Parken in Städten (Archivversion)

Groschenoper

Erst kommt die Kohle, dann die Moral. Einige Städte kassieren Biker gnadenlos ab. Obwohl Zweiräder wenig Platz brauchen und keine Staus verursachen.

»Parkflächen sind kostbar. Warum sollten Motorradfahrer keinen Obulus entrichten?« Für Günter Schmidt eine rhetorische Frage. Der Leiter der Abteilung Verkehrsregelung bei der Freiburger Straßenverkehrsbehörde hat nur ein Problem. Kaum ein Biker berappt zwei Mark die Stunde vor dem Colombi-Hotel. Statt die ausschließlich für Kradler reservierten Parkuhren zu füttern, stellen die meisten ihr Motorrad lieber auf dem nahegelegenen, gebührenfreien Zweirad-Parkplatz ab. Die Folge: Freiburg wird, genau wie zuvor schon Köln, diesen Versuch, ihre leere Kasse zu füllen, aufgeben. Schmidt: »Das geht wohl fehl.«Ob zwei oder vier Räder - beim Parken sind vor dem Gesetz theoretisch alle gleich. Mofas, Mopeds, Roller und Motorräder sollten parallel und keineswegs quer zum Fahrbahnrand auf der Straße abgestellt werden. Doch viele Autolenker toben, wenn Zweiräder den ohnehin raren Raum für ihre Blechkisten besetzen. Parkplatz-Demonstrationen in Köln, Aachen und Bonn haben Anfang der neunziger Jahre bewiesen, daß massenhaftes legales Parken von Krädern den Verkehr in den Stadtkernen total lahmlegt. Wohin also mit den Bikes? Parken auf Gehwegen ist grundsätzlich verboten. Trotzdem wird es in vielen größeren Städten - zum Beispiel in Berlin, Essen, Köln, Aachen, Karlsruhe, Stuttgart, Leipzig und Münster - toleriert. Aber nur, wenn das Motorrad niemand behindert. Auf dem Bürgersteig muß neben dem längs zur Fahrtrichtung geparkten Bike mindestens noch 1,50 Meter Platz sein, damit ein Kinderwagen locker vorbeigeschoben werden kann. Dagegen sind Bürgersteige in anderen Städten heilig. Vor allem in Kur- oder Touristenorten. Gehwegparker werden etwa in Füssen, Tübingen, Freiburg, Limburg und Landshut gnadenlos verwarnt. »Gehwege sind, wie der Name schon sagt, für Fußgänger da.« Meint Andreas Rösel, Leiter der Verkehrsüberwachung in Füssen. Da weicht ein braver Biker lieber auf einen regulären Stellplatz auf der Straße aus. Doch der kostet meist Geld. Inzwischen ziehen viele Städte Parkschein-Automaten den Parkuhren vor - mit Konsequenzen für Zweiradfahrer. »Ich wundere mich immer wieder, daß die Industrie nicht dafür sorgt, daß man Parkscheine am Motorrad diebstahlsicher unterbringen kann«, meint Erwin Hoffmann, Leiter des Referats Recht, öffentliche Sicherheit und Ordnung bei der Stadt Landshut. Als grobe Faustregel gilt: Wird Gehwegparken nicht toleriert, gibt´s ohne Parkschein auch nicht so schnell ein Knöllchen. Weil Ordnungshüter wissen, daß sich Motorräder nicht plötzlich auflösen, gucken zum Beispiel Politessen in Tübingen nicht so genau hin, wenn bei einem Bike der Parkschein fehlt. Auch die Füssener schreiben dann nicht sofort eine Verwarnung aus. Rösel: »Wir wollen schließlich nicht, daß man sagt, bei uns werden die Leute abgekocht.«Traurige Berühmtheit als »Abzockfalle« bei Motorradfahrern hat Freiburg erlangt. Denn dort zeigen die Vollzugsbeamten kein Erbarmen mit Parksündern. Genau wie in Bonn. Der dortige Chef der Bußgeldstelle, Werner Geisbüsch, hat weder was für Motorräder auf dem Gehsteig noch für Kräder ohne Parkschein übrig. Ob den Zettel jemand geklaut hat oder nicht, ist ihm wurscht. Wer erwischt wird, zahlt. Schließlich gebe es rund 150 kostenfreie Zweirad-Parkplätze in Bonn. »Davon träumen Autofahrer doch«, meint Geisbüsch, der den Bonner Bikern ganz nebenbei bescheinigt: »Sie parken ausgesprochen vorbildhaft.« An Parkuhren, die Stellflächen für Autos markieren, können mehrere Motorrader stehen. Nur einer muß zahlen, allerdings kriegen alle Kräder ein Knöllchen, wenn die Uhr abgelaufen ist. »Das Problem kommt jedoch praktisch nie vor«, meint Uwe Sczepanski, Abteilungsleiter Verkehrsüberwachung bei der Stadt Essen.Ungern gesehene Gäste sind Motorradfahrer in vielen Parkhäusern. Der Grund: Die Kontaktschleifen, die die Schranken auslösen, reagieren nicht zuverlässig auf Zweiräder. »Zudem gibt es das Risiko, daß Motorradfahrer einfach an der Schranke vorbeifahren«, weiß der Geschäftsführer des Bundesverbands der Park- und Garagenhäuser, Gerhard Trost-Heutmekers. Allerdings hat der Verband keine Empfehlung für eine einheitliche Signierung ausgesprochen. So daß ein Motorradfahrer nicht weiß, ob er nun in einem bestimmten Parkhaus erwünscht ist oder nicht.Bleiben Motorrad-Parkplätze. Die gibt es inzwischen in vielen Städten. Doch für ortsfremde Kradler, die ohnehin nicht wissen, was sie in welcher Gemeinde nun tun dürfen oder lassen müssen, wird´s schwierig. Zum Beispiel räumen die Tübinger frank und frei ein, daß nur Insider die Plätze überhaupt finden. Und die meisten Städte haben in den letzten Jahren eher Parkflächen verringert, als neue angelegt. Und das trotz steigender Zulassungszahlen. Aachen bildet mit 200 Stellplätzen eine rühmliche Ausnahme. Auch der Verkehrsausschuß der Stadt Freiburg plant zwischen 60 und 150 neue Parkplätze für Bikes. Generell reichen die Flächen während der Saison kaum aus. Deshalb fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft Motorrad (BAGMO) mehr Parkplätze für Motorräder. Schon weil die Wahl zwischen Knöllchen oder Duldung von zu vielen Faktoren abhängt: der vorherrschenden Parkplatznot, dem Ermessen einzelner Politessen, den Interessen mancher Lokalpolitiker, die den Individualverkehr aus den Innenstädten drängen wollen. Oder ganz einfach davon, ob der leitende Verkehrsüberwacher selbst Motorrad fährt. Wie in Essen. Selbst der Deutsche Städte- und Gemeindebund, in dem knapp 14 000 Kommunen organisiert sind, hat in einem Rundschreiben bekannt, »daß die Parkprobleme der Fahrer motorisierter Zweiräder im Rahmen der kommunalen Verkehrsentwicklungsplanung insgesamt zu wenig Beachtung finden«. Laßt Worten Taten folgen.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote