Neuzulassungen 1997––––– (Archivversion)

Marktforschung–––––

Honda hat Suzuki vom ersten Platz verdrängt. Yamaha führt bei den Leichtkrafträdern. Was hat sich 1997 sonst noch im Motorradmarkt getan?

Seltsam. Der Jubel bleibt aus. Wo doch aller Grund zum Feiern wäre. Denn die Zweiradbranche meldet für 1997 einen neuen Rekord: Insgesamt 313 973 neu zugelassene Motorräder, Leichtkrafträder und Roller über 50 cm³ bedeuten das beste Ergebnis seit den 50er Jahren. Den größten Brocken am Zuwachs von 15,5 Prozent schaffen die Achtellitermaschinen. 70 575 verkaufte Leichtkrafträder 1997 stehen 40 426 im Vorjahr gegenüber. Das macht ein Plus von 74,6 Prozent. »Die rollen wie warmes Brot«, sagt Suzuki-Marketingchef Bert Poensgen. Und was noch besser klingt: Auch bei den Motorrädern sieht´s mit 186 082 neu zugelassenen Maschinen und einem Mehr von fünf Prozent rosig aus. Doch selbst beim Industrieverband Motorrad (IVM) keimen Zweifel. Hauptgeschäftsführer Dr. Hubert Koch unkt: »Wir dürfen nicht immer nur die absoluten Verkaufszahlen sehen. Wie bei jeder wirtschaftlichen Unternehmung müssen nicht nur die Umsätze stimmen, sondern auch die Renditen, und zwar sowohl bei den Herstellern und Importeuren als auch bei den Händlern.« Wobei unter den Herstellern nur Harley-Davidson über ein Minus klagt, und zwar aufgrund von Lieferproblemen der amerikanischen Mutter. Sowohl BMW als auch die Importeure der drei führenden japanischen Marken, Honda, Suzuki und Yamaha, sind überaus zufrieden gestimmt. Der Yen-Kurs ist niedrig, der Einkauf deshalb wesentlich billiger als noch vor ein paar Jahren, was bei großen Stückzahlen Millionen einspart. Uneins sind die drei jedoch darüber, wem der erste Platz gebührt. »Honda wollte Marktführer werden. Koste es, was es wolle«, mäkelt Bert Poensgen von Suzuki. »Es war outstanding, daß wir so aggressiv vorgingen«, räumt der Pressesprecher von Honda, Klaus Wilkniß, ein. Rechtzeitig zum 50-Jahr-Jubiläum glänzen die Offenbacher zum ersten Mal seit 1987 wieder auf dem Siegertreppchen. Suzuki - jahrelang unangefochten an der Spitze - folgt knapp dahinter und Yamaha liegt auf Platz drei. Allerdings kann, wer will, auch Yamaha als die Nummer eins betrachten. Weil deren 56 520 Motorräder und Leichtkrafträder zusammen die 55 002 von Honda knapp schlagen. Im Gegensatz zu den Importeuren leiden jedoch die Chefs der Händlerverbände von Kawasaki, Suzuki und Honda unisono: mehr Stückzahlen auf dem Papier, aber geringere Gewinnspannen. An ihren Margen knabbere der jeweilige Importeur tüchtig. »Die Leidtragenden des Verdrängungswettbewerbs sind die Händler«, urteilt Bernhard Gaidosch, stellvertretender Vorsitzender des Verbands deutscher Honda-Händler.Schon weil die Japaner im Kampf um Marktanteile neben Preisnachlässen für einzelne Modelle auch Billigstkredite für den Kauf auf Pump anbieten. Seit Januar 1997 unterbieten sie sich gegenseitig mit effektiven Jahreszinsen zwischen 0, 69 und 0,99 Prozent. Immerhin 40 Prozent der Yamaha- und 25 Prozent der Suzuki-Fans ließen sich durch Finanzierungsmodelle locken. Allerdings zahlen beide drauf, Importeure und Händler. Denn der reale Bankzins liegt zumindest knapp über sieben Prozent. Für Bert Poensgen kein Problem: »Was sind dreieinhalb Prozent in der Weite des Universums?« Bei den Händlern scheint die kalkulatorische Schmerzgrenze spätestens dieses Jahr bei einem Angebot von 0, 49 Prozent, null Mark Anzahlung und bis zu knapp vier Jahren Laufzeit für Neufahrzeuge erreicht. »Dafür müssen alle bluten«, sagt Georg Suhrau, Vorsitzender des Suzuki-Händlerverbands. Der Motorradmarkt soll denn auch mit zweistelligen Millionensummen subventioniert sein. »Ich halte diese Zahl für realistisch«, meint Antje Woltermann. Die Geschäftsführerin beim Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK) verurteilt das Gefecht um Platz eins als ruinösen Wettkampf, der ganz dem schlechten Vorbild der Automobilbranche folge. Bert Poensgen allerdings hält beide Vorwürfe, Zinssubventionen und Händlerelend, für unrichtig: »Den unseren ging es noch nie so gut.« Eine seit Jahren bewährte Methode, die Statistiken zu schönen, sind Kurzzulassungen. »Mit solchen Tricks wird gearbeitet«, gibt Karlheinz Vetter, Pressesprecher von Yamaha, zu. Allein im Dezember 1997 sind 54 Prozent mehr Motorräder als im Vorjahr neu angemeldet worden. Doch vergangenes Jahr will´s keiner gewesen sein. Wenn überhaupt, drehe es sich um Vorführmaschinen, so die Importeure. »Zehn Prozent der Honda, die in den Neuzulassungslisten auftauchen, stehen unverkauft bei den Händlern«, schätzt dagegen Bernhard Gaidosch. Die Kunden wiederum freut´s. Denn solche Motorräder werden verschachert. Zum Beispiel eine Honda CA 125 Rebel, die ein Regensburger jetzt fabrikneu, aber mit Tageszulassung, für 5299 statt 6745 Mark offeriert. Nur der, der das gleiche Moped gerade teurer erstanden hat, ist stinksauer. »Zu Recht«, findet Antje Woltermann. Trotz allem glaubt niemand, daß der Motorradabsatz urplötzlich gnadenlos absackt. Eine Stabilsierung auf hohem Niveau erwartet Yamaha. Tendenziell finden sich Chopper und klassische Straßenmotorräder im Aufwind. Die allermeisten Motorradfahrer bevorzugen denn auch eher die Mittelklasse zwischen 500 und 750 cm³. Voriges Jahr legten jedoch Motorräder über 750 cm³ überproportional zu, Supersportler wie die TL 1000 S und Chopper wie die Yamaha Drag Star fanden mehr Fans als zuvor. Grundsätzlich bleibt´s spannend. Suzuki will Marktführer werden und Honda den Platz an der Sonne nicht aufgeben.
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