Perfekt fahren mit MOTORRAD (Archivversion)

Kräfte am Reifen

Reifen - die schwarzen Würste sind beim Motorradfahren die Verbindung zu Mutter Erde. Sie übertragen jede Richtungsänderung, jede Beschleunigung und jede Verzögerung. Sie beeinflussen den Geradeauslauf und die Handlichkeit des Motorrads und sorgen durch ihr Haftvermögen für ungetrübten Kurven- und Fahrspaß. Echte Allroundgenies also, solche Reifen. Welchen Einflüssen sind sie aber tatsächlich unterworfen?Zunächst müssen die schwarzen Gummis natürlich die vielen Kräfte, die auf sie wirken, formstabil verkraften. Dabei hilft eine stabile Karkassenkonstruktion (siehe auch MOTORRAD 11 und 12/1997, »Großer Reifentest«). Reifen ertragen nicht nur die Gewichtskraft von Fahrer und Motorrad, sondern auch die Fliehkräfte, die bei rotierenden Rädern wirken. Weiterhin sind sie beim Beschleunigen und Bremsen den sogenannten Umfangskräften und beim Kurvenfahren Seitenführungskräften ausgesetzt.Diese drei Kräfte stehen wiederum in direktem Zusammenhang mit der jeweiligen Beschleunigung: der Antriebsbeschleunigung, der negativen Bremsbeschleunigung (oder Verzögerung) und der durch Kurvenfahrt hervorgerufenen, nach außen gerichteten Zentrifugalbeschleunigung. Für die Reifenhaftung, egal ob beim Bremsen des vorderen Pneus, beim Beschleunigen des hinteren oder in Schräglage beider Reifen, ist entscheidend, daß die Beschleunigung nie größer als 9,81 m/s² wird (dies entspricht der Erdbeschleunigung: 9,81 m/s² = 1 g). Wird dieser Wert überschritten, reißt theoretisch die Haftung ab, es kommt zum Rutschen. (Tatsächlich ist durch Verzahnungseffekte zwischen Reifen und Fahrbahn immer mehr als 1 g möglich.)Wird der Wert überschritten, blockiert beim Bremsen das Vorderrad oder beim Beschleunigen dreht der Hinterreifen durch. Oder das Motorrad rutscht aus der Kurve, wenn die Fliehkräfte größer als die Seitenführungskräfte werden. Unangenehm. Der Übergang zwischen Haften und Rutschen ist aber eher fließend. Kommt es dazu, ist es extrem wichtig, bei der Reaktion so wenig Störeinflüsse wie möglich zu erzeugen, also sanft und wohldosiert zu bremsen, Gas zu geben oder zu lenken.»Progressives« Handeln ist beim Fahren sowieso immer angesagt, das heißt, Manöver wie hartes Bremsen/Beschleunigen oder Einlenken in große Schräglage sind immer sanft einzuleiten. Oft werden kritische Beschleunigungen erst durch Belastungsspitzen hervorgerufen, wenn der Fahrer ruckartig zu Werke geht. Dadurch werden Reserven verspielt. Ein runder Fahrstil ist also stets extrem wichtig.Die kritischste Situation ist dann gegeben, wenn sich die verschiedenen Kräfte am Reifen überlagern, zum Beispiel beim Bremsen und Beschleunigen in Schräglage. Dazu eine gute Nachricht: Reifen sind in der Lage, Umfangskräfte und Seitenführungskräfte gleichzeitig zu ertragen. Der Zusammenhang ist dabei empirisch im sogenannten »Kammschen Kreis« zusammengefaßt. Dieser sagt im wesentlichen aus, welche Kombination aus Umfangs- und Seitenführungskräften der Reifen haftend aufnehmen kann. Im Klartext: wie stark auch in Schräglage gebremst oder beschleunigt werden kann. Dies geht nämlich erstaunlich gut. Rennfahrer bremsen selbst bei Schräglagen von über 40 Grad noch mit einer Verzögerung von immerhin 5 m/s², also der halben Erdbeschleunigung. Der Wert klingt nicht dramatisch, ist aber größer als der, den die meisten Motorradfahrer sich bei blosser Geradeausfahrt zutrauen.Das Bremsen in Schräglage kann in Notsituationen überlebenswichtig sein. Im Prinzip ist der Reifen dabei nicht stärker belastet als beim Herausbeschleunigen aus einer Kurve - Schräglagenbremsen erfordert aber wesentlich mehr Fingerspitzengefühl. Viel Erfahrung und Routine sind nötig, um es zu beherrschen, weil sich das Motorrad dabei mehr oder weniger stark - abhängig von Kontur und Breite des Vorderradreifens - aufrichtet. Und eventuelle Vorderradrutscher sind weit schwerer zu beherrschen als Hinterradslides. Also, bitte langsam anfangen und ständig perfektionieren.
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