Perfekt fahren mit MOTORRAD: Feinmotorik und Langsamfahren (Archivversion)

Perfekt fahren mit MOTORRAD: Feinmotorik und Langsamfahren

Wer gut langsam fährt, fährt sicher schnell. Trialartist Christian Pfeiffer macht den Vorturner.

Nein, nein, das muss niemand drauf haben. Lenker am Anschlag, aber nicht anfassen, rücklings auf dem Motorrad liegen und einen Vollkreis fahren. Nicht einmal, wer Motorradfahrer des Jahres werden will, braucht Christian Pfeiffer, unserem akrobatischen Fotofahrer nachzueifern. Über dem Durchschnitt sollte das Fahrkönnen aber schon liegen. In ein paar Folgen »Perfekt fahren mit MOTORRAD« helfen wir, die Grundkenntnisse aufzufrischen. Das nützt nicht nur den Motorrad-des-Jahres-Wettbewerbern, sondern jedem Biker, der in die Saison startet. Fangen wir also mit den Langsamfahrübungen an. In dem Bereich, in dem das Motorrad durch die Kreiselkräfte der Räder noch keine Eigenstabilität entwickelt, so etwa bis 25 km/h, kommt es ganz besonders auf das harmonische Zusammenspiel von Mensch und Maschine an. Die Koordination von Kupplung, Gas und Bremse in Verbindung mit fein dosierten Lenk- und Körperbewegungen stellt selbst manch routinierten Motorradfahrer auf die Probe. Feinmotorik ist also gefragt. Und ein stilles Asphaltplätzchen, vielleicht ein Parkplatz, der am Wochenende brach liegt. Man nehme sich eine halbe Stunde Zeit, auch um ein paar Gedanken an die Fahrphysik zu verschwenden. Bekanntlich befindet sich ein Motorrad bei langsamer Fahrt in einem labilen Gleichgewichtszustand. Nur durch ständige Lenkbewegungen gelingt es, den gemeinsamen Schwerpunkt von Mensch und Motorrad über der Verbindungslinie der Reifenaufstandsflächen zu halten. Es kommt zu einem permanenten Auspendeln um die Schwerpunkt-Senkrechte. Fahrer und Maschine beschreiben zur Stabilisierung eine Schlangenlinie. Dazu eine Übung. Im Schritttempo schlicht geradeaus fahren. Am besten vorher eine ungefähr zehn Meter lange und einen halben Meter breite Gasse markieren - mit Kreidestrichen oder halbierten Tennisbällen. Die Übung besteht darin, diese Gasse so langsam wie möglich entlang zu rollen. Das erreicht man am besten im ersten Gang mit schleifender Kupplung. Sie sollte so feinfühlig dosiert werden, dass kein Lastwechsel spürbar wird - also Millimeterarbeit um den Schleifpunkt herum. Nur minimal Gas geben, höchstens so viel wie beim Anfahren. Abgebremst wird mit fein dosierter Hinterradbremse, die das Motorrad stabilisiert. Gerade so viel verzögern, dass man das Gefühl hat, jemand hielte das Motorrad hinten fest. Am ehesten gelingt die extreme Langsamfahrt, wenn der Blick weit voraus gerichtet wird. Nicht vor das Vorderrad starren. Versuchen, locker auf dem Motorrad zu sitzen und sich nicht anzuspannen. Sinn macht es auch, sich von einem Begleiter beobachten zu lassen, der die Zeit stoppen und Blick- und Manövrierverhalten beurteilen kann.Jetzt eine andere Langsamfahrübung, die enge Wende. Beginnen wir mit einem Oval, das an seinen Enden einen Wendekreis von mindestens acht Meter Durchmesser hat. Später dann den Wendekreis auf bis zu fünf Meter Durchmesser reduzieren. Ganz wichtig: Dorthin schauen, wohin die Fahrt geht und nicht vors Vorderrad, Finger weg von der Vorderradbremse. Wie es Christian auf Seite 166 oben rechts demonstriert. Mit schleifender Kupplung und zugleich gebremstem Hinterrad die Geschwindigkeit kontrollieren. Je näher man dem Lenkanschlag kommt, um so schwieriger wird«s. Jeder hat eine Schokoladenseite. Daher verstärkt die Richtung trainieren, in die das Wendemanöver schwerer fällt. Ein Tipp: Es kann hilfreich sein, das Körpergewicht vor der Wende auf die Kurvenaußenseite zu verlagern und so die Maschine in die Kurve zu drücken. Weil´s so schön war, diese Übung zu einer Acht ausbauen, die etwa zehn Meter lang und sechs Meter breit ist. Die Strecke wird wie zuvor mit wenig Gas und schleifender Kupplung gefahren, wenn nötig hinten, aber nie vorn abbremsen. Weiter im Takt: langsamer Slalom. Die halben Tennisbälle im Abstand von drei bis dreieinhalb Metern in einer Reihe hinlegen. Beim Durchfahren des Slaloms die Geschwindigkeit mit Kupplung und Hinterbremse so langsam wie möglich einregulieren und dabei den Blick hin und her pendeln lassen zwischen dem Tor, welches gerade durchfahren wird und der Ferne.So, die erste Viertelstunde ist rum. Christian Pfeiffer wird’s beim Fotografieren ein bisschen langweilig. Klettert auf die Sitzbank, stellt sich auf den Tank. Nicht nachmachen, das geht schief. Dann zeigt uns Christian, wie ein Trial-Stopp geht. Erstmal auf gerader Strecke im ersten Gang anfahren und etwas beschleunigen, dann bis zum Stillstand abbremsen und ausbalancieren. Drei Gedenksekunden einlegen. Füße auf den Rasten lassen. Bevor das Motorrad kippt, langsam wieder anfahren. Hört sich einfach an, nach etwas Übung ist es auch einfach. Christians Tipp: Die Vorderradbremse kurz vor dem Stillstand kräftig ziehen. Denn bei der Geradeausfahrt ist kein Kippen zu befürchten, und das leichte Eintauchen der Gabel kann beim Balancieren des langsamer werdenden Motorrades helfen. Blick weit voraus, Oberkörper nach vorn beugen. Einfach mal ausprobieren.Wer noch Lust hat, versuche einen Sofortstart, später mit gleichzeitigem Abbiegen. Sieht nicht nur cool aus, sondern ist auch ein Erkennungszeichen des geübten Motorradfahrers. Der Motor läuft im Leerlauf. Der rechte Fuß ruht auf der Raste, der linke stützt das Motorrad. Dann wird der linke Fuß hochgenommen, der erste Gang eingelegt und gleich losgefahren, ohne das Motorrad nochmals mit dem Fuß abzustützen. Das Ganze wiederholen mit voll eingeschlagenem Lenker. Meister Pfeiffer ist selbst das zu simpel. Also steht er mal auf, nimmt einen Fuß von der Raste, balanciert eine halbe Minute im Stand mit voll eingeschlagenem Lenker seiner SV 650, dann fährt er gemütlich los ums Eck, so ungefähr mit eineinhalb km/h. Zur Nachahmung nur empfohlen für Kandidaten zum Motorradfahrer des Jahres. Was man da alles können muss, findet man in den Anmeldeunterlagen, siehe Kasten auf Seite 167. Noch können Sie mitmachen. Welche Vorrunden in Ihrer Nähe sind, finden Sie ebenfalls in dem Infokasten. Viel Glück.
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