Paris-Dakar am Scheideweg (Archivversion)

Paris-Dakar am Scheideweg

Als sich vor 25 Jahren einige Dutzend verrückte Motorradfahrer in die Sanddünen der Sahara stürzten, um möglichst schnell Dakar zu erreichen, war ich noch ein Jungspund. Schnell drang die Kunde vom abgedrehtesten und härtesten Rennen der Welt auch unter meinen Helm. Yamaha dominierte mit der XT 500 die Rallye, ein Mythos war geboren. Der mächtige Single zog selbst mich, damals überzeugter 250er-Zweitakt-Straßenpilot und allem Stolligem abgeneigt, in seinen Bann. Viele spektakuläre Jahre der Rallye, geleitet von der Lichtgestalt Thierry Sabine, folgten. Honda, Yamaha, BMW und Cagiva entwickelten grandiose Prototypen und gaben sich mit aufwendigen Werkseinsätzen die Kante. Ein neuer Maschinentyp entstand: die Rallye-Replikas. BMW R 100 GS, Honda Africa Twin, Cagiva Elefant und Yamaha Ténéré und Superténéré begeisterten das zweirädrige Volk – nicht nur mit ihrem sportlichen Äußeren, sondern auch mit ganz bodenständigen Reisequalitäten. Die riesigen Spritfässer der Rallyebikes waren optimal für Langstreckenfahrer, Verkleidungen für Enduros wurde hoffähig, starke Zweizylinder-Motoren kombiniert mit langen Federwegen – Erfolgsrezept für die Dakar mit ihren halsbrecherischen Highspeed-Etappen– sorgten auch bei Reisefreaks für Verzückung. Neben dem tollen Fahrkomfort auf ihren hochbeinigen Maschinen genossen sie noch den Flair eines ruhmreichen Rallyeablegers.Dann war es plötzlich vorbei. Die Japaner zogen sich zurück, Cagiva ging das Geld aus, selbst die erfolgreichen BMW-Mannen um Sportchef Berti Hauser strichen die Wüstenrallye-Segel. Japanische Reiseenduros näherten sich immer mehr den Straßenmaschinen an. Die Nachfolger der Replikas heißen heute Varadero, V-Strom, TDM und Caponord. Aber wirken die nicht alle ein wenig müde? Einzig KTM hält noch die Fahne hoch. Die rührigen Mattighofener rüsten inzwischen nahezu das gesamte Feld mit ihren Singles aus, und ihre Zweizylinder-Maschine pflügte sich vergangenes Jahr ebenfalls schon zum Sieg. In dieser Saison bereichern feine Ableger der Rallyemaschinen die Modellpalette. Gut gemacht.Aber kann das alles sein? Ich meine nein. Die Rallye wird so vor die Hunde gehen, zumindest, was die Motorrad-Klasse betrifft. Und damit wird wieder eine Chance vergeben sein, die Jugend für dieses Hobby zu begeistern. So wie mich vor 25 Jahren fürs Endurofahren, als der Mythos Paris-Dakar geboren wurde.
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