliche Geschichten erzählt Moritz Holfelder in seinem Bändchen Motorrad fahren, das in der dtv-Reihe Kleine Philosophie der Passionen erschienen ist. Von seinem Einstieg ins Bikerleben bis zur Faszination, die Kräder auf ihn ausüben, schreibt er so locker und flüssig, dass es Spaß macht, das Buch in einem Zug zu lesen. Ob philosophische Gespräche mit dem Schriftsteller John Berger über die Intensität der Erlebnisse beim Fahren, eine fantasieanregende Geruchstour durch Bayern oder eine Reise nach Italien auf Goethes Spuren - Moritz Holfelder weiß, wie man unterhält. Dass Goethes Weisheiten auch auf Motorräder wie Ducati oder Guzzi passen, ist ein hübscher Einfall. Wer wissen möchte, warum man beim Bremsen unfreiwillig eine Bohne zermahlt, oder wo sich bei der BMW K 1200 LT das Eisfach findet, sollte sich das Buch an einem Winterabend zu Gemüte führen.dtv, 119 Seiten, 15,50 Mark, ISBN 3-423-20363-3.Klaus H. Daams: Motorrad Guide Nordrhein-WestfalenVor fast einem Jahrzehnt halfen sie, die Edition Unterwegs von MOTORRAD aus der Taufe zu heben, später schrieben sie Guides für Inline-Skater. Und nun wieder für Biker. Back to the roots also? Nein, MOTORRAD-Fotograf Klaus H. Daams und die Essener Werbeagentur Pecher & Böckmann haben dem edlen, zurückhaltenden Editions-Outfit entschieden den Rücken gekehrt und sich einem schrillen und von vielen Fotoshop-Klicks geprägtem Auftritt zugewandt. 20 Tourenvorschläge stellen sie in dem 131 Seiten starken Ringbuch im Tankrucksackformat vor. Auf beschreibende Texte wird größten Teils verzichtet; Landkarte, Roadbook sowie Listen mit Info-Adressen, Sehenswürdigkeiten, Motorradtreffs und Hotels müssen reichen. Eine interessante Idee, doch mit Schwächen bei der Umsetzung. Der Band ist unübersichtlich, die Infos zu lieblos-spröde aufgelistet. Auch der optische Mix aus verfremdeten und originalen Fotos überzeugt nicht völlig. Dennoch hebt sich die jugendliche Aufmachung des Buchs wohltuend vom sonst eher biederen Einerlei der Tourenführer ab. Klartext-Verlag, 131 Seiten, 24,80 Mark, ISBN 3-88474-859-9. Stephan Fennel: Die schönsten Highways der USAKeiner braucht sie wirklich, doch alle schauen gerne rein: in die Hochglanz-Prachtbände für USA-Cruiser. Nicht gerade ein brennend neues Thema, aber ideal zum Träumen auf der Couch. 50 Highways hat Autor Stephan Fennel in den USA abgeklappert und auf 128 Seiten großvolumig zusammengefasst. Doch leider nur mit mäßiger Überzeugungskraft. Obwohl Fennel neben den Klassikern wie der unvermeidlichen Route 66 und dem Highway One auch weniger bekannte Strecken vorstellt, vermasseln die oft langweiligen und aufgeblasen wirkenden Bilder immer wieder den Auftritt. Und die mageren Texte reißen’s ebenfalls nicht raus. Verlag Bruckmann, 128 Seiten, 49,90 Mark, ISBN 3-7654-3481-7.Dieter Langbein: Yamaha XS 650 – Technik, Typen, Tuning, Tricks und TippsWer sich für den alten Yamaha-Parallel-Twin interessiert, kommt um dieses Basiswerk von Dieter Langbein kaum herum. Auf 202 Seiten beschäftigt er sich ausführlich mit allen nur denkbaren Aspekten der Maschine. Von den ersten Prototypen der XS 1 arbeitet er sich akribisch bis zu den letzten US-Custom-Softchopper-Modellen durch. Im Technikkapitel erläutert er mit alten Fotos und Explosionszeichnungen präzise die einzelnen Bauteile. Darauf folgt ein profunde Wissenssammlung über deren Verbesserungs-, Restaurations- und Tuningmöglichkeiten. Eine Bibliographie, ein Sportteil sowie ein umfangreiches Experten-Adressbuch runden das gelungene Buch ab. Test & Technik Verlag, 202 Seiten, 69 Mark, ISBN 3-932563-09-3.Frank Rönike: DDR-MotorräderEigentliche eine blendende Idee, kurze Einführungstexte mit einem Wust von Bildern zu kombinieren, die fast allesamt firmeneigenem Prospektmaterial oder der Werbung entnommen sind. Technikfreaks bieten die nach diesem Schema konzeptionierten Bände aus der Reihe »Schrader-Motor-Chronik« folglich recht wenig, zeitgeistig orientierten Motorradfahrern dagegen recht viel. Die schwelgen entweder in den eigenen Erinnerungen oder