Oma macht Motorrad-Führerschein (Archivversion)

Neu geboren

Alter schützt vor Motorrad nicht. Das beweist Powerfrau Irmgart Grewing aus Marbach am Neckar und macht im Alter von 65 noch ihren Einser. Zur Freude ihrer Enkel.

Rotterdam im Juni. Gott, was für ein Morgen. Nebel, Nieselregen, Sichtweite zehn Meter. »Fahr zu, wir müssen die Fähre zur Isle of Man noch erwischen.« Hektik. Eine fremde Stadt. Orientierungslosigkeit. Eine rote Ampel. Ein Aufprall. Irmgart Grewing rammt den Vordermann, reißt ihn um, beide stürzen. Damit nicht genug. Auch der nachfolgende Fahrer gibt sich die Ehre, vergrößert den Trümmerhaufen. Man rappelt sich auf, schüttelt den Schreck aus den Gliedern. Kurze Bestandsaufnahme - alles noch fahrbereit. Die Isle of Man wartet. Die Fähre nicht. Auf geht’s. Dort angekommen, ist die Ernüchterung groß. Irmgart Grewings Kawasaki EL 250 hat den Crash nicht überlebt. Rahmenbruch. Während die Maschine die Weiterreise auf dem Abschleppwagen antritt, nimmt sie selbst auf dem Sozius ihres Mannes Platz. Doch die Gedanken sind bei ihrer Maschine. Spätestens in drei Wochen wird sie wieder selbst fahren.- Selbst fahren. Für eingefleischte Zweiradfans die gewöhnlichste Sache der Welt. Für Irmgart Grewing auch. Mit einem Unterschied: Ihren Führerschein bestand sie eine Woche vor ihrem 66ten Geburtstag. »Eines meiner schönsten Geschenke«, gibt sie zu. »Das Fieber«, wie sie es nennt, brachte ihr Mann Klaus mit in die Ehe. »Neben seinen drei Motorrädern und zwei Paar getragenen Socken.« Schon beim ersten Rendezvous parkt eine 250er DKW vor der Tür. Drei Jahre später geht es auf Hochzeitsreise. Natürlich auf dem Krad, einer 250er Triumph. Doch diese schüttelt einen Kolbenring-Stift ins Pleuellager. Motorschaden. Ende der Hochzeitsreise. Nach der Geburt ihrer drei Kinder entdecken die Grewings ihre Leidenschaft fürs Segeln. Sie verkaufen ihre Motorräder, doch das Zweiradflair ist stetig präsent: Klaus Grewing arbeitet als Konstrukteur bei Kreidler. Irmgart Grewing macht neben der Meisterprüfung zur Schneiderin noch ihren Segelschein, später, im Alter von 31, den Autoführerschein. Ihre Kinder wachsen heran, sie arbeitet als Berufsschullehrerin. 1973 genehmigt der Familienrat dem Vater wieder das erste Krad. Eine Honda CB 500. »Zuerst sind wir heimlich gefahren, wenn die Kinder schliefen«, erinnert sich Frau Grewing. Doch die Liebe zum Zweirad bleibt kein Geheimnis. 1992 kommt Klaus Grewing nach einer Probefahrt auf einer Honda ST1100 mit einem Kaufvertrag zurück. Die ST1100 trägt die beiden über zahlreiche Grenzen Europas. »Ich mußte permanent dagegen ankämpfen, nicht einzuschlafen«, sinniert Frau Grewing. Außerdem: »Männer reagieren in vielen Situationen anders als Frauen. Da hilft kein Meckern sondern besser machen.« Mit der Neuregelung zum 1.1.96 bekommt die ST eine kleine Schwester. Irmgart Grewing will es wissen, gönnt sich eine Honda CB 125. Doch mit 63 sind die wilden Zeiten passé. Besonnenheit ist angesagt. »Ich bin bei meinem ersten Sicherheitstraining so langsam gefahren, daß die Kerzen verrußten - Und mindestens einmal pro Woche gestürzt.« Auch die 15 schwachbrüstigen PS bei 10500 U/min haben ein Manko: »Ich hatte Blutblasen am Daumen vom Gasgeben.« Über zweitausend Kilometer wringt sie der kleinen CB aus den Kölbchen, dann will sie mehr. Den Führerschein eins. Ihr Mann stellt sich stur dagegen: »Ich wollte schließlich noch länger etwas von ihr haben«. Ihre Kinder sind begeistert. Die sechs Enkel ebenso. Einer besonders. Er fährt seit vier Jahren Jugendtrial: »Oma, dann zeige ich dir, wie man Wheelies fährt.« Doch das kann sie schon. Ungewollt. Die theoretische Prüfung absolviert sie mit null Fehlern. Bei der Praxis hapert es zu Beginn. »Ich habe irgendwann aufgehört, meine Fahrstunden zu zählen«, sagt sie. Aber nach sechs Monaten ist es dann endlich soweit. Irmgart Grewing besteht ihren Führerschein im Alter von 65 Jahren, kauft im Anschluß daran eine EL 250. Heute, ein Jahr danach, hat sie über 8000 Kilometer abgespult. Odenwald, Sudetenland, Schwarzwald. »Das schönste am Fahren ist die Illusion der Freiheit.« Die Tatsache, dass sie immer noch sportlich aktiv ist und ihre Nerven »heute stärker belastbar sind, als vor 20 Jahren«, trägt sicher dazu bei, sich täglich neuen Herausforderungen zu stellen. Vor allem aber ihr Lebensmotto: Neue Wege beginnen dort wo du stehst. Jeden Tag.
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