Portät Fifty-nine Club in London (Archivversion)

Pater noster

Ausgerechnet ein Priester gründet 1959 für seine Schäfchen, die aufmüpfigen Halbstarken aus dem Ace Café in London, einen Motorradclub. Was damals anrüchig war, ist heute kurios: britisch eben.

Als ihn die Kirchenoberen Anfang der sechziger Jahre an die Eton College Mission, eine Pfarrstelle ins ärmliche Londoner Eastend Hackney Wick, versetzten, war Pater Bill Shergold alles andere als ein Motorradfan. Bloß zwangen ihn seine bescheidenen finanziellen Möglichkeiten dazu, seine Gemeindemitglieder auf einer gebrechlichen BSA 250 abzuklappern, einem billigen Gefährt, das wenig Sprit schluckte, dafür schlecht ansprang. Pater Bill mußte sich von seinen Schäfchen so manche Häme gefallen lassen. »Jetzt sollte man fluchen dürfen, was, Pater Bill?« spottete ein Nachbar, als der junge Priester in seiner verschwitzten Robe wieder einmal versuchte, die störrische BSA in Gang zu setzen. Um Jugendliche aus der tristen Londoner Vorstadt der anglikanischen Kirche näher zu bringen, kommt Pater Bill - angeregt durch einen Zeitungsartikel, der von einem Motorradgottedienst in der neuen Kathedrale in Guildford handelte, einer nicht minder düsteren Gegend von Großbritanniens Hauptstadt - auf die Idee, so etwas auch mal zu probieren. »Du mußt mal ins Ace Café, da sitzen die ganzen Halbstarken, die es am nötigsten hätten«, riet ihm damals jemand. Mit ordentlich Schiß in der Hose zieht es den Pater, bepackt mit einem Stapel Einladungsbroschüren, schließlich am Vorabend der Messe doch noch in das als Schlägertreff verschriene, knackvolle Ace Café, vor dem jede Menge BSA, Triumph und Norton parken. Anstatt mit Steinen wird er neugierig mit Fragen bombardiert. Wo, was, wann und warum zum Teufel, was soll das Ganze? »Ähnlich der Ritter, die auf ihren Rössern für hohe Ziele wie Treue, Höflichkeit und Ritterlichkeit einstanden, soll eine Segnung der Stahlrösser in der Kirche ein Zeichen für ihre vernünftigen Piloten setzen, die überlegt handeln können und ihren Glauben bezeugen«, erklärt Pater Bill. Ob er es damals wirklich so geschwollen ausgedrückt hat? Egal, die Jungs finden das großartig, und die Messe wird ein voller Erfolg. Dieselbe Presse, die zuvor Ace Café-Besucher und Hells Angels in einen Topf geworfen hat, überschlägt sich, zahlreiche TV-Teams sind gekommen. »Meine Kirche sah aus wie ein Filmstudio«, erinnert sich Shergold, der so unzählige Freunde und Anhänger gewinnt und mit Fanpost regelrecht überschüttet wird. Das bald darauffolgende Fest in der Pfarrei in Eton ist gleichzeitig sein 20jähriges Priesterjubiläum. Der 1959 von seinem Vorgänger gegründete Jugendclub namens 59 Club bekommt einen Mordszulauf. Nach dem Umzug aus der Pfarrei in den Stadteil Hammersmith erlebt der kirchlich gesponsorte Club eine Hoch-Zeit, die sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann. Vier Jahre nach der Belebung durch Pater Bills Kontakte mit den Ace-Club-Bikern zählt er 13000 Mitglieder, hat mit der LINK eine eigene Zeitschrift. In den Clubräumlichkeiten gibt es mittlerweile Reparaturworkshops mit eigenem Werkzeug, eine Bar samt Jukebox. Kurze Zeit später wird eine Motorrad-Geländesportgruppe gegründet. Bis in die frühen siebziger Jahre hält die Glanzzeit von Englands größtem Motorradclub an. Bill Shergold, heute 78 und Ehrenpräsident des Clubs, tritt den Vorstand an Pater Graham Hullett ab. Damals bewilligt die Londoner Stadtverwaltung - der Club war ja längst als soziale Einrichtung eingetragen - sogar eine volle Stelle für eine Art Sozialarbeiter, der ganze 20 Jahre nicht nur die administrativen Dinge erledigt, sondern auch für das Clubmagazin LINK verantwortlich ist. In den Achtzigern dann wird es stiller um den 59 Club, bis 1988 ein engagiertes Clubmitglied - Ken-Gordon Smith - auf die Idee kommt, eine Sektion für Fans von klassischen englischen Motorrädern zu formieren, was das Clubleben wieder aktiviert. »Wir hatten Fußball- und Tauchgruppen, warum also keine Sektion für Mitglieder mit klassischen Bikes?« begründet der Rock`n’Roll-Liebhaber seine Idee. In den achtziger Jahren war die Yoghurtbecher-Fraktion - Besitzer japanischer Sportmaschinen - längst in der Überzahl, die Klassikfans, meist ältere 59er, kamen sich etwas verloren vor. Heute ist wieder ein Pater - Scott Anderson - Vorsitzender des 59 Clubs; die Londoner Stadtverwaltung wollte die Sozialarbeiterstelle nicht mehr bezahlen, der Club, der jetzt nur noch 1000 Mitglieder zählt, mußte zurück ins Eastend ziehen, die Werkstatt aufgegeben werden. Pater Scott hat sich der neuen Zeit angepaßt, besitzt eine Kawasaki ZX-R 750 und entschuldigt sich beim Reporter mit den Worten: »Den Triumph Café-Racer und meine Leader-of-the-Pack-Nietenjacke hab ich heute im Pfarrhaus gelassen.« Die Coffee Bar des Clubs leert sich gegen halb zwölf nachts, die letzten 59er verabschieden sich stocknüchtern. Es gibt keinen Alkohol, eine Tradition aus alten Tagen, und keiner vermißt ihn.
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