laben sich – wie im Fall DDR-Motorräder – an einer Ästhetik, die auch Westlern nicht fremd sein dürfte. Denn bis Ende der 60er Jahre, das zeigt dieses Werk für den Osten, lagen die Vorstellungen, wie Motorräder präsentiert werden, in BRD und DDR nicht allzu weit auseinander. Prädikat: spießig, herrlich kitschig und rezent erotisch verklemmt. Schrader Verlag, 126 Seiten, 49,80 Mark, ISBN 3-613-87203-X. Erhältlich auch beim Motor-Presse-Spezialverkauf, Telefon 0711/182-2424.Das MZ-KultbuchKult, kultig – Wörter, die inflationieren, die kein Mensch, der noch alle Sinne beieinander hat, ruhigen Gewissens benutzen kann. Es sei denn, mit ihnen wird gespielt. Wie im »MZ-Kultbuch«. Das definiert schon auf der ersten Seite, was Sache ist: »Kult, der; -[e]s, -e [lat. Cultus = Pflege, Bildung, Verehrung], an feste Formen, Riten, Orte, Zeiten gebundene religiöse Verehrung einer Gottheit durch eine Gemeinschaft.« Und dann geht’s los: mit Witz, Selbstironie und brillanten Fotos in einem nicht weniger brillanten Layout. Einziges Manko an diesem ausgezeichneten Büchlein aus dem Hause MZ: das Vorwort von Geschäftsführer Petr-Karel Korous. Der schreibt tatsächlich allen Ernstes: »Es lebe der Kult!«MZ, 12,55 Mark, bei allen MZ-Händlern oder www.muz.de. Erhältlich auch beim Motor-Presse-Spezialverkauf, Telefon 0711/182-2424.Ray Knight: Joey Dunlop – a tributeKeine Bange, dieses Buch ist kein Schnellschuss, um nach dem tragischen Tod des King of the Road und 26-fachen TT-Siegers die schnelle Mark, sorry: das schnelle Pfund zu machen. Autor Ray Knight, der selbst schon auf der Isle of Man triumphiert hat, trug bereits seit zehn Jahren Material für eine Biographie des nordirischen Nationalhelden zusammen und war mit seinem Manuskript fast fertig, als ihn die Nachricht vom tödlichen Unfall Dunlops in Estland ereilte. Kleiner Kritikpunkt: Der private Joey - der Familienmensch, der Raucher, der Trinker, der Schweiger, der uneitle Helfer in der Not – tritt hinter dem Rennfahrer Joey etwas zu stark zurück. Dennoch: Mehr und Besseres über Joey gab’s noch nie. Englischer Text, 216 Seiten, 15 Pfund (zirka 50 Mark) plus Versand, zu bestellen bei Mortons Motorcycle Media, PO Box 99, Horncastle, Lincolnshire, LN9 6 LZ oder mwheeler@mortons.co.ukMichael L. Upright: One PercentAndy Warhol quatschte penetrant davon, dass jeder einmal Held sein wolle, und sei’s nur für ’ne Viertelstunde. Wie recht der Mann doch hatte, der, wenn er nicht gestorben wäre, jeden Tag »Big Brother« glotzen würde. Intellektuelle haben eben so ihre Probleme mit der Populärkultur. Entweder sie lehnen sie strikt ab, oder sie hieven sie in geschichtsphilosophische Sphären. Fotograf Upright gehört zu letzterer Kategorie. Und lichtete also dicke Männer in Kutten ab, die Bier trinken, Harley fahren und ihre Mädels mit T-Shirts samt dem Aufdruck »Property of Outlaws MC« beglücken. Mann, sind das Helden, und das nicht nur für einen Tag. Alles in nachdenklichem Schwarzweiß, versteht sich, nett künstlerisch und dennoch irgendwie putzig. Delius Klasing - Edition Moby Dick, 86 Seiten, 39,80 Mark, ISBN 3-89595-160-9. Andreas Hülsmann: Auszeit – 25000 Kilometer durch SüdamerikaSechs Monate gönnt sich der Autor, von der Routine des Alltags zermürbt, um seinem Leben wieder einen Kick zu geben. Er folgt seiner Sehnsucht, fährt durch Argentinien, Uruguay, Brasilien und Chile, tauscht Bett gegen Schlafsack, Alltag gegen Abenteuer, räumliche Enge gegen geografische Weite. Der uralte Traum von der Freiheit also. Dass diese Freiheit aber auch Ecken und Kanten hat, dass man mit Heimweh, Schlaglöchern und Dauerregen genauso zu kämpfen hat wie mit dem Versuch, die Weite Patagoniens oder die weltfremde Schönheit fast 5000 Meter hoher Andenpässe zu begreifen, davon erzählt dieses Buch. Man liest, stolpert über keine großartigen Höhepunkte und stellt trotzdem fest: Es gehört zum Besten, was derzeit in diesem Genre auf dem Markt ist.Highlights-Verlag, 320 Seiten, 39,80 Mark, ISBN 3-933385-12-1.
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