Ozonverordnungen 1998––––– (Archivversion)

Lachgas–––––

Wer bei einer Kontrolle nicht gerade sagt: »Ich war Zigaretten holen«, kann weiterfahren. Meint die Gewerkschaft der Polizei, die Ozon-Alarm als Verwaltungsposse abtut.

»Wie jetzt ... Ozon-Alarm??« Sabine Ruckelshausen war verwirrt. Aber nicht nur sie. Auch ein Herr bei der Zulassungsstelle in Hannover schien vom Ozon schon ganz benebelt. Motorräder seien reine Freizeitgeräte, behauptete er, und müßten deshalb während eines Fahrverbots in der Garage bleiben. Ob mit oder ohne Kat. Das hat Jürgen Seeger zu hören bekommen. Doch der BMW-Pilot Lutz Schreider wußte was anderes: »Ziegelsteine dürfen weiter fliegen!« Und Jens Sperveslage fragte im MOTORRAD Online-Forum zart an: »Was ist eigentlich mit Motorrädern, die die Euro-Norm erfüllen?« Am 12. August herrschte Chaos. In Baden-Württemberg, Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz wurde Ozon-Alarm ausgerufen. Und kein Motorradfahrer wußte so recht, darf er oder darf er nicht. Das hat seinen Grund: Der Bund überließ den Ländern bereits 1995 freimütig, was sie unter einem schadstoffarmen Krad verstehen. Die Folge: In Bayern und Hessen brauchen Motorräder einen geregelten Katalysator, in Brandenburg, Bremen, Thüringen und Niedersachsen müssen sie Grenzwerte unterschreiten, die ebenfalls in der Regel nur mit einem G-Kat zu schaffen sind. Die übrigen Länder halten sich an die ab 1999 europaweit gültigen Grenzwerte für Neuzulassungen, die - grob geschätzt - rund 80 Prozent der neueren Modelle erfüllen. Das schafft Gerechtigkeit. Denn wer in Baden-Württemberg zum Beispiel eine Yamaha XV 535 hat, bekommt eine Plakette und darf während eines Ozon-Alarms in Deutschland rumdüsen. Wohnt der Biker dagegen in Hessen, muß er zu Hause bleiben. Soweit die Theorie.Am 12. August standen keineswegs alle Räder still. Im Gegenteil. Tausende gesetzestreuer Auto- und Kradfahrer ratterten zu den Zulassungsstellen, um sich eine Plakette zu kaufen. Ohne Pepper drohte schließlich 40 Mark Geldstrafe. Andere logen einfach, daß sich die Balken bogen. Kannten sie doch die Ausnahmen: Urlauber und Pendler dürfen losbrummen. Ohne Plakette und mit jedem Auto oder Bike bundesweit. Falls der Fahrer zumutbar keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Was sich prima interpretieren läßt. Den Augen des Gesetzes zum Trotz: »Die Verordnung ist ein Witz. Die Polizei macht sich doch zum Hampelmann, wenn sie die Ausreden nachprüft«, kritisiert Rüdiger Holecek, Pressesprecher der Gewerkschaft der Polizei. Doch die Verwirrung reicht weiter: In Sachsen genügt die schriftliche Ausnahmegenehmigung als Beweis fürs schadstoffarme Krad, in Bayern und Rheinland-Pfalz sind Plaketten vorgeschrieben. Auf Tank oder Seitenverkleidung sollten sie kleben, schlagen die Nordrhein-Westfalen vor. Wohingegen Sachsen-Anhalt verlauten laßt: Aufkleben nur, falls technisch möglich. Aber Plakette mitführen. Wer da noch weiß, von wem er 40 Mark kassieren darf, blickt durch. Was man von den Zulassungsstellen, die die Ausnahmegenehmigungen erteilen, nicht behaupten kann. In rheinland-pfälzischen Ludwigshafen zum Beispiel lautet die telefonische Auskunft: G-Kat als Voraussetzung. Falsch geraten (siehe Tabelle). Nach dem Ozon-Alarm hagelte es Kritik: Das Fahrverbot sei wirkungslos und nicht praktikabel, hieß es fast unisono. Die Grünen in Hessen sprachen von einem »Placebo-Effekt«, der saarländische Umweltminister Willy Leonhardt hält es für eine »blanke Farce«. Der Pressesprecher des saarländischen Verkehrsministeriums, Bernd Dunnzlaff, klagt: »Wir kriegen Prügel für diesen Schwachsinn. Dabei halten wir gar nichts von diesem Gesetz.« Und Felix Stenschke, Pressesprecher des hessischen Verkehrsministeriums, sagt´s drastisch: »Da hält sich keine Sau dran. Weil das babylonischer Bürokratismus ist.« Nur Bundesumweltministerin Angela Merkel freut sich, daß Deutschland das weltweit strengste Gesetz habe. Wie schön. Am Tag, als der Regen kam, sanken auch die Ozonwerte. Und der Verkehr floß wie zuvor.
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