Porträt Andreas Hoppe (Archivversion)

Der V-Mann

In seiner Rolle als Tatort-Kommissar Mario Kopper kutschiert Andreas Hoppe klapprige Alfas, im Leben jenseits der Glotze fühlt er sich ebenfalls dem Alten, Schönen und Wahren verbunden - seiner Moto Guzzi V7.

Der Athena-Grill in Wilmersdorf lockte anno 1976 mit Pizza für eine Mark fuffzig mopedfahrende Gourmands an. Dem Fresstempel gegenüber baute die Stadt Berlin. »Dass hier später die Schaubühne ein neues Domizil finden sollte, hat mich damals nicht interessiert«, sagt Andreas Hoppe. Doch darstellerisches Potenzial offenbarte er bereits mit 16 Jahren. »Ich bin immer mit dem Helm in der Hand zur Imbissbude getigert, damit es so aussieht, als ob ich schon eine Große hätte.« Und die Jungs aus seiner Clique kultivierten dies und jenes ebenso: im Formationsflug durch die Straßen knattern, den gemeinen Schultheiss-Berliner, so benannt nach dem Bier, das er im Trainingsanzug über Feinripp und Wampe inhaliert, zu Schimpforgien über die Jugend von heute animieren, den Mädels mit riskanten Slides imponieren und andere artistisch kradistische Großtaten mehr. Noch heute fährt Hoppe in ‘ner Gang, »Brotherhood of the Iron Goat Fuckers« heißt die, Bruderschaft der eisernen Ziegerficker. »Da muss einer schwer gezecht und an noch schwereren Beziehungsschwierigkeiten geknabbert haben«, grient Hoppe. Sei’s drum, mittlerweile befinden sich die Goat Fuckers fast alle in festen Händen und in eheähnlichen Verhältnissen zu Guzzi, Laverda, Moto Morini, Triumph, BSA, Norton und Co. Man treibt, so verlangt’s dieser Club ohne Satzung, Präsi und Kassenwart, Klassisches durch Berlin. »In Zeiten, die so wackelig und oberflächlich sind«, erklärt Hoppe seine Passion, »sollte es was Altes und Echtes sein.« Als er sich nach argen und kargen Stadttheaterjahren endlich wieder ein Motorrad leisten konnte, verknallte er sich subito in Guzzi V7 Speciale.»Das Motorrad ist bei mir eine gewachsene Sache«, betont Hoppe. Er kradelt in der dritten Generation. »Vater und Großvater sind Flugplatzrennen gefahren.« Weil Mopeds in den Siebzigern bekanntermaßen an der geheimnisvollen Krankheit laborierten, ausgerechnet vor Wochenendtouren den Geist aufzugeben, waren die Freitagabende oft schrauberischen Operationen gewidmet. Zusammen mit dem Herrn Papa, Feinmechaniker von Beruf. »Weil wir keine Garage hatten, saßen wir im Dunkel des Hofs mit Taschenlampen auf oder unter der Regenplane.« Das sind diese Nächte, die er nie vergisst. Auch an seiner V7 aus dem guten Jahrgang 1970 legte Hoppe einst nicht nur bei Bagatellen Hand an. Bis der Zeitpunkt kam, wo er vor lauter Bastelei und Improvisiererei nicht mehr zum Fahren, geschweige denn zum Arbeiten gekommen wäre. Konsequenz: Service outsourcen. Also kümmern sich nunmehr die italophilen Motorradspezialisten von V2 in Kreuzberg um die Diva. Mit der Hoppe immer öfter in den pittoresken Hinterhof bollert, wo die Edelschrauber residieren. Nicht der V7 wegen, die beweist Charakter und läuft und läuft und läuft, meistens. Sondern wegen Tom, Bert und den anderen Koryphäen von V2. Die gehören zum Umkreis der Goat Fuckers und also auch zu Hoppes Freundeskreis. »Man lernt sich übers Motorrad kennen und stellt dann fest, dass einen mehr verbindet.