Neuer Hockenheimring (Archivversion)

Im Osten was Neues

Nicht nur die Ostkurve ist nicht wieder zu erkennen. Die WM-Stars Jörg Teuchert, Christian Kellner und Steve Jenkner fuhren für MOTORRAD die allerersten Zweirad-Runden auf dem völlig veränderten Hockenheimring.

Der Osten ist nicht mehr wie früher, viele finden das gut, andere weniger. Was für unsere Republik im Ganzen gilt, hat nun auch in Hockenheim tiefere Bedeutung.Die legendäre Ostkurve, die den Motorrad-Rennfahrern bei bis zu 200 km/h alles abverlangt hatte, wird, nur noch eine Furche im Wald, nach Aufforstung auf natürliche Weise allmählich ganz verschwinden.Aber es gibt Ersatz auf dem außerhalb des Motodroms völlig neuen Hockenheimring-Baden-Württemberg, wie die Anlage als dezenter Hinweis auf die rund 30 Millionen Euro Umbau-Zuschuss durch den Südwest-Staat ab sofort heißt. Die neue Kehre am östlichen Ende trägt zwar nicht den großen alten Namen, lässt aber nicht weniger Spektakel erwarten als ihre Vorgängerin, allerdings mit anderen Vorzeichen.Mit Vollgas, also knapp 300km/h, fliegt das Rennmotorrad auf eine Rechtskehre zu, »die dich auf Null herunterzwingt«, wie sich Supersport-Exweltmeister Jörg Teuchert drastisch ausdrückte, der wie sein Yamaha-Deutschland-Teamkollege Christian Kellner und 125er-Grand-Prix-Held Steve Jenkner für MOTORRAD die Erstbefahrung des neuen Hockenheimrings vornahm. »Ein typsiches Formel-1-Eck«, so Teuchert weiter, »für uns Motorradfahrer sehr unharmonisch. Im Rennen kann es durch das brutale Bremsen aber spannend werden.«Steve Jenkner, der auf der neuen Strecke auch noch seine Jungfernfahrt auf der sonst von Ralf Waldmann gefahrenen Aprilia RSV 250 seines UGT-Abruzzo-Teams unternahm, war völlig perplex: »Irgendwie fürchte ich jedes Mal, dass ich da gar nicht rumkomme, schon vom Lenkeinschlag her.«Spannende Rennsituationen erwartet auch Christian Kellner: »Da es durch den brutalen Geschwindigkeitsunterschied zwischen der Geraden davor und der Kehre eigentlich keine Ideallinie gibt, wird es hier zu zahlreichen Ausbremsmanövern kommen. Wegen der großen asphaltierten Auslaufzone tust du dich aber schwer, Orientierungspunkte zu finden. Du fühlst dich wie auf einem Flugplatzrennen.«Gemischte Gefühle der Motorradcracks also, was das neue Wahrzeichen des Hockenheimrings angeht. Man könnte der Spitzkehre aber auch aus dem Weg gehen. »Wir haben für internationale Motorradrennen neben der Formel-1-Strecke auch eine leicht verkürzte Variante mit einer flüssigeren Doppelrechts statt der Spitzkehre homologiert«, erklärt Hockenheimring-Geschäftsführer Dieter Herz, stößt aber bei Meister Teuchert auf wenig Gegenliebe. »Die Abkürzung ist langweilig, da bevorzuge ich dann doch die Spitzkehre.«Wenn’s gilt, wollen die Zweirad-Cracks also doch aufs Ganze gehen, zumal der Top-Speed-Abschnitt vor dem kontroversen Eck wiederum auf allgemeine Zustimmung trifft. »Die lange Vollgaslinks erinnert dich wie ein spiegelverkehrtes Zitat der Waldgeraden daran, dass du noch in Hockenheim bist, und macht sehr viel Spaß«, so Teuchert. Auch Christian Kellner zeigt sich angetan: »Der am Anfang engere Radius macht stetig auf, da musst du im richtigen Moment herzhaft ans Gas gehen.«Eine weiteres neues Hockenheim-Markenzeichen sieht Champion Teuchert vor allem aus den Augen der Fans: »Die neue Mercedes-Tribüne bietet einen wunderbaren Ausblick auf den kompletten neuen Streckenteil. Die ebenfalls sehr hart anzubremsende Linkskurve direkt davor dürfte zum Überholen weniger einladen, als es scheint.«Von den eher feinen Änderungen im Motodrom gefällt Christian Kellner vor allem die neue Nordkurve. »Die ist viel flüssiger als früher.« Er fährt fort: »Der neue Hockenheimring ist sehr Formel-1-orientiert, aber trotzdem besser als der Lausitzring.«Dies wird Streckenmanager Herz gern hören, bemüht er sich doch für seine nach dem Umbau 120000 Zuschauer fassende Anlage intensiv um einen zweiten deutschen Motorrad-GP neben dem Sachsenring, mit viel besseren Chancen aber um eins der beiden deutschen Superbike-WM-Rennen 2003, das er etwa dem insolventen Eurospeedway ausspannen müsste.
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