« Menschen mit einem Faible für urige Maschinen, wissen nun mal die Schönheit mechanischer Prinzipien im digitalen Zeitalter zu schätzen. Und ist es nicht auch eine Form der Opposition, sich in einer ach so cleanen Welt die Finger schmutzig zu machen? Widerspruch erhebt Hoppe allein schon durch seine Erscheinung, knapp zwei Meter groß, mächtige, prächtige Statur, sein Gesicht unter den langen dunkelbraunen Haaren brillant zerknautscht. Glatt bügeln lässt sich da nichts mehr. Das ist gut so, es gibt eh zu wenig Großstadtindianer. Dass Hoppe den Tatortkommissar Mario Kopper so überzeugend verkörpert, hängt auch mit seinem Drang zum Echten und zum Wahren, zum epochalen Motorrad eben, zusammen. Sicher kein Zufall, dass parallel zum Triumphzug der technischen Mechanik ein neues literarisches Genre entstand - die Detektivgeschichte. Mit dem Ermittler in der Rolle dessen, der Störungen im sozialen Getriebe behebt, bis er irgendwann erkennt, dass es auch die Gesellschaft ist, die solche Malaisen provoziert. Dies zu wissen macht einsam in einer Organisation wie der Polizei, die genau diesen Mechanismus verdrängen muss, um wie eine Maschine zu funktionieren. Kopper, der ebenso hemdsärmlige wie melancholische Bulle an Seite der resolut smarten Oberkommissarin Lena Odenthal, hat aus gutem Grund konstant Stress mit Kollegen und Vorgesetzten. Weil er, genau so wie ein guter Schrauber, der normativen Kraft des (Werkstatt-) Handbuchs, der Vorschriften und Konventionen misstraut. Koppers laut Drehbuch halbitalienische Herkunft, die Distanz schafft zum teutonischen way of life, tut ein Übriges dazu. »Wenn ich in der Tatort-Reihe einen Polizisten in Uniform spielen müsste, hätte ich vermutlich abgelehnt«, sagt Hoppe, der nach seinen heroischen Mopedjahren am Athena-Grill allmählich die Seiten wechselte, weg von Fress-, hin zum Kulturtempel. Irgendwie rutschte er in die Theatergruppe an seiner Schule, »eine völlig neue Welt für mich«, schrieb selbst Texte, las Dostojewski, natürlich, mischte in Punk- und Hausbesitzerszene mit. »Die Yamaha XT 500 war in unsern Kreisen sehr beliebt, äußerst fix und wendig im Großstadtverkehr, damit konntest du allen davonfahren.« Auch den Uniformierten. Hoppes Kohle reichte nur für 150er-MZ. Mit der dengelte er noch durch Hannover in seiner Schauspielschüler-Zeit. Sogar mitten im Winter, obwohl’s hart war, sich vor Bewegungs-, Sprechübungen und Proben erst mal eine Auftauphase zu genehmigen. Dann das erste Engagement in Bielefeld. Stadttheater. »Nicht mein Fall. Die Besetzungslisten wurden ans schwarze Brett gehängt. Da durfte man dann gucken, was man demnächst spielt, war mit zu blöde.« Dumm auch, dass er die Motorradfahrerei drangeben musste. »Der Job verlangte ein Auto, und für zwei Fahrzeuge hatte ich das Geld nicht.« Hoppe riskierte die Selbständigkeit, spielte mal hier, mal dort als gern gesehener Gast zehn Jahre lang Theater. Bis dann das Kino kam. »Der Cascadeur« »Sieben Monde«, »Kanak Attak«, »Alaska.de« und viele Streifen mehr. Bei einer Party traf er seine Studienkollegin Ulrike Folkerts wieder. Die stand als Kommissarin Odenthal schon längst fest in Seriendiensten »Ich brauche einen neuen Assistenten und habe sofort an dich gedacht.« Also startete Hoppe zusätzlich eine Polizeikarriere und, wann immer ihm Zeit bleibt, mit V7 ins Grüne rund um Berlin, das er so sehr liebt. Ab und an dabei: die Goat Fuckers, fast immer dabei Yvette Krummheuer, seine Freundin. Die Schauspielerin passt zu ihm. Schließlich fährt sie Moto Morini 3 ½, und das ist exakt die Hälfte von Guzzi V7.
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